:: 4 ½ Thesen zum Wahlerfolg der AfD

Die „Leistung“ der AfD besteht darin, Mittelschichtler und tatsächlich Benachteiligte zu vereinen, indem sie ihnen einen gemeinsamen Feind präsentiert, einen „Verursacher“ ihrer Misere: den Flüchtling. Dieser kann zugleich symbolisch für alle Antipathien stehen, die ansonsten völlig inhomogene, sogar im Widerstreit stehende gesellschaftliche Gruppen hegen. Die einen stört das soziale Ungleichgewicht, die anderen wollen nicht, daß Homosexualität im Schulunterricht thematisiert wird, haben das Gefühl, der „normale“ (lies: volksgesunde) Hetero würde hier benachteiligt, die nächsten hassen Ausländer.

Jeder fühlt sich benachteiligt, fürchtet den Verlust von Privilegien; ist aber nicht grundsätzlich gegen ein System, das einige bevorzugt, andere zurückläßt oder ausschließt. Es ist diese Gemeinsamkeit, das so unterschiedliche Gruppen wie den „besorgten Bürger“, der tatsächlich kein Nazi ist, und den rechten Ausländerfeind eint. Die AfD ermöglicht ihnen, sich hinter dem selben Banner zu scharen, da sie das Fundamentale aufgreift, das all ihre Wähler trotz divergenter politischer Hintergründe verbindet – einen brutalen gesellschaftlichen Egoismus. Das Versprechen: nicht Abschaffung von Ungleichheit oder Ungerechtigkeit, sondern zu denen gehören zu können, zu deren Vorteil die Waage ausschlägt; die bestimmen dürfen, wer oben schwimmt, und wer ersäuft. Die Illusion: daß es ihre Interessen sein würden, die eine gewählte AfD zuallererst vertreten werde, nicht womöglich die einer anderen „Teilmenge“ ihrer Wähler, die mit den eigenen nicht vereinbar sind.

Man kann dabei nicht einmal behaupten, daß die AfD Wähler betrüge, die sich nur einbilden, daß die Partei ihre Interessen verträte (ähnlich, via Verführungsthese, hat man die Anhänger der Nazis im „Dritten Reich“ zu entschuldigen versucht). Selbst Wähler, die sich mit dem Parteiprogramm nicht befaßt haben (sie dürften die Mehrheit stellen), könne sich unmöglich darüber täuschen, daß der AfD am Allgemeinwohl gelegen sei. Die Rhetorik ihrer offiziellen Vertreter läßt keinen Zweifel daran, daß es um Macht für eine privilegierte Gruppe geht, gegen das Wohl aller, die anders als die Gruppenmitglieder sind; wobei die Grundlagen des Privilegs der Zufall der „Abstammung“, und ein gehässiges Ressentiment gegen alles „Fremde“, Neue oder Unverständliche bilden. Zwar versucht die AfD vielleicht auch, den Eindruck zu erzeugen, daß sie widersprüchliche Interessen bedienen könne (Mindestlohn ja, Hartz IV kürzen); doch wesentlich appelliert sie an einen dumpfen Nationalismus, gepaart mit sozialdarwinistischer Ellbogenmentalität.

Daß die bürgerlichen Parteien gegenüber einer solchen AfD verlieren, liegt nicht zuletzt daran, daß sie diesem einzig wirklichen Programmpunkt der Partei nichts entgegenzusetzen haben – denn eben die Einstellung, die AfD-Wähler kennzeichnet, haben sie bisher ja selbst bedient. Die AfD scheint dies jedoch, so der Eindruck der Wähler, besser zu können. Wer bei Wahlen zur AfD wechselt, sucht dort nur, was ihm das bisherige Parteienspektrum versprach, aber nicht hielt; er trifft seine Wahlentscheidung nicht anders als zuvor, rein egoistisch. Gleiches gilt für bisherige Nichtwähler, die extra zur Urne rennen, um AfD zu wählen. Daß ernsthafte ideologische, oder glaubwürdige inhaltliche Unterschiede zwischen ihr und den traditionellen Parteien eben nicht bestehen, ist dabei kein Wunder. Die oben erwähnte Mentalität der Verachtung ist ja nicht nur kennzeichnend für die rechte/nationale Geisteshaltung, sondern auch für die kapitalistische; eben darum waren Standpunkte der AfD, wie gesagt, in der „Mitte der Gesellschaft“ immer schon unterschwellig vorhanden, und mußten nicht erst dorthin diffundieren. Eine Partei, die dem zynischen Anliegen der AfD-Wähler ein Programm für altruistische, am Gemeinwohl interessierte Bürger entgegenhielte, fehlt dem bürgerlichen Spektrum folgerichtig. Vor Allem die Reaktionen mancher konservativer Politiker nach der Wahl belegen dies deutlich: sie versprechen, der AfD ähnlicher werden zu wollen.

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