:: A propos de Cologne III – Hirnforschung am männlichen Subjekt

Immer noch nicht überzeugt? Werfen wir einen Blick in die Geschichte (Schutzbrillen auf; ist nicht die Guido Knopp-Version).

Dem rechtskonservativen Mann (und nicht nur ihm) der Kaiserzeit und Weimarer Republik, schreibt Klaus Theweleit in seinen Männerphantasien, sind sexuell freie Weiblichkeit, linkspolitische Orientierung und Hurerei eins: „[…] die Begriffe Puff, Kneipe, Verbrecher, Kommunisten“ seien bei ihm „unlösbar und unentwirrbar miteinander verknüpft“, zitiert er den Freikorpsmann Ernst Ottwald, späteres Mitglied der KPD1) – ein Zeichen, daß patriarchale Einstellungen über Grenzen politischer Einstellungen hinweggreifen (auch in der KPD hatte man was gegen „Huren“, wie Theweleit im Weiteren zeigt). Beliebt war während der Ausschreitungen der Weimarer Zeit das Bild der aufgepeitschten Weiber, die den Arbeiterdemonstrationen vorangingen, und so die gewaltbereiten Männer vor den Gewehrläufen der Ordnungskräfte schützten – manchmal hielten sie sogar ihre Kinder vor sich, ein Appell an die Humanität der Soldaten, die ihre nachfolgenden Männer dann besser abmurksen konnten. Es ist diese Vorstellung eindeutig reine Phantasie, und keine, die mit der damaligen Zeit unterging; noch in den frühen ’80ern, zu Hausbesetzerzeiten, hörte Herr Sathom die Story von der Babies hochhaltenden Punkerbraut, die dem Molotowcocktail-Werfer voranzieht – Mordsweiber von Mordor. Ebenso wenig ist die Vorstellung der wüsten Frau, die mit den Mächten des Chaos paktiert, auf rechte Männer beschränkt; sie ist auch eine allgemein bürgerliche. Von Schillers Glocke ausgehend zieht sich die Darstellung der Frau, die grausamer ist, als jeder Mann sein könnte, als Bildungsgut durch die Hochkulturlandschaft; Rudolf Höß – ein Rechter wieder, ehemaliger KZ-Kommandant, kleinbürgerlicher Herkunft – betonte in seinen Erinnerungen, die weiblichen „Capos“ wären schlimmer gewesen als jeder Mann.2) Etwas, das sich gewiß nicht nur Nazis vorstellen können, etwas, das allgemein durch die Köpfe spukt und gern erzählt wird. Und mehr als häufig ist dieses Gruselweib verbündet mit schmutzigen, dunklen Männergestalten, den Agenten der Apokalypse.

Und was tut es für diese? Gewährt ihnen Zuflucht hinter seine Röcke (und darunter); tut letztlich, was Muttern tat, indem sie Vater bevorzugte (Verrat am Sohn)3). Diese Revoluzzer, ungewaschene Halunken („Asylanten“) dürfen, was man(n) selbst nicht mehr darf. Und will man auf sie los, stellen die Frauen sich vor die – welch ein Betrug!

Aber sind das nicht olle Kamellen? Kann solches Denken heute noch vorkommen?

Warum nicht? Zumindest Spurenelemente älterer Auffassungen können sich noch lang durch die Folgezeiten tradieren (siehe dazu in Teil II dieser Reihe die Anmerkung dazu, daß in Deutschland Vergewaltigung in der Ehe bis 1997 nicht als Straftat galt; Richter postulierten sogar noch 1966 eine Pflicht, Orgasmen vorzutäuschen – wehe, wenn das Weib nur teilnahmslos erduldet).

Anderes Beispiel. In der Zeit des frühen Bürgertums galt es als ausgemachte Sache, daß Frauen „porös“ wären, wie Schwämme allerhand Luftfeuchtigkeit, und mit ihr üble Einflüsse aufsaugen (dito Emotionen, aus Romanen z.B.), was sie quasi unzurechnungsfähig macht. Noch im frühen 20. Jahrhundert galt die Frau als physiologisch bedingt schwachsinnig. Diese abstrusen Ideen sind geschwunden, wo die Wissenschaft sie widerlegen konnte – doch die Vorstellungsbilder, die sich von der griechischen Antike her durch das europäische Denken ziehen, sind geblieben: Da sind die Höhen des Geistes, der getrennt vom Körper(!) etwas Ätherisches hat, dem Himmel zustrebt, frei von irrationalem Ballast wie Gefühl und Empfindung; da ist der Körper, der alte Esel, mit seinem subjektiven Gespinster der Emotionen. Das eine wird noch immer stärker dem Mann, das andere der Frau zugeordnet. Ja, die Idee, daß die Gebärmutter verrückt macht, wird nicht mehr geäußert – doch siehe: Frauen, die Belästigungen beklagen, sind bloß überempfindlich oder spinnen. Auch ohne die kruden Säftelehren läßt sich das dahinter schwärende Bild der irgendwie nicht ganz dichten Frau weiterhin bei Bedarf aus der Schublade zaubern.

Im Übrigen verweist Herr Sathom zur Antwort ganz einfach auf exakt jene Behauptung, die unter der Überschrift „Kölnrelativierung“ nun einmal verbreitet wird. Kommt die uns jetzt plötzlich bekannt vor? Nun, sie stammt nicht aus dem letzten, oder sonst einem dahingegangenen Jahrhundert.

So, nun haben wir für heute genug gelernt; Herr Sathom wünscht einen guten Tag und plant für demnächst mal wieder ein anderes Thema.

Begriffserklärungen

Tsathoggua – Kröte mit Fledermausohren, deren Statuen in den Horrorerzählungen von H.P. Lovecraft vom Formlosen Gezücht, einer Spezies amöboider Ölkleckse, verehrt werden. Warum diese keinen anderen Klecks, sondern einen anthropomorphen Froschhybriden anbeten, bleibt weitgehend unklar.

Necronomicon – Buch, wo laut Lovecraft sowas drinsteht. Wer es liest, wird verrückt. Wer verrückt genug ist, es trotzdem zu lesen, den macht es noch verrückter. Wird, nach Mr. Lovecrafts Geschichten zu urteilen, offenbar gern gelesen.

Patriarchal – Adj./Adv., abgeleitet von Patriarchat, was im Gegensatz zur landläufigen Meinung nicht „Männerherrschaft“, sondern „Väterherrschaft“ bedeutet. Ob der Begriff das Geschlechterverhältnis in unserer Gesellschaft noch adäquat beschreibt, könnte daher gefragt werden (die konservativen Männer, die sich im Gegensatz zur Frauenbewegung sehen, können vielleicht eher als Söhne beschrieben werden, die auf dem Thron eines absent gewordenen Vaters lümmeln, und nun fürchten, Mutti könnte sie da runter nehmen. Würde ihre gelegentlich geäußerte Paranoia erklären, in einem „geheimen Matriarchat“ zu leben). Herr Sathom verwendet die Begrifflichkeit, da ihm keine bessere einfällt („Interimsherrschaft der Söhne“ klingt auch blöd), und das umgangssprachliche Verständnis „Herrschaft der Männer“ eher ist, was er meint. Hm. Nachwirkendes Patriarchat? Fortbestehende patriarchale Strukturen? Besser. Aber so umständlich.

Geheimes Matriarchat – Wirre Theorie einiger konservativer Glossenschreiber, die etwa wie folgt lautet: In Kitas und Schulen sorgt das vorwiegend weibliche Lehr- bzw. Erziehungspersonal dafür, daß an Jungen Verhaltensanforderungen gestellt werden, die sie in Konflikt zu ihrer angeborenen Jungshaftigkeit versetzen, was sie seelisch verkrüppelt und zu Schulversagern macht. Der erwachsene Mann wird dann durch die Forderung weiter kastriert, daß er ab und zu auch mal das Klo putzen soll. Damit, daß Jungs weiterhin von maskuliner Seite mit altertümlichen Männerklischees bombardiert werden, die nicht mehr zeitgemäß sind (Tarzan zu sein in einem Wald ohne zu erwürgende Gorillas), hat deren angebliche Seelenzerstörung nach Auffassung dieser Theoretiker hingegen nichts zu tun. Herr Sathom hat sich über diese Schwachsinnsthese in einem früheren Artikel detailliert ereifert. (Warnung: Der Artikel scheint Herrn Sathom nach wie vor sehr lustig, stammt allerdings von 2009. Die dort verlinkten Glossen, auf die er sich bezieht, sind nicht mehr online; das Machwerk ist zudem recht lang und krankt stellenweise stilistisch an damals noch mangelnder Schreiberfahrung).

Guido Knopp – Erklärt den Leuten das mit Hitler. Rainald Grebe hat ein lustiges Lied darüber gemacht.

Fußnoten

1) Theweleit, Klaus: Männerphantasien, 1. Frauen, Fluten, Körper, Geschichte, Hamburg 1983, S. 76

2) Theweleit, Klaus: Männerphantasien, 2. Männerkörper. Zur Psychoanalyse des weißen Terrors, München 1995, S. 440, Anmerkung 32. Siehe zu solchen „Frauenbildern“ auch 1. Frauen …, S. 73-87

3) Theweleit, Klaus: Männerphantasien, 2. Männerkörper …, S. 31 ff.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.