:: 4 ½ Thesen zum Wahlerfolg der AfD

These 1: Um den Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit, unfaire Chancenverteilung und das Auseinanderklaffen der Einkommensschere geht es den AfD-Wählern überhaupt nicht. Sie haben nichts gegen soziales Unrecht – sie verlangen lediglich, zu jenen zu gehören, die es begehen, wenigstens davon profitieren, statt darunter zu leiden (soweit sie sich von Abstieg bedroht fühlen, oder kürzlich abgestiegen sind: weiterhin oder wieder zu jenen zu gehören).

Zumindest diejenigen AfD-Anhänger, die der Mittelschicht entstammen, hat jahrelang nicht gekümmert, daß Bildungschancen für Kinder einkommensschwacher Gruppen zerstört wurden, daß Schulen verfallen, daß die Einkommensschere immer wieder aufklafft, immer mehr Menschen die soziale Leiter hinabstürzen. Jetzt, angesichts der Flüchtlingskrise, erwacht plötzlich ihre Empörung (davor hatte die AfD vergleichsweise wenig Zulauf). Jetzt stört es sie, daß Andere (vermeintlich) etwas bekommen sollen, das „Deutschstämmigen“ vorenthalten wird. Vorher hat sie das Los eben jener Angehörigen desselben „Volks“ nicht im Geringsten interessiert. Tatsächlich sind die Flüchtlinge ja keineswegs die Verursacher der beklagten Miseren; und niemand kann sich ernsthaft einbilden, wenn keine Einwanderer kämen, würde in Cent mehr in gleiche Bildungschancen investiert, würden brutalkapitalistische Strukturen zurückgebaut. Kurz – die Abschaffung bestimmter Mißstände interessiert die neuen AfD-Wähler nicht wirklich. Ein „Wir sind das Volk“ kannten sie nicht, so lang ihre Ellbogen noch stärker zu sein schienen als die aller, die im allgemeinen Getümmel um die Futtertröge nach unten geboxt wurden. Nun aber werden sie geschäftig; die Deklassierung von Bevölkerungsgruppen soll nicht verschwinden, nur sichergestellt sein, daß sie bestimmen, wen es erwischt – und daß sie selbst garantiert nicht dazu gehören. Die Zugehörigkeit zum „Volk“ soll dies als Kriterium sicherstellen. Die Überlegenheit des „Deutschen“ – kulturell wie ethnisch – ersetzt das vorherige Gefühl, durch Schichtzugehörigkeit überlegen, und immanent gegen Abstieg gefeit zu sein. Kurz, diese Menschen haben nichts dagegen, wenn andere zu ihrem Vorteil leiden; sie bejahen ein System, das entsprechend funktioniert, durchaus. Ihre Empörung gilt nicht dem sozialen Unrecht, bloß dem Umstand, daß es plötzlich sie zu treffen droht.

These 2: Das scheinheilige Augenreiben darüber, daß rechte Positionen in die „Mitte der Gesellschaft“ hineinwuchern, ist somit Abwehr der Wahrnehmung, daß diese Positionen nicht in die Mitte hinein, sondern aus ihr heraus sickern. In der „Mitte“ waren die Positionen der AfD immer schon latent hoffähig; denn eben diesen Mittelschichtlern war der soziale Abstieg großer Bevölkerungsteile, waren Zerstörung des Bildungswesens etc. jahrelang scheißegal, so lange sie nur glauben durften, lediglich andere seien betroffen – auf die sie herabsehen konnten. Nun, da sie selbst bedroht sind, suchen sie neue Opfer; doch die sozial Deklassierten, die ebenfalls AfD wählen, sind ihnen so gleichgültig wie zuvor. Was beide Gruppen eint, ist nur das Bedürfnis, daß es anderen noch schlechter gehen soll als ihnen. Die Verachtung Anderer, das Gefühl eigener Höherwertigkeit, der daraus resultierende Anspruch auf Privilegien, die allesamt Eckpfeiler rechten Denkens bilden, sind in der Gesamtgesellschaft durchaus verbreitet; beinahe jede In-Group partizipiert an diesem System der Verachtung. Von hier aus ist der Schritt leicht, bei Verlust anderer „Gründe“, für sich selbst gesellschaftliche Herrschafts- und Deutungshoheiten zu reklamieren, auf die nationale Identität (was immer das sein soll) zurückzugreifen – eine schwammige Kategorie, die man immer als vage für sich selbst zutreffend behaupten kann.

Der AfD-Vertreter, der sich auf der Pressekonferenz nach der Wahl freute, daß die Wähler aus der ganzen Breite der Gesellschaft kämen, behauptet ja nichts, das nicht zuträfe. Daß Wähler – auch der Grünen, der Linken – zur AfD abwandern, die eben nicht so harmlos ist, wie sich Frau Petry & Co. am Montag wieder gaben, und Opfer medialer Hetze sein wollten, sagt eben auch etwas über die Verbreitung AfD-fähigen Gedankenguts in der Gesellschaft als Ganzem aus, und bestimmt nichts Gutes. Zumal die Erfolge auch in wirtschaftlich recht stabilen Bundesländern davon zeugen, daß soziale Aspekte nicht des Pudels Kern sein können.

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