:: Wer ist das Volk?

Es handelt sich also hier um einen Teil der Bevölkerung, der sich ganz ungeniert für die ganze setzt; die einzige, die zählt. „Wir sind das Volk“ heißt auch: Wir verkörpern es. In uns manifestiert es sich. Die Anderen sind Nicht-Volk.

Wer konservativ ist, blond (wenigstens geistig) und der traditionellen Familie huldigt, wird zum Angehörigen des „Volkes“ geweiht. Die ganzen Freaks hingegen, die angeblichen „linken Eliten“ (im derzeitigen Kapitalismus ein völliger Quatsch) und andere Mutanten hingegen nicht. Dieser Punkt darf nicht unterschätzt werden. Zum Alleinvertretungsanspruch rechter Politiker tritt auf Seiten ihrer Anhänger ein Ausschließlichkeitsanspruch. Die Parole „Wir sind das Volk“ behauptet nicht nur, daß lediglich Parteien wie die AfD das Volk vertreten; sondern auch, daß das Volk einzig und allein aus ihren Anhängern besteht. Allen Anderen wird damit jedes Mitspracherecht, jede Teilnahme an der politischen Willensbildung, abgesprochen. Sie sind ja nicht „Volk“ – ihr Wille also nicht legitimiert, da nur der „Volkswille“ zählt. Darauf, in gesellschaftlichen Prozessen irgendeine Rolle zu spielen, ihre Interessen zu vertreten, gehört zu werden oder sich auch nur zu äußern, haben sie keinen Anspruch. „Wir sind das Volk“ ist eine Ausschlußparole.

Um all das nicht im luftleeren Raum zu behaupten, ein Beispiel. Formuliert findet man diesen Alleinvertretungsanspruch etwa in der Rede eines AfD-Vertreters in der Dokumentation AfD. Und jetzt? (ab Zeitindex 00:39:40). Dort heißt es u.a.: „Die Alternative für Deutschland ist der Kristallisationspunkt für echte Systemkritik.“
„Echte“ Systemkritik? Wie ist das zu verstehen, da es ja auch System-, Kapitalismus- und Gesellschaftskritiker gibt, die sich nicht zur AfD rechnen, sie ggf. sogar ablehnen? Die absurde Behauptung (es müßte ja, wenn es „echte“ gibt, auch „unechte“ Systemkritik geben, die diese Leute dann üben) kann man als Zuhörer wohl nur plausibel finden, wenn man davon ausgeht, daß ausschließlich die Mitgliedschaft im Sammelbecken AfD zu wirklicher Kritik an der herrschenden Ordnung qualifiziert. Allen Anderen, Linken und Feministinnen etwa, wird dieses Potential abgesprochen. Doch die Totalität des Anspruchs, nur man selbst übe echte Kritik, geht weiter – auch jene, deren Standpunkte sich vielleicht nur in Teilen mit denen der Partei decken, sogar Ultrakonservative, die ganz ähnliche Positionen vertreten, aber anderen politischen Fraktionen angehören, schließt er aus.
Was für jene gilt, die nicht der AfD anhängen, weiß der Redner übrigens auch. „Auf der Gegenseite findet man all die Maden, die sich vom (sic) Kadaver BRD vollgefressen haben […]“. Vielleicht macht diese Aussage die Vorstellung, außerhalb der AfD könne niemand „echte“ Systemkritik üben, verständlicher. Wahre Systemkritik hängt offenbar an der Zugehörigkeit zur Gruppe der AfD-Parteimitglieder oder -wähler. Wer draußen steht, mag zwar einzelne Kritikpunkte teilen, ist aber dennoch „Made“. Seine Kritik ist nicht „echt“, weil sie nicht deckungsgleich mit derjenigen der AfD ist, weil er z.B. die derzeitige Ordnung nicht als „faschistisch“ betrachtet; er will nur an Details herumpfuschen, sitzt also teilweise noch im System, und nagt da herum. Die Drohung an all diese Krabbelviecher liefert der echte Systemkritiker durch seine Wortwahl gleich mit – was mit Ungeziefer zu geschehen hat, wenn’s erst mal so weit ist, dürfen sich seine Zuhörer genüßlich ausmalen.
Man kann einwenden, daß der Volksbegriff hier gar nicht fällt; doch das Leitmotiv des Denkens ist dasselbe. „Nur wir – niemand sonst.“

Aber: Es geht auch anders herum. In seinem vorangehenden Beitrag zitierte Herr Sathom einen Internet-Kommentator, der den öffentlich.rechtlichen Medien, wenn sie von „Rechtspopulisten“ sprechen, „politisierenden und polarisierenden Neusprech“ vorwarf. Den merkwürdigen Gebrauch des Adjektivs „ politisierenden“ behandelte er schon dort. Fügen wir hinzu, daß der angebliche „Neusprech der ÖR“ nur dann polarisieren kann, wenn er irgendwelche Leute oder Gruppen gegeneinander aufhetzt. Der Subtext lautet: Das Volk wäre eins, gäbe es nicht die „mediale Propaganda“. Hier wird die Gesamtbevölkerung vereinnahmt – eigentlich wären alle unserer (völkischen) Meinung, die Menge des Volkes also identisch mit der Menge der Rechten, würden wir nicht durch diese blöde, differenzierende Begriffsklauberei entzweit. Nur: Homosexuelle und anderen Perverse würden trotzdem außen vor dem Volk bleiben. Die Behauptung, man sei nur künstlich gegeneinander aufgehetzt, wird so entlarvt. In Wirklichkeit spaltet man selbst; grenzt die Unerwünschten aus.

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