:: Wer ist das Volk?

Wir haben es hier mit einem Weltbild zu tun, das keine unterschiedlichen Interessen, Orientierungen und Lebensstile akzeptiert, sondern nur die Naturkategorie des „Volkes“, die – gewissermaßen als Ausdruck einer kosmischen Ordnung – das „Richtige“ verkörpert, und durch ihren „Willen“ ausdrückt (Interessen gibt es dabei sehr wohl, und durchaus egoistische, nur werden diese verleugnet, und zum Ausdruck eines höheren Gesetzes umgedeutet – die Frau gehört an den Herd, weil das „eben so ist“, und „Volkes Stimme“ es will). Praktisch auch, daß man so behaupten kann, Dinge nicht etwa aus privatem Eigeninteresse zu wollen, sondern einfach den „Volkswillen“ zu artikulieren; da fordert man für sich (oder verweigert anderen) doch gleich mit der Autorität eines ganzen Heeres im Rücken, und ist zugleich von jedem Egoismus freigesprochen.

„Volk“ ist, wie gesagt, nur derjenige, der Willen und Meinungen der eigenen Gruppe teilt. „Volkswille“ legitimiert die Rechte in ihren eigenen Augen zur Herrschaft, wer aber anderes will, gehört damit zwangsläufig eben nicht zum Volk. Nicht zum wahren jedenfalls. Für die Unsinnsvorstellung, daß jemand Teil der Bevölkerung sein, aber trotzdem irgendwie nicht zum Volk gehören kann, hat die Rechte einen Begriff, den ihr die Nazis vererbten, und der inzwischen auch auf ihren Demos wieder laut wird: „Volksverräter“. Das Quatschwort erhebt das Volk zu einer Entität, einer transzendentalen Person, die man „verraten“ kann wie einen Menschen, einen Herrscher etwa. Zum „Volkskörper“ eben, als dessen alleinige Glieder sich Rechte phantasieren. Zugleich suggeriert der Begriff „Volksverräter“ perfide, daß die Betroffenen sich – durch ihren „Verrat“ – selbst aus dem Volk ausschließen. Opfer und Täter werden so vertauscht; nicht das „Volk“ grenzt aus, es kann gar nichts dafür, daß da welche darauf bestehen, anders sein zu wollen, oder aktiv gegen das Volk gerichtet zu handeln. Wer darauf besteht, schwul oder lesbisch zu sein (lies: mangels Fortpflanzung das Aussterben des „Volkes“ zu fördern), oder Kinder partnerlos aufzuziehen, „hat es ja nicht anders gewollt“, wenn ihm/ihr dadurch Nachteile entstehen. So kann das „Volk“ den Widerspruch aus seiner Wahrnehmung löschen, daß es sich stellvertretend für Alle setzt, zugleich aber Einzelne und Gruppen ausschließt – eigentlich ist jede(r) das Volk, bis auf die, mit denen etwas nicht stimmt, aber die setzen sich ja selbst vor die Tür.

Besorgniserregend dabei ist, daß bei den nach wie vor unbeholfenen Versuchen, die jüngsten Erfolge der Rechtspopulisten in Deutschland und Europa zu erklären, offenbar manche diesem Anspruch, „das“ Volk zu verkörpern, auf den Leim gehen. Folgte man dem Internationalen Frühschoppen vom 1. Mai, war da viel von „der Bevölkerung“ die Rede; sie sei unzufrieden mit der Intransparenz europäischer Entscheidungen, mit TTIP, gegen dies, gegen jenes. In die Rede der Journalisten aus verschiedenen Ländern schlichen sie sich schon ein, die Formulierungen, die alle Unzufriedenen (auch die, die es mit gutem Recht sind) unhinterfragt mit den Wählern der Rechten gleichsetzen; die irritierend naiv die Bevölkerung (den Volksbegriff vermied man) mit den Anhängern der AfD identifizieren. Dieser Versuch des „Verstehens“, der tatsächlich eine Art vorauseilenden Gehorsams, eine Anbiederung und zugleich Verharmlosung darstellt, ignoriert all jene gesellschaftlichen Gruppen, die unter einer rechten Herrschaft zu leiden hätten; schließt sie aus der Gesamtbevölkerung aus, wie es die Rechten vordenken. Dieses gedanklich und propagandistisch Vorgekaute, scheint es, wird inzwischen von einigen verwirrten Deutern mit geradezu kindlicher Naivität geschluckt. Was um so schlimmer ist, als sie damit die verlogene Behauptung der Rechten, alle gesellschaftskritischen Kräfte zu vertreten, verbal schon akzeptieren. Kurz, bereits auf sie hereinfallen – vielleicht auch, weil sie den harten, unangenehmen Schluß nicht ziehen wollen, wie groß der Bevölkerungsanteil ist, der einfach noch dumpfen Rassismen anhängt; oder weil sie den Konflikt mit dieser Bevölkerungsgruppe meiden wollen, wie sie es früher taten, indem sie verharmlosende Floskeln wie „Rechtspopulisten“ erfanden, oder rassistische Übergriffe als Fehltritte von Jugendlichen, aber keineswegs politisch motiviert, deuteten. Daß die Mehrzahl der Anrufer zur Sendung diese Steilvorlage annahm, kann kaum überraschen; die meisten fühlten sich ohnehin nicht bemüßigt, Fragen zu stellen oder kritisch zu kommentieren, sondern dazu abgestellt, prorechte Pamphlete zu verlesen.

Lassen wir uns also nicht in Bockshorn jagen. In Interviews zum aktuellen AfD-Parteitag haben die Parteigrößen Kreide gefressen; auf Mäßigung mit zunehmender Popularität hofften auch die Diskussionsteilnehmer des Frühschoppens (das hat ja schon mal so gut geklappt). Zugleich betreiben die neuen Rechten derzeit genau das, was sie ihren Gegnern vorwerfen: „Neusprech“ im Orwellschen Sinne; deuten den totalitäre Herrschaftsanspruch ihres (Wahl-)Volks zu einer Demokratiebewegung um, fühlen sich durch die Bezeichnung „Rechtspopulist“ verleumdet statt verharmlost, usw. Auch die Parole „Wir sind das Volk“ folgt diesem Schema, ist somit unter Anderem eines – abgrundtief verlogen. Und ändert nichts an der Wirklichkeit dessen, womit es alle, die tatsächlich eine freie, demokratisch verfaßte Gesellschaft mit Chancengleichheit wünschen, zu tun haben: mit gefährlichen Leuten. Wirklich gefährlichen.

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