:: Nach(t)gedanken zu The Walking Dead

Im Übrigen, was den Vampir angeht: Dadurch ein Held, daß er sich mittels seiner Amoralität über die gewöhnlichen, der gesellschaftlichen Moral verhafteten Menschen stellt, ist der Vampir für seine Fans eine so anziehende Identifikationsfigur, weil dieser „Edle des Bösen“ nicht bloß Omnipotenz- oder Sexualphantasien bedient, sondern auch diejenige, als Angehöriger einer Elite über dem Rest der Menschheit zu stehen. Was in der Konsequenz bedeutet: daß man mit den Opfern des mörderischen Scheusals keine Empathie empfinden muß, hingegen den einsamen, tragischen und anderweitig „veredelten“, aufgrund seiner Größe unverstandenen Außenseiter voller Mitgefühl betrachten kann (da es sich um eine Identifikation handelt, also auch sich selbst; siehe unten). Auch historische Gruselgestalten wie die „Blutgräfin“ Báthory erfüllen dieses Bedürfnis: gerade als massenhaft hingeschlachtetes Menschenmaterial ihrer Individualität beraubt, ziehen ihre Opfer in populären Darstellungen weder Mitleid noch Sympathie auf sich; das Gefühl kann sich auf die zur tragischen Antiheldin gemalte Gräfin konzentrieren, mit der sich der/die Betrachter/in gleichsetzen darf. Blöd nur, daß die Gräfin in der Form, in der sie von den Faszinierten angehimmelt wird, Fiktion ist (daß sie im Worstin gerne Blutbäder nahm, ist spätere Erfindung, alles andere nicht wirklich, na sagen wir, im Sinne moderner kriminalistischer Standards gesichert); aber gerade diese Fiktion existiert nicht umsonst; sie drückt ein Bedürfnis aus. Das, sich narzißtisch mit einem „Übermenschen“ zu identifizieren, der weit über dem Pöbel steht (sogar, wenn er/sie eigentlich bloß ein sadistisches Mistviech ist).

Den Zombie als „Proleten“ unter den Untoten würde dies doppelt erschreckend machen: anstelle der Verheißung, durch vampirischen Biß zum romantisch-düsteren Leichnam mit Klasse veredelt zu werden, tritt bei ihm die Gewißheit ausweglos stupider Existenz; die Aussicht, gleichgemacht zu werden.

Einsamkeit und Größe: Die Tragik, unverstanden zu bleiben, weil man die Masse so weit überragt. Der fürstliche Vampir, überhaupt der „edle“ Schurke erscheint als Held, weil er sich über die Moral der Gewöhnlichen erhebt, die als dressiert, zombiehaft wahrgenommen werden; doch um Moral, so sehr die Fans des schurkischen Helden es auch behaupten mögen, um sich selbst gleich ihm zum Rebellen zu stilisieren, geht es gar nicht.

Sondern darum: Den gesichtslos gemachten Opfern des Monstrums die Empathie entziehen zu können; diese stattdessen ausschließlich auf das als tragisch-heldenhaft wahrgenommene Ungeheuer zu richten; und sich somit , qua Identifikation mit dem Dämon, selbst bemitleiden zu dürfen. Der Abzug jeglichen Mitgefühls von den zahllosen Opfern des Vampirs (und der ihm ähnlichen Figuren) wird ermöglicht, indem diese zu tumber „Masse“ erklärt, ihrer lebendigen Individualität beraubt werden; der Rekurs auf ihre „Moral“, ihr Spießertum, was auch immer, dient nur diesem Zweck, sie zu generischen, wertlosen Wesen abwerten zu können. Gefühl braucht, kann man solch unwichtigen Kreaturen gegenüber nicht aufbringen; es kann reserviert bleiben für den/die Eine(n), Überragende(n), der/die allein Individuum ist, allein zählt.

Es ist also eine Ablehnung der Empathie mit dem Anderen – nicht der Moral, diese ist nur Ausrede – die den Vampir zum Faszinosum macht. Der unempathische Charakter erscheint stark – nichts, weder die Schreie, noch das Leid seiner Opfer, fechten ihn an. Was an Mitgefühl bleibt, wird auf den Vampir (also seinen Fan, auf sich selbst) gerichtet.

Nun sind Zombies auch einigermaßen unempathisch; allerdings nicht aus Entscheidung für irgendeine de Sadesche oder sonstige, menschenverachtende Philosophie, sondern schlicht aus Mangel. Gibt der Edelschuft freiwillig alles Mitgefühl auf, können sie ohnehin nicht anders. Sie sind wahrhaftig die Verneinung des „Edlen“, des „Kultivierten“ – allerdings auch von dessen perverser Ausprägung. Und: Wie der Pöbel in der Phantasie des „Kulturmenschen“, sind sie eine Woge; können ihn trotz ihrer intellektuellen Unterlegenheit fortspülen. Was wäre ein Graf Dracula gegen eine Zombiearmee? In Sekundenbruchteilen zerlegt, sonst nichts.

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