:: Populistische Rhetorik

Der FPÖ-Kandidat zur österreichischen Bundespräsidentenwahl Hofer im Interview. Der Journalist stellt eine unangenehme Frage zu Aussagen, die sich in einer Festschrift der Burschenschaft des Kandidaten finden. Herr Hofer kontert mit einer Feststellung zum Aussehen des Interviewers. Statt auf die Frage überhaupt einzugehen, spricht er lachend davon, wie der Journalist aussehe. Deprimiert wirke er, nicht mehr so fröhlich wie vor Wochen noch. Die zwischen den Zeilen eingeschlagene Richtung: Daß der Journalist in diesen vergangenen Wochen (an ihm, dem Herrn Hofer vielleicht, oder seinem zunehmenden Erfolg?), verzweifelt und darob um Jahre gealtert sein müsse; es sich mithin um die irrelevante Verzweiflungsfrage eines, der des FPÖlers nicht mehr anders Herr werden könne, handele. Ja, das sind Mutmaßungen; doch eben mit diesen arbeitet Hofers Replik. Warum sollte es eine Rolle spielen, daß der Interviewer nicht mehr lustig ist (daß er so aussähe, allein Hofers Behauptung übrigens)? Warum wird auf die Frage nicht einmal zum Schein eingegangen, und was zum Teufel hat es mit ihr zu tun, wie der Fragesteller angeblich aussieht?

Eine andere Sendung, die Moderatorin konfrontiert Herrn Hofer mit dem Ergebnis einer Recherche. Der FPÖ-Mann will nämlich in Israel einen muslimischen Anschlag aus nächster Nähe miterlebt haben. Nur – die israelischen Sicherheitskräfte wissen auf Nachfrage nichts von Anschlägen im besagten Zeitraum. Hofer erklärt den Vorhalt zum Angriff auf seine Glaubwürdigkeit, den er sich nicht gefallen lassen werde, und zum Beispiel dafür, wie „objektiv“ der ORF sei. Ein ähnliches Vorgehen – weg vom Sachverhalt; Klage über fehlende Objektivität; gekränkte Unschuld und kämpferisches Gehabe.

Rhetorische Tricks – längst auch imitiert von AfD-Größen. Frauke Petry, mit Fragen zu einer früheren Äußerung belästigt, beginnt einen Vortrag darüber, was die Medien aufgreifen (in dem Fall den ihr unbehaglichen Punkt), und was nicht. Subtext: Mich so etwas zu fragen, ist böswillige Selektion von Themen. Das Gespräch wird von der konkreten Frage zur allgemeinen Unterstellung umgelenkt, unfair behandelt zu werden. Wie in Hofers Fall gerät der Sachverhalt, zu dem sie befragt wurde, völlig aus dem Blick.

Einen Einblick in die rhetorischen Tricks von Populisten, darin die obigen Beispiele, bietet ein Beitrag des Medienmagazins ZAPP vom 25.05.2016. Eigentlich sind die beschriebenen Maschen leicht durchschaubar; aber es scheint genügend Menschen zu geben, die sie nicht durchschauen wollen.

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:: Arzneimitteltests an Demenzkranken

Als ob alarmistische Dystopie-Propheten wie Herr Sathom nicht schon genug Sorgen hätten: Bundesgesundheitsminister Gröhe möchte, so Medienberichte der letzten Woche, Medikamentenversuche an Demenzkranken und geistig Behinderten erleichtern – auch, wen die Betroffenen keinen Nutzen von so entwickelten Arzneien hätten.

Die Argumente der Gegner solcher Pläne – der Grünen vornehmlich, und der Kirchen – sind, wie auch die der Befürworter, medial allgemein zugänglich (etwa hier und hier einsehbar), und sollen hier nicht noch einmal sämtlich im Detail besprochen werden. Auch soll nicht erörtert werden, ob es sich bei den geplanten Versuchen um Euthanasie handele (tut es nicht). Eingehen, das allerdings ausführlich, wollen wir hingegen auf ein spezifisches Argument der Fürsprecher – daß nämlich Mißbrauch ausgeschlossen sei, wobei notwendige, grundsätzliche Einwilligung in der Patientenverfügung verwiesen wird (Vordrucke für Patientenverfügungen weisen jedoch, praktischerweise, nicht auf solche Tests hin). Wie jemand, der geistig behindert geboren wurde, vorab in irgend etwas einwilligen soll, steht zudem in den Sternen; möglicherweise will man hier, wie auch bei Demenzkranken, den Umweg über die Betreuer einschlagen.

Mißbrauch nicht zu befürchten. Das klingt, wie alle anderen Aussagen der Pro-Seite, ganz vernünftig und gemäßigt; wiederholt somit eine alte Botschaft, die immer gern als Subtext mitgeliefert wird, wenn es um Brüche mit bisherigen Tabus geht: So schlimm wird es schon nicht werden. Alte Menschen, im Pflegeheim ohnehin schon hilflos und ohne Lobby, irgendwelchen Frankensteins ausgeliefert? Ach i wo.

Nur, daß hier ein Anfang gemacht wird – ein erster Schritt in eine bestimmte Richtung. Es liegt in der „Natur der Sache“, daß die Profiteure einer solchen Entwicklung (Pharmakonzerne zuallererst, die dadurch kostenlos, nämlich ohne Honorarzahlung an menschliche Versuchskaninchen kommen) irgendwann mit den bestehenden Möglichkeiten nicht mehr zufrieden sein, Hemmnisse und zu eng gesetzte Grenzen beklagen – und weitere Deregulationen fordern werden

Wie man das wissen will, und weshalb es in der „Natur“ der Sache liegen soll? Das Stichwort liefert ausgerechnet die kirchliche Kritik, auch wenn Herr Sathom sonst kein Freund der Kirchen ist: „Verzweckung“ sei das, beklagen sie. Die des Menschen nämlich; und der sind, einmal in Angriff genommen, keine immanenten Grenzen gesetzt.

Warum das?
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:: Wrestling als antikes Heldendrama

Mal was ganz anderes.

Herr Sathom guckt seit einiger Zeit begeistert Wrestling, vornehmlich WWE.

Über diesen Sport kann man die Nase rümpfen – die Kämpfe seien ja abgesprochen, lautet das erste Argument; choreographiert, würde Herr Sathom entgegenhalten, wobei die oft atemberaubenden Aktionen, die im Ring stattfinden, den Athleten ein Höchstmaß an Koordination und akrobatischem Können abverlangen, um sie ohne ernsthafte Verletzungen durchzuführen.

Ebenso choreographiert ist das Drumherum. Auch, wer sich nie mit Wrestling – früher hier als Catchen bekannt – befaßte, weiß, daß es festgelegte Rollen gibt, die Guten, die Bösen, die Helden des Publikums, die abgefeimten Schurken. Dabei ist das Beziehungsgeflecht der Opponenten heutzutage weitaus komplizierter, folgt einem ausgefeilten Drehbuch. Es gibt Intrigen hinter den Szenen – die jedoch per Großbildprojektion in die Arena übertragen werden, so daß das Publikum die „Hintergrundgeschichte“ erfährt, die sich auch in den sozialen Netzwerken und via Twitter fortsetzt; Feindschaften, die zu Freundschaften werden, Bündnisse, die zerbrechen, ehemalige Kumpane zu verbitterten Widersachern entzweien, u.v.m. Ein Narrativ umspannt die Kämpfe, eine endlos fortgesponnene Hintergrundgeschichte dessen, was sich tatsächlich inzwischen „WWE-Universum“ nennt (wie das Marvel-Universum, das DCU oder das Buffyverse), allerdings hier die Zuschauer mitmeint.

Betrachtet man alle Vorgänge im und um den Ring, hinter den Kulissen usw., fällt tatsächlich sofort die Ähnlichkeit mit Superheldengeschichten auf. Wie dort gibt es Rivalitäten, verfeindete Teams, Seitenwechsel, spontane Bündnisse, z.B. gegen einen schurkischen Feind, dessen Auftreten Rivalen kurzzeitig eint, und allerhand Konflikte auch zwischen den „Guten“ (The First Avenger: Civil War, anybody?). Wie dort haben die Konflikte und Beziehungsgeflechte oft den Charakter von Soap Opera-Narrativen. Längst erreichen Selbstinszenierung und Kostümierung ein Niveau, das an Comichelden erinnert – da sind mexikanisch maskierten Luchadores wie Kalisto, da sind die Vaudevillains, benannt nach den Vaudeville-Bühnen des späten Neunzehnten bis frühen Zwanzigsten Jahrhunderts, kostümiert wie damalige Kraftmaxe und mit pomadigem Haar, sowie gezwirbelten Schnurrbärten ausgestattet. Da ist Roman Reigns, der früher einer Gruppe namens The Shield angehörte (einem Superteam, wenn man so will; der alliterative Kampfname Roman Reigns ist ein Wortspiel, das sich mit Roman regiert übersetzen läßt). Doch darunter, meint Herr Sathom, verbirgt sich eine tiefere Ebene (die, ironischerweise, zugleich auch Fundament der Superhelden-Epen ist).

Und so will Herr Sathom hier einmal eine These aufstellen, die Verächtern des „primitiven“ Massenspektakels vielleicht keß erscheint. Es liegt nahe, Wrestling als „modernes Gladiatorenspiel“ aufzufassen; das ist es jedoch keineswegs. Vielmehr möchte Herr Sathom behaupten, daß es sich um kunstvoll inszenierte Dramen antiken Stils handelt; gelegentlich solche, die die Form der Tragödie annehmen.

„Sakrileg“, wird da Mancher rufen; der Kanon der geheiligten, abendländischen Klassiker und diese Prügeleien auf einer Ebene? Aber sehen wir genauer hin. Eines vorab – dieser präzise Blick bedeutet nicht, durch Gleichsetzung das antike Drama herabzuwürdigen; sondern es zu respektieren und ernstzunehmen als das, was es ist. Dazu später mehr.

Vorab eine Präzisierung. „Dramen antiken Stils“ heißt, daß nicht nur Motive und Mittel antiker Dramen zum Einsatz kommen, die damals tatsächlich – soweit wir sie kennen – als Bühnenstücke geschrieben wurden; sondern daß die Inszenierungen im Amphitheater unserer Tage auch Themen alter Epen und Mythen wiederholen, die damals entweder nicht in dramatische Form gebracht wurden, oder in dieser Form verloren gingen (das antike Drama als solches bediente sich, soweit erhalten,wiederum selbst aus einem Pool vorliegender Stoffe).

:: En lisant „Charlie Hebdo“. Eine Rezension.

Herr Sathom, gealterter Rebell, der er nun einmal ist, hat sich neulich endlich mal eine Ausgabe von Charlie Hebdo gekauft. Er war nämlich schon lange neugierig, doch ist die lustige französische Schmähschrift selbst hier, wo man so weltstädtisch sein will, nicht überall zu haben; Herr Sathom aber befand sich in der Innenstadt, und ergriff die Gelegenheit.

Er forderte also an der Zeitungsbude die Herausgabe eines Exemplars um wohlfeile vier Euro (die unter dem Titel ausgewiesenen drei gelten gelten nur für La France, der hiesige steht kaum sichtbar links neben dem Titelbild, merde alors). Der migrierte Kioskbetreiber händigte das Blatt mit der üblichen Freundlichkeit solcher Betreiber, gleich welchen kulturellen Hintergrundes, aus. Herr Sathom aber stellte bei Sichtung seiner Beute mit Vergnügen und Interesse fest, daß sein Schulfranzösisch sich recht gut gehalten hat.

Was also steht in Charlie Hebdo? Zumindest die verkürzte Berichterstattung in Fernsehen und Internet blieb zu dieser Frage stets oberflächlich. Man konzentrierte sich auf das Redaktionsattentat, oder den Skandal um die Darstellung eines toten, angeschwemmten Flüchtlingsjungen; gab von den Inhalten des Blattes nur ausgewählte, besonders provokative Zeichnungen wieder. Inhalt, Ausrichtung und Hintergrund der jeweiligen Ausgabe, oder der Zeitschrift als solcher, wurden nicht näher beleuchtet. So konnte – möglicherweise – der Eindruck entstehen, das Blatt bestehe ausschließlich aus anstößigen, von Fäkal- und Sexualhumor geprägten Witzbildern.

Vielleicht war dieser Eindruck erwünscht, weitaus wahrscheinlicher jedoch Reflex hiesiger Bevölkerungspädagogen, denen die französische Humortradition unbekannt ist. Womöglich erschraken diese Leute ein bißchen und pickten sich heraus, was sie benötigten, um eilends eine Debatte darüber loszutreten, was Satire dürfe, und ob bzw. daß die Charlies da wohl ab und an zu weit gingen. Zeitgleich sahen konservative bis rechte Vertreter des politisch Inkorrekten die Gelegenheit, ausgerechnet Charlie als Kronzeugen für sich zu mißbrauchen. Je nach politischer Couleur lieferten aus dem Zusammenhang gerissene Karikaturen den „Beleg“ für die eigene Auffassung; dienten also, ohne die Publikation wirklich zu analysieren, als bloße Aufhänger für Diskussionen über die Meinungsfreiheit, ggf. für Forderungen nach deren Einschränkung. Gefragt wurde dabei u.a., ob man nicht auf „religiöse Gefühle“ besondere Rücksicht nehmen solle (als stellten diese irgendwie einen höheren Wert dar als die Befindlichkeiten von, na, sagen wir, Homosexuellen oder Atheisten). Sogar den „Selbst schuld“-Reflex konnte sich mancher Kommentator nach dem Attentat auf die Redaktion nicht verkneifen, wenn auch meist zwischen den Zeilen geäußert; da schwang dann die Unterstellung mit, die Macher von Charlie Hebdo seien ein Haufen Possenreißer, die mit verantwortungslos beleidigenden Zoten ihr Schicksal irgendwie herausgefordert hätten. Und das, sagten die Pädagogen mit erhobenem Zeigefinger, darf man nicht.

Trifft dieser hierzulande teilweise erweckte Eindruck von Charlie Hebdo zu? Allons-y. Machen wir die Probe aufs Exempel.

Es handelt sich um Ausgabe 1241 vom 04. Mai 2016 (der Einfall, überhaupt einmal eine solche Rezension zu schreiben, kam Herrn Sathom erst verspätet). Titelthema ist der anstehende Prozeß gegen Abdeslam, einen mutmaßlichen Komplizen der Attentäter von Paris. Weitere Karikaturen und Texte behandeln eine große Bandbreite sozialer, gesellschaftlicher und politischer Themen.

Ja, Texte. Die Überraschung: Das Gros des Inhalts besteht aus Text. Artikel, Kurzmeldungen, Glossen, Kommentare und ein Interview – pointiert, gut recherchiert, Haltung und Meinung der Verfasser/innen offen eingestanden, aber von Fakten unterfüttert; das alles mit so galligem wie gallischem Humor knapp und stilsicher auf den Punkt gebracht. Herr Sathom, der sich durchaus eine ziemliche Labertasche weiß, zieht vor solcher Prägnanz den Hut. Das gilt auch für das klare Bekenntnis zum eigenen Standpunkt. Die Autor/innen sind nicht „objektiv“ – sie vertreten Positionen und beziehen offen Stellung, stets für die Geknechteten, Migrierten, Unterdrückten oder Ausgebeuteten. D.h. anders als hiesige bürgerliche Journalisten verhehlen sie nicht, von welcher Warte aus sie argumentieren oder attackieren; täuschen also nicht vor, statt ideologisch geprägter Meinungen objektive Lebenstatsachen zu verkünden, zu denen man bei abwägendem Einsatz nüchterner Vernunft nur so und nicht anders gelangen könne.

:: Volksparteien – Nachtrag zu „Wer ist das Volk?“

Ein Nebengedanke zum Thema „Volk“.

Daß sich die neuen Rechten brüsten, die alten „Volksparteien“ abzulösen, bzw. behaupten, daß diese ohnehin keine mehr seien, wirft eine Frage auf. Wieso überhaupt „Volksparteien“? Warum nicht „große“, „etablierte“ oder „traditionelle“? Woher rührt eigentlich der Begriff, der ja schon vor dem Erstarken der Rechten, nämlich als Selbstbezeichnung der stärksten Parteien, üblich war?

Seine bloße Existenz ist bezeichnend. Auch in anderen Ländern gibt es Parteien, die sich „Volkspartei“ oder „Partei des Volkes“ nennen, doch handelt es sich stets um Eigennamen von Organisationen, deren Ausprägung i.d.R. totalitär ist – wie die neuen Rechten legitimieren auch sie sich durch einen behaupteten Alleinvertretungsanspruch, also den, daß nur sie das Volk in seiner Gänze vertreten (bzw. daß, wer anders denkt, nicht den „Volkswillen“ teile, tendenziell nicht zum „Volk“ gehöre). Eine Gruppe von Parteien – die größten, vorherrschenden, erfolgreichen – so zu nennen, ist, soweit Herr Sathom weiß, nur hierzulande üblich.

Woher die Neigung, eine Partei durch Verleihung dieser Bezeichnung („die Grünen sind zu einer Volkspartei geworden“, als Beförderung ausgesprochen) besonderen Wert zuzumessen? :: Volksparteien – Nachtrag zu „Wer ist das Volk?“ weiterlesen

:: Neusprech – Nachtrag zu „Donner in den Alpen“

Einige nachgeschobene Gedanken zum o.g. Beitrag.

Wie dort schon erörtert, behaupten Politiker, Wortführer und Anhänger von AfD und ggf. Pegida, durch die Bezeichnung „Rechtspopulisten“ diskriminiert zu werden; überhaupt sehen sie sich von den Medien, der Politik und den „linken Eliten“ verleumdet. Im Zuge solcher Äußerungen fällt gelegentlich der Begriff „Neusprech“.

Wir erinnern uns: Der Begriff stammt aus George Orwells Roman 1984 und bezeichnet dort laut Wikipedia eine „vom herrschenden Regime vorgeschriebene, künstlich veränderte Sprache.“ Das im Roman beschriebene Verfahren der Sprachmanipulation unterscheidet sich zwar stark von dem, was wir heutzutage unter „Sprachregelungen“ verstehen, kann als Synonym für solche aber durchaus taugen – wenn man es metaphorisch verwendet. Nur, doziert Herr Sathom, indem er seine kluge Lesebrille abnimmt und Meyers Konversationslexikon des digitalen Zeitalters wieder im Schrank verschwinden läßt, verwenden es Anhänger der Rechten wohl auch in einem naiv konkreten Sinn, nämlich als Ausdruck ihres Empfindens (bzw. ihrer Behauptung), Verfolgte eines totalitären Regimes ähnlich dem Orwellschen zu sein (dazu unten mehr).

Herr Sathom hat es in „Donner in den Alpen“ schon kurz angesprochen; er behauptet, daß es vielmehr die Rechten selbst sind, die Neusprech betreiben – ganz perfide zur letzten Konsequenz geführt, indem sie es zugleich den Gegnern vorwerfen. Betrachten wir einige Beispiele.

Da wird etwa die aktuelle bundesdeutsche Ordnung gern als faschistisch bezeichnet. Man kann von unseren derzeitigen Herrschaftsverhältnissen allerhand sagen, doch sie mit Faschismus gleichzusetzen, weist entweder auf eine massive Unkenntnis dessen hin, was der Begriff bedeutet – oder stellt eine unverschämte Lüge dar. Ob hier Dreistigkeit oder Geschichtskenntnisse unter dem Nullpunkt eine Rolle spielen, will Herr Sathom gar nicht erörtern – aber die Gleichsetzung an sich ist idiotisch. Allerdings verfolgt sie einen bauernschlauen Zweck. Indem die neuen Rechten von Faschismus faseln, stellen sie sich selbst als Verfolgte dar, können sich gar als Opfer eines von „den Eliten“ geplanten, schleichenden Genozids per Zuwanderung phantasieren. Ja, Herr Sathom guckt Sie an, Herr Pirinçci.

Weiter. Die Medien, öffentliche wie private, aber auch Politiker bezeichnen rechtslastige Mitmenschen und ihre Propheten gern als „Rechtspopulisten“. Der Begriff ist verharmlosend. Doch sogar ihn deutet die Rechte so um, daß er eine Unterstellung, eine Diskriminierung darstelle – d.h. daß man sie schont, und nicht als Nazis oder Rassisten bezeichnet, werten sie als Ausdruck einer herabsetzenden Propaganda. Nicht einmal „rechts“ wollen sie noch sein. Zugleich bezeichnen rechte Kommentatoren in Online-Foren ihre Gegner als Links-, Öko-, oder Sonstewas-Populisten; betreiben also eine Begriffsverwischung, die den Terminus „Rechtspopulist“ seines Inhalts entleeren soll. Wenn alle Populisten sind, bedeutet die Bezeichnung nichts.

Eine andere Bezeichnung hat die Rechte für sich gekapert – auch wer Asylbewerberheime anzündet, oder vor Bussen voller verängstigter Flüchtlinge randaliert, ist jetzt bloß „besorgter Bürger“. Die Selbstbezeichnung, mit der tatsächlich einfach nur besorgte Leute den Verdacht abwehren wollten, rechts zu stehen, dient nun als zynischer Euphemismus.

:: Die selbstgemachte Flüchtlingskrise

Ist das schön! Nach der Blockierung der Balkanroute ist die Flüchtlingskrise wieder ganz weit weg – die leidenden Menschen vielmehr, zur „Krise“ deklariert, die man endlich wie gehabt in HD als fernes Problem bestaunen darf.

Nun haben schon zuvor kesse Kabarettisten und andere Kritiker gemunkelt, die Krise sei selbstgemacht, u.a. durch die europäische Außen- und Wirtschaftspolitik. Doch es scheint, daß Europa für den massiven Flüchtlingsstrom des Jahres 2015 ganz direkt und unmittelbar ausgelöst hat; einen konkreten Anlaß dazu schuf. :: Die selbstgemachte Flüchtlingskrise weiterlesen

:: Wer ist das Volk?

Oder: Auf den Leim gegangen.

Zur Abwechslung mal was Aktuelles.
„Wir sind das Volk!“ schallt es laut und immer wieder aus den Reihen von AfD, Pegida und aller anderen, die nicht mehr „Rechtspopulisten“ genannt werden wollen. Der Anspruch ist klar: sie reklamieren, das „Volk“ zu repräsentieren. Politische Fragen soll per direkter Demokratie der „Volkswille“ entscheiden; also ihr eigener. Er ist, will die Parole sagen, mit dem des ganzen „Volkes“ als solchem deckungsgleich.

Aber: Das Volk, wer ist das eigentlich? Was ist mit jenen, die TTIP bekämpfen, den Lobbyismus in Brüssel, den Kapitalismus, all die Mißstände der Gesellschaft kritisch sehen, und trotzdem nicht AfD wählen? Mit denen, die Flüchtlinge willkommen heißen, sich nicht verleiten lassen, ihren Unmut in Fremdenfeindlichkeit umzumünzen? Oder mit den alleinerziehenden Müttern, den Homosexuellen, Feministinnen, allen, für die gemäß AfD-Parteiprogramm in diesem „Volk“ kein Platz mehr wäre; die sich zumindest wärmer anziehen müßten, würde es umgesetzt? Nicht zu vergessen all diejenigen, die der neuen Rechten ablehnend gegenüberstehen, und sich in öffentlichen Foren den Lynchphantasien von deren Anhängervolk ausgesetzt sehen?

Gehören diese Leute etwa nicht zum Volk, zur Bevölkerung? Nun – gemäß dem Welt- und Menschenbild der Neurechten, gemäß deren „gesundem“ Empfinden, mutmaßt Herr Sathom, wohl tatsächlich nicht. „Wir sind das Volk“, das bedeutet eben – wir; nur wir, nur, wer unsere Gesinnung teilt; jede(r) andere nicht. Volk, das ist eine fest umrissene Gruppe, allerdings nicht mehr – wie in der NS-Zeit – die Angehörigen einer „Rasse“; sondern alle, die ein ganz bestimmtes Weltbild teilen. Dadurch qualifizieren sie sich als „Volk“ – der Rest fällt durch. Schwul? Links? Journalist? Setzen, Sechs. Schnauze halten.

Ein Alleinvertretungsanspruch wird da erhoben; eine Vorstellung gepflegt, der zufolge der Wille „des“ Volkes automatisch dem entspricht, was man selbst möchte (ergo gehört, wer etwas anderes will, schon rein logisch nicht zum Volk; nur das echte, das wirkliche, DAS Volk, das mit dem gesunden Empfinden, und die mit ihm identische Rechte teilen denselben Willen – den einzig legitimierten). Diese Vorstellung äußert sich z.B. in Forderungen nach direkter Demokratie, die gar nicht ernst gemeint sind, weil mit der Phantasie verknüpft, daß der Ausgang etwa von Volksabstimmungen zwingend immer der wäre, den man selbst wünscht („Wenn man die Bevölkerung fragen würde …“). Man kann die Frage durchspielen, ob solche „Demokraten“ mißliebige Ergebnisse akzeptieren würden, oder prompt wieder auf der Straße wären, um der Mehrheit, die anders stimmte, entgegenzubrüllen: „Nein, wir sind das Volk! Nicht ihr! Ihr habt falsch gestimmt!“. Nur zu – einfach mal vorstellen, eine Mehrheit würde per Abstimmung die Ehe für Homosexuelle befürworten, und wie „das Volk“ dann reagieren würde. Daß dergleichen allerdings überhaupt vorkäme, davon wird schlicht nicht ausgegangen. Mit größter Selbstverständlichkeit nimmt der „Volksgenosse“ an, der Wille des Volkes entspräche hundertprozentig seinem eigenen. Daher die feste Überzeugung, wenn direkte Demokratie nach Schweizer Vorbild installiert würde, bräche das Paradies an (die haben doch gegen Minarette gestimmt! So wäre das dann immer! Es käme stets nur heraus, was wir wollen – wie könnte irgendwer anders wählen? Wir sind doch das Volk! Immer einer Blockmeinung!). Denn Obacht: „Würde man das Volk fragen …“ – Sätze, die so beginnen, enden gern mit dem Befehl, wie die Antwort lauten müsse; das sagt Einiges aus. Der so spricht, bildet sich ein, für alle zu sprechen. Dem Teil des Volkes, das auf die Frage anders als gewünscht antworten könnte, erklärt er ggf. auf Facebook oder Twitter, was ihm blüht.