:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead – (Fazit)

Demgegenüber lehrt die anthropologische Forschung längst, daß der Mensch ein Potentialwesen sei; sich also mimetisch, per Angleichung, zu dem formt, was ins einer jeweiligen Kultur als „Mensch“ gilt. Das Paradoxon des Menschen bestünde dann darin, daß sein „natürliches Erbe“ in der Fähigkeit besteht, „Mensch“ im Sinne der ihn gesellschaftlich umgebenden Vorstellungen vom Menschen zu werden.

Trifft dies zu, ergeben sich mehrere Schlußfolgerungen:

  1. Was in Serien wie The Walking Dead als „menschliche Natur“ vorgestellt wird, ist vielmehr Darstellung unseres erworbenen So-seins; spitzt unsere anerzogene Einstellung zueinander lediglich zu.
  2. The Walking Dead und ähnliche Erzählungen handeln nicht vom Leben nach der Apokalypse; schildern nicht das realistische Szenario einer zusammengebrochenen Zivilisation, in der wir, begänne ein entsprechender Überlebenskampf, uns zwangsläugig „naturgemäß“ verhalten müßten. Sie beschreiben uns, wie wir uns, und einander, aktuell wahrnehmen.
  3. Allerdings liefern uns solche apokalyptischen Erzählungen damit eine Matrize, gemäß derer wir unser Verhalten in einer entsprechenden Situation vorab phantasieren, und rechtfertigen können (und uns, träte die Katastrophe ein, ohne Gewissensbisse daran halten).

Der Auffassung, wir liebten apokalyptische Szenarien, weil sie den Zusammenbruch all dessen darstellen, woran wir leiden (endlich kein langweiliger Job, keine Rechnungen, motzenden Chefs und Idioten in der U-Bahn mehr), müßte dann eine weitere hinzugefügt werden: Wir lieben sie, weil wir endlich hemmungslos ausagieren könnten, wofür wir per Sozialisation im Brutalkapitalismus trainiert wurden. Für die Dauer einer Episode können wir das immerhin phantasieren.

Aus dem Konkurrenzkampf der „Wettbewerbsgesellschaft“ (oft genug beinahe schon ein ökonmischer Bürgerkrieg jeder gegen jeden) wird im postapokalyptischen Szenario der offene Kampf mit der Waffe; endlich, weil man sich nicht mehr zügeln, oder verstellen muß. Die „Sachzwänge“ der Situation „fordern“ (d.h.: gestatten) die Brutalität.

Die These von der „eigentlich bösen Natur des Menschen“ ist, wie erwähnt, so alt wie ihr Gegenstück – und in beiden Fällen gesellschaftliches Konstrukt. Narrationen, die eine von beiden Thesen als ausschließlich zutreffend darstellen wollen, konstruieren Wirklichkeiten, die jeweils die bevorzugte Behauptung belegen sollen; zu diesem Zweck schaffen sie Fragmentrealitäten, in denen die These zutrifft, und geben diese Miniaturwirklichkeiten als die ganze aus.

Die These von einer wirklichen Natur des Menschen, wie sie The Walking Dead präsentiert (beabsichtigt oder nicht), muß höchst fragwürdig bleiben. Denn deren „Realität“ ist selbst nur Konstruktion, die uns eine Selbstauffassung nahelegt. Als Rede vom Nächsten, der zunächst einmal man selbst sei, ist diese gesellschaftlich allgegenwärtig; insofern erzählen The Walking Dead und andere Serien nichts provokant Neues, sondern wiederholen nur eingeschliffene, längst vorhandene Stereotypen.

Diese sind interessengeleitet, d.h. Kommen einem Bedürfnis des Publikums (und des Erzählers) entgegen; liefern als Erzähltopos Rechtfertigungen für Mißtrauen, Feindseligkeit und unsoziales Verhalten, „erklären“ zugleich in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit und Existenzangst die Welt. Ein künstlicher Zustand – der unserer kapitalistisch orientierten Gesellschaft – wird dabei als Spiegel eines angeblichen Naturzustandes legitimiert, die Frage nach Alternativen unterbunden (wenn der Mensch „in Wirklichkeit“ so ist, müssen diese naiv-romantische Wirklichkeitsflucht darstellen).

Das aktuell beste Beispiel für diesen Mechanismus sind im Zeichen der Flüchtlingskrise die Ängste „besorgter Bürger“, die man „ernst nehmen“ muß, statt zu fragen, woher sie rühren; wie sie produziert werden, woher die Betroffenen also „wissen“, daß alle Asylsuchenden Verbrecher, Sozialschmarotzer etc. sind. Zu anderen Zeiten sind es die „faulen Arbeitslosen“, von denen man zu wissen glaubt, was das gesellschaftliche Narrativ lehrt – also eine „Wirklichkeit“ kennt, deren Kenntnis ohne reale Erfahrung erworben wurde, als etwas, „das jeder weiß“, weil es beständig erzählt wird.

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