:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead – (Fazit)

Und das Vorhandensein, die Verbreitung der Vorstellung, daß dieser von Natur aus so sei, lassen sich ja nicht leugnen; sie wird in Äußerungen wie der, daß „jeder sich selbst der Nächste sei“, gesellschaftlich tradiert, und entsprechendes Verhalten wird als Naturgesetz mit automatischer Wirkungsweise dargestellt: „Wenn jeder für sich sorgt, ist für Alle gesorgt.“ Entsprechenden Klischees, Belehrungen der Eltern und Meinungsäußerungen im Bekanntenkreis ist wohl Jeder schon einmal begegnet.

Vergessen wir auch nicht, daß wir im dritten Teil Anders‘ Auffassung erwähnten, nicht die einzelne Sendung, sondern die Gesamtheit der Sendungen schaffe vermeintliche Realität, und auf die Vielzahl an Formaten hinwiesen, die uns jeden Menschen außerhalb unseres Nahfeldes, zumal die Angehörigen anderer Schichten, als komplett bösartig, idiotisch oder verrückt darstellen. Betrachten wir als Sendungen nicht bloß Unterhaltungsformate, sondern jede Botschaft, die uns aus medialen Verlautbarungen konservativer Interessengruppen, aus gesprächsweise geäußerten Einstellungen, kurz, überall entgegentritt, wird dieses Scheinwirklichkeit produzierende Ganze noch größer. Daran wird deutlich, daß TWD und andere Sendungen nur ein allgemein geglaubtes Konzept von Wirklichkeit vorführen, es also keineswegs ganz allein erst herstellen. Es aber sehr wohl produzieren/reproduzieren. Und zwar, weil all diese „Sendungen“ auf ein gesellschaftlich etabliertes Menschenbild rekurrieren – nicht auf die Natur des Menschen also, dies jedoch behaupten.

Die Autoren solcher Unterhaltungsserien unterliegen dabei, bewußt oder nicht, denselben Einflüssen wie wir alle; reproduzieren identische Klischees. Unabhängig von unserer nur ansatzweise möglichen Empirie läßt sich dabei nicht leugnen, welchen Erfolg an diesen Klischees orientierte Formate rein quantitativ haben. Sie werden also zumindest keineswegs abgelehnt.

Eine Leitidee scheint dabei, daß sich, sobald der Firnis der Zivilisation abfällt, die „wahre Natur“ des Menschen zeigt. Eigentlich sind wir alle Schweine; wir verbergen es nur geschickt (aber, und das ist wichtig: auch jetzt schon sind wir alle Schweine, während die Zivilisation noch funktioniert; ein für die Popularität solcher Thesen nicht unwichtiger Punkt. Er liefert uns die Rechtfertigung, auch aktuell – ohne katastrophalen Anlaß – unseren Mitmenschen zu mißtrauen, und sie ggf. zu übervorteilen, „bevor“ sie es tun können, was sie ja „eigentlich“ vorhaben). Dergleichen setzt natürlich voraus, daß man sich einbildet zu wissen, worin die „Natur“ des Menschen bestünde.

Schon in den 1970er Jahren demonstrierte Klaus Theweleit in seinen „Männerphantasien“, in welchem Ausmaß dieses Bild vom „im Grunde“ primitiven Menschen jedoch Mythos und Fiktion ist. Wie „der“ Mensch in seinem primordialen Urzustand „wäre“, so das Argument, können wir nicht wissen, da jeder Mensch, einschließlich uns selbst, bereits gesellschaftlich zugerichtet ist. Was diese Sozialisation an Aggressivität, Feindseligkeit oder Egoismus hervorbringt, soll jedoch nicht als Resultat eben solcher Zurichtung wahrgenommen werden, sondern als Äußerung des „Urmenschen“ gelten (den man sich praktischerweise so vorstellen kann, wie man will). Theweleit demonstriert dies an den Schriften völkisch-nationaler Autoren aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg: Dort wird der automatisierte Griff zur Waffe beim Erwachen des Grabenkämpfers als Instinkthandlung des „Urmenschen“ gedeutet, während er tatsächlich in der militärischen Ausbildung angedrillt ist; und wird der Gewaltexzeß gegenüber Gefangenen im Weimarer Bürgerkrieg als Durchbruch primordialer Verhaltensweisen dargestellt, obwohl der Soldat durch entsprechende Propaganda dazu aufgestachelt wird, dieses Verhalten also systemisch erwünscht ist.

Ist aber jede conditio humana bereits Resultat einer Zurichtung, kann von „dem“ Naturzustand des Menschen eigentlich nicht gesprochen werden – nur läßt sich durch die Fiktion eines solchen Zustands das Ergebnis jeder Sozialisation als „ursprünglich“ ausgeben (etwa, wenn es es heißt, Heterosexualität sei normal, Homosexualität „unnatürlich“).

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