:: „Lügenpresse“ und kein Ende (oder: Frankensteins Sohn gegen die Satanstöchter aus der Hölle)

Weil Herr Sathom grad dabei ist, hier weitere Überlegungen zum Thema (frühere siehe hier und hier).

Vor einiger Zeit bei Hart aber Fair: Frau Anja Reschke (ARD) und Herr Alexander Gauland (AfD) am Ende der Sendung (Zeitindex 1:12:30). Warum halten so Viele die hiesige Presse für verlogen oder gesteuert? Anlaß diesmal die Behauptung der Rechten und auch vieler Konservativer, es gäbe ein „Schweigekartell“ bezüglich der Kriminalität von Zuwanderern. Herr Gauland fabuliert erneut von der „öffentlich-rechtlichen Schweigespirale“. Frau Reschke weist – beinahe verzweifelt – darauf hin, daß die Öffentlich-Rechtlichen stets ausführlich und wahrheitsgetreu berichtet haben. Er erwidert ihr, daß die Leute aber „das Gefühl“ hätten, nicht zutreffend unterrichtet zu werden. Frau Reschke sagt, sie könne aber nichts dafür, wenn die Menschen sich die Berichte gar nicht ansähen, man hätte nun einmal berichtet. Herr Gauland beharrt auf dem Gefühl der Leute: „Das mag ja sein, aber …“

Das Kuriose an der Szene: daß die Medienvertreterin, obwohl Herr Gauland sein „mag ja sein“ zugestehen muß, nicht durchdringt; als hindere beide, sie und den AfD-Politiker, ein kommunikativer Abgrund. Doch was ließ sich da nicht überbrücken?

Bleiben wir einmal bei diesem „Gefühl“ – dem also, was Alexander Gauland gegen die von Frau Reschke angeführten Fakten setzte. Es ist in dieser Form unzutreffend, meint Herr Sathom; verkennt die Realität unserer Medien. Die Erklärung dafür haben das bürgerliche Establishment wie auch der linke Faschismusgegner schnell bei der Hand – die Gefühle und Wahrnehmungen derer, die den Medien und der Politik nicht mehr glauben, seien „dumpf“, eben nur Gefühle, irrational; kurz, diejenigen, die sie hegen, „dumm“.

Na schön. Was genau meinen diese Leute denn wahrzunehmen? Daß sie belogen und betrogen würden, man auf sie und ihre Meinung pfeife, daß die Gesellschaft sie abgeschrieben habe. Wie kommen die bloß auf sowas? Herrn Sathom fällt dazu ein vor längerer Zeit gesehener Fernsehbericht ein.

Es ging um ostdeutsche Gemeinden (Titel der Sendung und Bundesland erinnert Herr Sathom leider nicht), in denen die NPD Mitglieder warb. Sie tat dies durch Veranstaltung von Kinderfesten, Ringelpiezen mit Grillvergnügen, kurz, Unterhaltungsangeboten für eine Bevölkerung, die arbeitslos auf dem platten Land in ziemlicher Tristesse sich selbst überlassen blieb. Auch „sozial“ engagierten sich die NPDler (natürlich: nur für blonde, blauäugige). Kaum wurden die Evangelische Kirche, die politischen Gemeindevertreter, die Institutionen unserer Gesellschaft also, dessen gewahr, brach hektische Aktivität aus. Solche Angebote müssen auch von uns her, aber fix, ehe alles zu spät ist.

Wohlgemerkt: Nicht vorher. Erst, als Gefahr bestand, die gesellschaftlich Abgehängten könnten Radikalen zum Stimmvieh werden, entstand spontanes Interesse, sich um sie zu kümmern; zuvor ließ man sie jahrelang im Dreck liegen, waren sie der Gesellschaft – deren arrivierten, etablierten Kreisen zumindest – scheißegal. Man hatte sie regelrecht zum Verrecken da zurückgelassen, an den „Rändern der Gesellschaft“; abgeschrieben, überflüssig. Mehr noch – so lange (bis zur Finanzkrise) der Zeitgeist des Hurra-Kapitalismus über die Stoppelfelder wehte, durften sie sicher sein, zusätzlich noch die Butzemänner der Nation zu sein – die Verlierer, Versager, die Lächerlichen und Ausgelachten, die man den Kindern zeigt, wenn sie in der Schule nicht fleißig lernen wollen. Guck mal, du willst doch Leistungsträger werden und nicht so einer wie die.

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:: Immer wieder „Lügenpresse“

Herr Sathom hatte den Themenkomplex schon, aber jüngere Ereignisse … usw., usw.

Das NDR-Medienmagazin ZAPP widmete die ganze Sendung vom 17.02.2016 dem Thema „Lügenpresse“; besonders der Frage, ob und inwieweit der Vorwurf ein Umdenken unter deutschen Medienmachern, eine Art von Selbstkritik hervorruft.

Da war einiges Erfreuliche zu hören. So die Erkenntnis, daß Journalisten, Redakteure usw. häufig ihren Beruf als mit einem Erziehungsauftrag verbunden mißverstehen; dito, daß sie oft durchaus einen gemeinsamen Bias teilen, eine uniforme Weltsicht, auch deswegen, weil sie denselben sozialen Schichten entstammen bzw. in ihrer eigenen social bubble unter sich sind. Solche Punkte wurden auch in diesem Blog bereits diskutiert, zumal sie gewisse fuck-ups unserer Medien plausibler erklären als irgendwelche Verschwörungstheorien, denen zufolge jeder Journalist von transsexuellen Bio-Robotoiden vom Planeten X ferngesteuert wird. Was die gemeinsame soziale Herkunft bzw. Schicht angeht, blieb Herrn Sathom allerdings unklar, weshalb unsere Medienmacher vornehmlich „links“ stehen sollen; den Eindruck gewann er gerade in den Jahren bis zur Finanzkrise, in denen der Ellbogenkapitalismus hochgejubelt wurde, eher nicht. Kann es sein, daß da ein Vorurteil der Rechten, die derzeit auf Montagsdemos herumspazieren, zum Fakt uminterpretiert wurde? (Auch das eine Beobachtung der vergangenen Monate – daß die Selbstkritik gelegentlich Züge des Einknickens vor dem Gebrüll annimmt.)

Natürlich kann man in 30 Minuten nicht alle Aspekte eines solchen Themas abhandeln. Entsprechend vermißte Herr Sathom einen, der ihm wichtig erscheint. Das merkwürdige Phänomen nämlich, daß die Menschen inzwischen gegenüber hiesigen Medien weitaus kritikfähiger sind, als früher – diese Kritikfähigkeit dann aber bei der Suche nach alternativen Informationsquellen nicht anwenden. Daß sie eine gewisse Meinungsblockmentalität, ein homogenes Weltbild unserer Medien erkennen; daß sie differenziertere Berichterstattung fordern; dann aber losgehen und Plattformen wie Russia Today ungeprüft alles glauben, ihr gerade erworbenes Bewußtsein dort sofort am Garderobenständer wieder abgeben. Wie merkwürdig: Da hinterfragt man alles, prüft kritisch, glaubt nichts – und wendet sich dann neuen Orakeln einer vermeintlichen Wahrheit zu, erklärt sie unkritisch und naiv für erhaben über jeglichen Verdacht. Es ist, als träte man aus der Kirche aus, weil man nicht mehr an den lieben Gott glaubt – um sich dann sofort einer Sekte anzuschließen, die den großen Wutzschniepel anbetet. Weil, das muß ja dann diesmal stimmen.

Herr Sathom wiederholt sich; doch ihm bleibt der hier schon geäußerte Verdacht, daß zumindest die sehr aggressiven „Lügenpresse“-Rufer durchaus keine differenzierte, objektive Berichterstattung wünschen, sondern mit einer einseitigen und dogmatischen durchaus zufrieden wären – so lange es ihre Blockmeinung wäre, die da als alleinige „Wahrheit“ verkündet wird. Daß die Medien während der Ukraine-Krise einseitig berichteten, wird nicht kritisiert, weil sie es zugunsten der Ukrainer taten; sondern weil man verlangt, die Darstellung hätte ausschließlich den Standpunkt der russischen Seite wiedergeben sollen (der auch nicht wirklich interessiert, sondern nur Anlaß bietet, den Westen pauschal zu diskreditieren). Anders erklärt sich nicht recht, warum man zwar Mängel hiesiger Medien erkennt und angreift, Verlautbarungen von Russia Today hingegen unhinterfragt glaubt.

:: Big Brother is getting bigger

Kennen Sie diese lustigen Fitnessarmbänder, mit denen man ununterbrochen die eigene Pulsfrequenz und was nicht noch alles überwachen, und an irgendeine Datenkrake weiterleiten kann? Ein praktisches Accessoire für die weitere Steigerung des Selbstoptimierungswahns, der uns befallen hat. Seinen Anfang nahm der übrigens schon mit dem Aufkommen der bürgerlichen Gesellschaft: Perfektibilisierung des Menschen hieß damals etwas umständlich das Streben, dem schon die frühen Aufklärer frönten, und das sich im Aufkommen der ersten, ihrerzeit noch so genannten „diätetischen“ Ratgeber niederschlug (auch Kant verfaßte welche). Scheinbar auf das „Vernünftigwerden“ der Gattung gerichtet, bezeichnete der Terminus auch das Projekt, sich so zuzurichten, daß man die angsterregenden Umbrüche möglichst erfolgreich überstehe – zielte also, wenn auch unreflektiert, auf die wirtschaftliche Nutzbarmachung des Menschen und die Bewältigung seiner diesbezüglichen Versagensängste. Eine historische Wurzel, die weiterhin austreibt, in Zeiten ökonomischer Verunsicherung immer besonders kräftig: sich fit zu machen für den Leistungsmarathon lautet bis heute die Parole.

Das aber nur am Rande. Am 11.02. brachte die Sendung quer des BR gleich zwei Beiträge, die zumindest beunruhigen sollten. Einer betraf die Forderung einiger Krankenkassen, die Daten besagter Armbänder sollten an sie übermittelt werden; der andere Pläne, die Höhe verfügbarer Bargeldsummen zu deckeln (aktuell bei angedacht maximal 5000,- Euro).

Was verbindet beide Berichte?

Zunächst der Anspruch, der hinter beiden Forderungen steht – der auf totale Überwachung und Kontrolle. Die Obergrenze (das wird noch Wort des Jahres) für abhebbare Geldsummen ist wohl nur der Anfang; es gibt Abzeichen dafür, daß das Ziel der Forderungen langfristig die komplette Abschaffung baren Zahlungsverkehrs ist. Die diesen Wunsch hegen, sind natürlich zuerst die Banken. Kann der Bürger über sein Geld nicht mehr verfügen, indem er es sich auszahlen läßt, steht z.B. der Weg offen, seine in Geiselhaft gehaltenen Konten mit Negativzinsen zu belasten, wie in Schweden und der Schweiz schon geschehen, ihm also für ein positives Guthaben Strafgebühren abzuknöpfen. Dabei ist der Begriff der Geiselnahme kein metaphorischer. Könnten die Kunden überhaupt nicht mehr an Bargeld gelangen, ihr Geld den Banken also nicht entziehen, würden sie bei der nächsten Finanzkrise selbst Geiseln der Kreditinstitute. Auf staatlicher Seite sind zunächst die Finanzämter interessiert, doch ließe sich dann auch feststellen, ob man im Erotik-Shop war, welche Zeitung welcher politischen Ausrichtung man am Kiosk kaufte, welche Bücher, kurz, ein komplettes Profil der Meinungen, politischen Einstellungen, privaten Neigungen erstellen. Mal so als dystopische Schreckensphantasie hingeworfen: Es wäre z.B. möglich, mit solchem Wissen mißliebige Personen öffentlich zu diskreditieren. Ein Besuch im Dominastudio? Interessant, Herr Gewerkschaftsfunktionär. Eine übertriebene Befürchtung? Dazu unten mehr.

Was die Armbänder angeht, locken Kassen bereits jetzt mit tariflichen Vergünstigungen für ihre Träger. Daraus könnte irgendwann durchaus eine tarifliche Strafe für diejenigen werden, die sie nicht tragen; letztlich ein Zwang, sie tragen zu müssen.

Das Muster, nach dem die aktuell gewünschten Neuerungen schmackhaft gemacht werden sollen, ist in beiden Fällen das Gleiche. Es wird mit Vorteilen gelockt; der Zwang, der Kontroll- und Herrschaftswunsch als Wohltat nahegebracht. Die Abschaffung des Bargelds soll Schwarzarbeit und kriminelle Geldwäsche verhindern (weil beim organisierten Verbrechen ja noch Trenchcoat-Männer mit Geldkoffern rumrennen, statt daß man seine Geschäfte über Scheinfirmen und vernetzte Konten abwickelt, warum auch nicht, so eine Drogenmillion hat man ja mal eben als Geldrolle in der Tasche). Auch bei Anne Will wurde am Sonntag die Verringerung des Bargeldverkehrs u.a. als Wundermittel zur Kriminalitätsbekämpfung propagiert. Die Kollegen von quer machten sich dagegen immerhin die Mühe, zu prüfen, welche Auswirkungen auf Schwarzarbeit, Steuerhinterziehung und Geldwäsche die Maßnahme in Ländern wie Schweden oder der Schweiz bereits zeitigte (so gut wie keine), und welche Folgen sie für sämtliche Bürger stattdessen hat (siehe oben). Vor allem aber soll dadurch alles bequemer, schneller, einfacher werden. Und auch die Gesundheitsarmbänder werden als immenser Vorteil angepriesen. Herzinfarkt? Das Armband holt die Ambulanz.

:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead (V) – Rezeption

Nach längerer Pause nähern sich die Wandelnden Toten nun endlich der Zielgeraden. An den Stationen ihres Weges konnten wir bisher feststellen, daß die Serie immer wieder auf ein spezifisches Menschenbild rekurriert, bestehend in der Behauptung, daß jeder Mensch (nicht nur der untote) eine potentielle Gefahr darstellt. Die Serie konstruiert dabei Situationen, die feindseliges Mißtrauen gegenüber Unbekannten gerechtfertigt erscheinen lassen, sogar dazu legitimieren, mit Fremden ggf. zuerst nach dem Motto „Jeder ist sich selbst der Nächste“ zu verfahren, bevor sie es können. Das in Dialogsequenzen immer wieder aufgegriffene Thema der „Wirklichkeit“ wird dabei hauptsächlich so behandelt, als gäbe dieses Menschenbild den Zustand/die Verfassung des Menschen auf allgemeingültige, über die Situation der Zombiekatastrophe hinaus zutreffende Weise wieder. Anders ausgedrückt, beharren tragende Figuren der Serie darauf, daß menschliche Bestialität nicht der aktuellen Lage geschuldet, sondern immanente Natur des Menschen sei. Ob die Autoren der Serie damit bewußt eine Botschaft propagieren wollen, blieb unklar, da sie immer wieder Brüche einbauen und sich der ständige Rekurs auf die feindselig-paranoide Auffassung vom Wesen des Menschen auch anders erklären ließ.

Wie wird TWD nach allem bisher gesagten nun tatsächlich rezipiert? Als solche „Botschaft“, daß der Mensch von Natur aus böse sei? Als daraus gelesene Rechtfertigung für eigenen Zynismus? Als nichts davon?

Es ist schwierig, hier ein zuverlässiges Gesamtbild zu erstellen; die zahllosen Online-Rezensionen und Diskussionen würden eine umfangreiche empirische Recherche bedingen, zeigen allerdings bei kurzem Überblick, daß die Zuschauer die Ereignisse der Serie völlig unterschiedlich interpretieren.

Die Rezeption fällt also deutlich auseinander, besonders was die Konfrontation der Gruppe um Rick mit der Zivilisation Alexandrias, und Ricks Reaktion auf diese angeht.

Während ein deutschprachiger Rezensent der Auffassung ist, daß die Alexandrier vollkommen unfähig sind, und sich wundert, wie sie überhaupt überleben konnten, sind Kommentatoren im englischsprachigen Blog io9 z.T. der Auffassung, daß es der traumatisierte Rick ist, der an der neuen Umgebung scheitert; eher an der Figur Rick als an einer möglichen „Message“ orientiert, wird etwa festgestellt, daß Rick „ has been crazy for a while“, was die Konfrontation mit Alexandria lediglich offenbar mache. Andere Kommentatoren verweisen darauf, daß Rick zunächst keinen Versuch macht, den Alexandriern zu erklären, weshalb sie ihre Lebensart ändern müßten, sondern sie einfach zu hintergehen plant – für einen „Realisten“, der die Situation besser versteht als die Einwohner, ein ausgesprochen dysfunktionales Verhalten. Zuletzt findet sich in einem Kommentar die Auffassung, daß Gesellschaft wirklich nur Schein sei – der allerdings auf einem Vertrag Aller basiert, so zu tun, als ob wir gute Menschen wären. Ricks Beharren auf einer anderen Wirklichkeit deutet er jedoch nicht so, daß er den naiven Alexandriern überlegen sei, sondern vielmehr als Versagen, als Unfähigkeit, diesen Vertrag erneut einzugehen. (Herrn Sathoms Lieblingskommentar in diesem Thread lautet übrigens: „Have a Snickers, Rick – You’re like Rick when you’re hungry“.)

Die deutsche Rezension ist dabei auch insofern interessant, als sie uns auf das bereits behandelte Thema der inszenierten Realität zurückbringt. Denn dem o.g. deutschen Rezensenten zwar fällt auf, daß die Alexandrier angesichts ihrer Unfähigkeit und Feigheit „mehr Glück als Verstand“ gehabt haben müssen, um bisher zu überleben; er faßt dies als Bestätigung auf, daß Rick & Co. im Recht sind, statt zu bemerken, daß die Autoren der Serie mit Alexandria eine ausgesprochen unwahrscheinliche Gesellschaft in die Landschaft setzen. Im Kontext der Zombiekalypse, wie sie bisher in der Serie beschrieben wurde, kann es Alexandria wie gesagt eigentlich nicht geben; gerade wenn die Sichtweise Ricks und seiner Leute zuträfe, müßte die Safe Zone längst ausgelöscht worden sein. Alexandria ist das perfekte Beispiel für den als Realität zugerichteten Schein, der bereits besprochen wurde – es existiert entweder nur, um zu beweisen, daß der zivilisierte/“gute“ Mensch dem „wilden“/zynischen Realisten unterlegen ist; oder, falls die Autoren keine solche These im Sinn hatten, um Konfliktpotential, und damit Spannung zu schaffen.

Gerade in der Welt, deren „Wirklichkeit“ Alexandria beweisen soll, ist Alexandrias Existenz unmöglich – Verweis darauf, daß es bloßes Konstrukt ist, ein Paradoxon.

Da der Rezensent die Künstlichkeit der ihm präsentierten Welt hier nicht reflektiert (was ihm in anderer Hinsicht durchaus gelingt), akzeptiert er das Versagen der Alexandrier als Beweis ihrer Unterlegenheit gegenüber der „Scheiß auf Menschlichkeit“-Ideologie Ricks. Er realisiert nicht, daß ihre „Dummheit“ von den Autoren zu bestimmten Zwecken inszeniert wird; daß es die Einwohner des Ortes nur zu diesem Zweck gibt.

Alexandria ist eine Unmöglichkeit, die man nur akzeptiert,

  1. wenn man entweder Ricks Menschenbild nicht mehr hinterfragt, oder
  2. sich von den aufwühlenden Konflikten in der Safe Zone über deren unmögliche Existenz hinwegtäuschen bzw. davon ablenken läßt (suspension of disbelief nennen Autoren die Kunst, den Zuschauer vergessen bzw. übersehen zu lassen, daß etwas Geschildertes nicht sein kann).

:: Otto und Vanellope (II) – Zum Siegen geboren

Teil I hier.

Der vor einiger Zeit im Free-TV gelaufene Film Ralph reichts (Wreck-it Ralph) ist niedlich, witzig, putzmunter – alles nicht zu leugnen, einmal abgesehen davon, daß das product placement – zumal für einen Kinderfilm – eine schmierige Aufdringlichkeit erreicht, die selbst James Bond die Schamröte ins Gesicht treiben würde.

Aber das nur am Rande.

Der Film erzählt – scheinbar – die übliche Geschichte des liebenswerten Außenseiters, zweier in diesem Fall, die es denen, die sie allzeit unterschätzten, endlich mal so richtig zeigen.

Warum scheinbar?

Es folgen Spoiler.

Der Film spielt in einer elektronischen Welt, hinter den Kulissen der Videogames einer Spielhalle. Wir begegnen Ralph, der nicht mehr Schurke in seinem Videospiel sein mag, weil jeder ihn haßt, obwohl er ja nichts dafür kann, daß er als Kaputtmacher programmiert wurde, während alle seinen Gegenspieler Fix-it Felix Jr. (einen aus Super Mario und Baumeister Bob zusammengeklonten Langweiler) lieben; und Vanellope von Schweetz, die in ihrem Game – einem Kart-Rennen durch ein kariöses Schlaraffenland – nicht mitfahren darf und gehänselt wird, weil sie ein „Glitch“, ein Programmierfehler ist, wie alle behaupten.

Oberflächlich betrachtet handelt der Film davon, daß zwei underdogs – er tölpelhaft nett, sie niedlich-frech – endlich Anerkennung erlangen, nachdem sie zuvor schikaniert, gemobbt, ausgeschlossen wurden.

Auf den zweiten Blick jedoch wird dieses Motiv weniger eindeutig.

Zunächst: Vanellope wird tatsächlich nicht nur Rennsiegerin, sondern Königin im Plombenland; Ralph kehrt zuletzt in seine Rolle als Bösewicht zurück. Beide werden glücklich damit; sie durch einen Aufstieg, der ihre Träume übertrifft, er durch Akzeptanz.

Was unterscheidet sie? Im Verlauf der Handlung stellt sich heraus, daß Vanellope eigentlich nie ein glitch war – tatsächlich war sie schon immer die Königin, ist so programmiert, bloß hat ein böser Usurpator den Code des Spiels geändert, um sich an ihre Stelle zu setzen (und dieser Usurpator wollte, wie Ralph, mehr sein, als er war; beider Motivation ist nicht identisch, aber ähnlich). Ralph hingegen ist einfach, was er ist – wie er programmiert wurde.

Vanellope nimmt also nur ihren rechtmäßigen Platz ein, der ihren gecodeten (lies: angeborenen) Fähigkeiten entspricht. Ralph tut dies zuletzt auch; er bescheidet sich mit der Stellung, die einem wie ihm vom Programm – auf Menschen angewendet, der Natur – zugewiesen wurde. Beide sind wieder da, wo sie hingehören – ihre Position in der Gesellschaft nicht bedingt durch äußere Einflüsse oder Verhältnisse, sondern Ausdruck ihrer Möglichkeiten, die ihnen immanent sind. Man ist „oben“ oder „unten“, weil man für die jeweilige Stellung in der Hierarchie geschaffen ist (nicht wegen fehlender Aufstiegsmöglichkeiten, ungleich verteilter Bildungschancen, der Bevorzugung Wohlhabender im Bildungssystem o.ä.).

Überinterpretiert? Werfen wir einen Blick auf weitere Details.

Alles, was Ralph tut, um eine Medaille zu erringen, ist fehlgeleitet, im Grunde verbrecherisch. Er versucht, eine zu stehlen; der Zuschauer – auch der kleinste – versteht: Ralph hat eben wirklich nicht das Zeug, eine Medaille ehrlich zu erringen; sein bloßer Wunsch, einmal nicht der Verlierer zu sein, ist irgendwie falsch. Irgendwie verantwortungslos. Die Wahl seiner Mittel bezeugt das. Und er steht zu Recht „unten“; er kann es eben einfach nicht, das, was die „oben“, z.B., die tapferen Space Marines, können. Er muß stattdessen schummeln. So sehr man mit Ralph fühlt, den alle ausschließen – er verlangt tatsächlich, was ihm nicht zusteht, und es haben zu wollen, diskreditiert ihn per se. Ralph wohnt nicht auf dem Müllplatz, weil man ungerecht zu ihm ist, sondern weil er eben der ist, der aufgrund eigener Mängel auf den Schrotthaufen gehört.

Der Film demonstriert diese These, inszeniert sie als Handlung. Es ist schade, daß Ralph auf einer Müllkippe schlafen muß und daß keiner ihn mag, wispert die Erzählung, sicher, ja klar – aber sobald Ralph versucht, gegen den Rat seiner Kumpels aus der Selbsthilfegruppe mehr zu sein, etwas anderes wenigstens, als ihm zugewiesen wurde; sobald er versucht, den Ort, an den er gesetzt ist – sowohl räumlich als sozial – zu verlassen, setzt ihn der Film ins Unrecht. Man darf das nicht, sollen wir spüren. Ralph – der im Verlauf seiner Aktivitäten eine Invasion von Computerviren ermöglicht – gefährdet die gesamte elektronische Gesellschaft. Es wirkt sich fatal aus, ausbrechen, einen höheren Platz in der Hierarchie besetzen zu wollen als den, zu dem man „geboren“ ist. Es geht nur durch Schummelei (was sich später auch an der Figur von King Candy erweist), was wiederum bedeutet, daß es an sich falsch ist, der „unten“ befindliche tatsächlich unfähig, anders als unrechtmäßig voranzukommen; und er wird gefährlich, wenn er es versucht.

:: Otto und Vanellope (I) – Der Geniemythos im Kapitalismus

Bedingt durch unschöne Zwischenfälle (zu bebloggende Ereignisse in Köln, Erkältungskrankheit, Notwendigkeit der Lohnarbeit) hier eine reichlich verspätete, durch Fernsehausstrahlungen zum Jahreswechsel angeregte kleine Miniserie, ehe Herr Sathom demnächst seine auch schon ewig währende Analyse der Walking Dead zu Grabe trägt.

Alsdann.

Was haben Comedy-Ikone Otto Waalkes und die putzige Vanellope von Schweetz aus dem Film Ralph reichts gemeinsam? Nicht die Stimme, keine Sorge.

Beide bedienen einen gesellschaftlichen Mythos; und zwar ein und denselben. Welchen? Nun, der Reihe nach.

Das Folgende betrifft, genau genommen, statt der Person Otto Waalkes die öffentliche Kunstfigur „Otto“; kürzlich feierte diese ihr fünfzigjähriges Bühnenjubiläum. Herr Sathom hat dazu einiges Interessante gelesen. Herr Waalkes, jubelte allein die Fernsehzeitschrift, sei Komiker, Cartoonist und einiges andere mehr; kurz, obwohl das heutzutage in Bezug auf Prominente so gern verwendete Wort nicht fiel, ein Multitalent. Herr Sathom hat sehr gegrinst.

Er erinnerte sich nämlich bei dieser Gelegenheit, daß er früher den Comic-Strip Ottos Ottifanten sehr gern gelesen hat, und zwar, weil er genau wußte, daß die frühen Ottifanten-Comics – die wirklich sehr vergnüglich waren – von Ully Arndt und Gunter Baars hergestellt wurden, zwei talentierten jungen Herren, die sich zuvor als Hersteller des Nerd-Comics Kosinus verdient gemacht hatten (eines der wenigen in damaligen Computerzeitschriften veröffentlichten Strips, die wirklich witzig waren). Inzwischen werden sie von deren Studio fabriziert, und was immer sie taugen mögen, inwieweit Otto Waalkes‘ Ideen dabei Eingang finden oder jemals fanden, ist unklar.

Halten wir also zuerst einmal fest: Herr Waalkes ist eher kein Cartoonist.

Dann fiel Herrn Sathom ein, daß er meinte, mal gelesen zu haben, Ottos berühmteste Nummern (vielleicht nicht alle, jedenfalls aber die aus der Zeit seines kometenhaften Aufstiegs in den 70ern) stammten nicht von ihm; Herr Sathom ging recherchieren, und siehe da. Sie wurden geschrieben von der sogenannten GEK-Gruppe, bestehend aus Robert Gernhardt, Bernd Eilert und Peter Knorr. Als Interpret von deren Einfällen ist Herr Waalkes hervorragend; aber ist er komisch in dem Sinne, daß ihm selbst Komisches einfiele? Nun ist das an sich noch kein Ding, denn auch andere Comedians sowie Kabarettisten schreiben ihre Nummern nicht selbst; ob er als Regisseur, Schauspieler und Synchronsprecher – weitere Ehrentitel, die ihm der Zeitschrifteneintrag verlieh – Großes vollbringt oder eher nervt, ist sicherlich Geschmackssache, man kann aber nicht leugnen, daß er sich auf diesen Gebieten immerhin betätigt.

So what? Warum erzählt Herr Sathom das alles?

Ginge es nur um Herrn Waalkes, darum, eine Einzelperson vorzuführen, könnte – und sollte, anständigerweise – man sich den Atem sparen. Doch Herr Waalkes soll hier nur als Beispiel dienen.

Damit wir uns also recht verstehen: Hier soll weder geleugnet werden, daß Otto – der ein unbestreitbares komisches Talent als Darsteller und Sprecher hat, und ein sympathischer Bursche ist – sein Erfolg zu gönnen sei, noch daß diejenigen, die es weit bringen, es aufgrund großer Leistung, Anstrengung und Talents täten. All das trifft sicher zu (auf die Pflegekraft, die sich totarbeitet, allerdings auch; sie taugt allerdings nicht zu der spezifischen Mythenbildung, um die es hier gehen wird, oder besser: sie spielt darin sehr undankbare Rolle).

Zunächst sei also bemerkt, daß der Mann, der Mensch Otto Waalkes ein feiner und verdienter Kerl sein mag; hier geht es um die Kunstfigur Otto, stellvertretend für viele Prominente, die uns nicht als sie selbst entgegentreten, sondern als von PR-Profis, Biographen und Medien gebastelte Scheinwesen.

Auch das wäre weder neu noch aufregend. Doch als nahezu omnitalentiert dargestellte Phantasiegestalten sind/waren sie, ob sie wollen oder nicht, Gegenstand eines gesellschaftlichen Mythos – eines, der bestimmte, bestehende Verhältnisse begründet und rechtfertigt.

Worin besteht dieser Mythos?

:: Das Problem mit dem Gendersternchen

Jede(r) kennt sie: Das Binnen-I (wie in KinderInnen), den/die Schaffner_in, und seit einiger Zeit auch jenes Sternchen, das den Genderabgrund überbrückt, uns Bürokrat*innen beschert.

Nun ist Herr Sathom wirklich der Letzte, der leugnen würde, daß unsere Sprache patriarchalisch und phallisch geprägt ist, jedenfalls das männliche Geschlecht bevorzugt, es nämlich als Normalfall setzt; Frauen als irgendwie auch gemeint subsumiert, und von ihnen erwartet, das hinzunehmen.

Insofern findet er die Aufregung um jene Uni, die vor einiger Zeit den Spieß umdrehte und für den eigenen Hausgebrauch die feminine Form zur primären erklärte, entlarvend: Plötzlich finden Männer „lächerlich“, was sie von Frauen widerspruchslos zu akzeptieren verlangen. Dabei wird ihnen ihre Pirouette nicht einmal bewußt – stören sich Frauen an der sprachlichen Bevorzugung des Maskulinums, regen sie sich über eine bedeutungslose, keineswegs diskriminierende Kleinigkeit auf, doch kaum ändert sich der Artikel, brüllt Er „Frechheit!“; und findet selbige so unnötig, wie die eigene nicht anstößig.

Daß die oben erwähnten, sicherlich gutgemeinten Schreibregelungen aber Herrn Sathom auch in Schriftstücken, die er inhaltlich bejaht (zu Genderfragen, Frauenrechten usw.), nicht so recht behagen, hat also andere Gründe als den, daß er das Problem nicht sähe oder zu jenen zählte, die finden, es gäbe keins, und es sei doch „normal“, daß man Frauen in die maskuline Allgemeinvokabel einschließt.

Die Gründe, aus denen er das Binnen-I, das Gendersternchen und ihre Geschwister dennoch nicht mag, sind diese:

1.) Keiner dieser Ansätze erfüllt seinen vorgeblichen Zweck, da die Varianten nicht gesprochen werden können (das Binnen-I noch eher als das *). Gerade wenn Sprache unser Denken und Fühlen, unser „Bewußtsein“ prägt, kann eine „Lösung“, die den alltäglichen Sprachgebrauch nicht einschließt, und die gewöhnliche, alltägliche Umgangssprache behandelt, als existiere sie gar nicht, nichts bewirken. Eine Veränderung unseres Denkens erforderte eben auch, daß sich ein anderer Sprachgebrauch, ein anderes sprachliches Verhältnis der Geschlechter, einschleift durch häufigen, regelmäßigen Gebrauch – eine Praxis also, die kaum dadurch hergestellt wird, daß nicht auszusprechende Unlaute einen neuen Abgrund zwischen Schriftsprache und Rede aufreißen.

2.) Daß der Umstand, daß Menschen miteinander nicht nur texten, sondern auch reden, ignoriert wird, zeugt von einem kulturellen Bias, der nur die Schriftsprache als eigentliche gelten läßt. Was Pöbels auf der Straße radebrechen, den „restringierten Code“, halten eingefleischte Schriftsprachler auf den Höhen ihrer intellektuellen Zenithe für minderwertig, Ausdruck der Blödheit jener da unten – und was tun sie?

Erfinden Sprachregelungen, die von den Blöden intuitiv als unsinnig („nicht zielführend“) erkannt und abgelehnt werden – und bestätigen sich damit flugs das Vorurteil, daß die Massen eben rückständig und doof sind.