:: Der Mensch ein Monstrum: The Walking Dead – (Fazit)

Betrachten wir die These, daß Erzählungen einem Bedürfnis oder Interesse des Publikums entgegenkommen, noch einmal aus einem anderen Blickwinkel. In seinem bereits erwähnten Essay Danse Macabre behauptet Stephen King, daß das Horror-Genre im Grunde konservativ sei; daß er die herrschende Ordnung bestätigt. Für den Gruselfilm alter Schule trifft dies zweifellos zu: er hat ein Happy End. Der Vampir ist gepfählt, das Urzeitmonster weggebombt, das Gespenst exorziert – die Ordnung also wieder hergestellt. Doch was ist mit heutigen Horrorfilmen, in denen oft genug – sogar in der Regel – das Böse siegt? Hat sich Kings Regel überlebt – oder kann es sein, daß gerade im bösen Ende der herrschaftstragende Konservatismus des Genres fortlebt, nur an einen veränderten Zeitgeist angepaßt?

Ein Indiz: Wenn Herr Sathom sich mit Horrofans unterhält und fragt, weshalb ihnen ausgerechnet ein negativer Ausgang besser gefällt als ein glücklicher, wird ihm oft geantwortet, daß das böse Ende realistischer sei. Dies ist nun allerdings eine kuriose Aussage. Welche Rolle kann in einer völlig unrealistischen Erzählung – die etwa von der Wiederkehr der Toten handelt – ausgerechnet der realistische Ausgang der Ereignisse spielen? Wenn eine unmögliche Prämisse akzeptiert wird, weshalb soll dann eine glückliche Fügung zum Schluß als „unrealistisch“ ausgeschlossen sein? Zumal dann, wenn auch das negative Ende insofern unrealistisch ist, als es den zuvor im Film selbst etablierten Regeln, wie seine Wirklichkeit funktioniere (welchen Regeln also das Monster unterliegt), widerspricht (wir wissen: Freddy kommt immer wieder, auch wenn er getreu der Gebrauchsanweisung totgemacht wurde)? Oder wenn es, bei Abwesenheit eines übernatürlichen Moments, einen omnipotenten Schurken von geradezu hellsichtiger Intelligenz erfordert?

Ein solches Bad End kann nur „realistisch“ erscheinen, wenn der Rezipient einen Sieg, eine Überlegenheit des Bösen als realistischere Variante akzeptiert; er also ein Weltbild hat, in das dieser Ausgang besser paßt. Darum erscheint es ihm realistisch; weil es seiner inneren Realität entspricht.

Es geht also um eine Erwartung des Zuschauers, die seine Weltsicht spiegelt. Dies gilt auch für ein weiteres Element postmoderner Horrorfilme und -erzählungen – den unglücklichen Zufall. Im durchaus sehenswerten Remake von Dawn of the Dead etwa gerät bei der dramatischen Flucht gegen Ende des Films der Kleinbus ins Schleudern, was dank einer an sich gegen die Zombies eingesetzten Kettensäge zu allerhand Mißgeschicken für die Insassen führt; in einem anderen Film, dessen Titel Herr Sathom leider vergessen hat (irgendwas mit riesigen Fischmonstern), wird eine der Protagonistinnen auf unappetitliche Weise von einer Explosion getötet, nachdem sie gerade erklärt hat, ihr sei ein Mittel zur Rettung der belagerten Menschen eingefallen. Ob als kleines Mißgeschick – der Autoschlüssel fällt ausgerechnet dann in den Gulli, wenn der Psychokiller kommt – oder als brutaler freak accident, die Aussage bleibt dieselbe. Nicht nur die Toten stehen auf, nicht nur irgendein Monster ist zu bezwingen – die Welt an sich hat sich verschworen, bietet all ihre Zufälle auf, das Scheitern jeder Hoffnung zu erzwingen. Nutzt ja nix, könnte man diese Botschaft übersetzen – von Idealismus bis Bemühen ist alles aussichtslos. Am Ende kriegen sie dich. Daß dergleichen als „realistisch“ aufgefaßt wird, verweist auf eine Weltsicht, eine Erwartungshaltung des Publikums; und auf seinen Wunsch nach Rechtfertigung (der eines faulen Ohrensessel-Zynismus).

Natürlich ist das Happy End ein Klischee; und die Weltsicht, die es so unweigerlich eintreten läßt, daß sich die Autoren der Hammer-Filme noch umständliche Erklärungen ausdenken mußten, wieso Dracula plötzlich doch wieder lebt, deutlich naiv. Heute haben sie es leichter: Das Monster gewinnt einfach. Weil wir es erwarten; es als Ausdruck unseres eigenen „Realismus“, dem ein solches Ende schmeicheln soll, sogar verlangen. Ebenso wie das Happy End ist auch dieses vorhersehbare Bad End klischeehaft – und konservativ in dem Sinne, daß es ein – inzwischen zynisch gewordenes – Weltbild der Zuschauer, und diese in ihrer Haltung, bestätigt.

„Immorality“, schreibt Stephen King im letzten Kapitel von Danse Macabre, „proceeds from a lack of care, and shoddy observation.“ Die Entscheidung für das Böse, für ein negatives Menschenbild und entsprechende „vorbeugende“ Verhaltensweisen, beruhen auf oberflächlicher Betrachtung sowie Ausblendung möglicher Alternativen und Gegenargumente; darauf, es sich einfach machen zu wollen. Die simplifizierten „Wirklichkeiten“ unserer Erzählungen ermöglichen uns eben dies – zeigen Weltsplitter, in denen sich unser Wunschbild der Wirklichkeit spiegelt. Wir wollen diese Splitter für den intakten Spiegel halten – doch sie liefern nur Zerrbilder. Und einst wie jetzt eben diejenigen, die wir zu sehen wünschen. Manchmal, meint Herr Sathom als Atheist, hat die Bibel doch die eine oder andere treffende Formulierung parat: Denn wir sehen jetzt mittels eines Spiegels, undeutlich.

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