:: Neusprech – Nachtrag zu „Donner in den Alpen“

Natürlich bedienen sich etwa AfD-Politiker auch der altbewährten Amalgam-Sprache der Nazis, wenn sie in einem kapitalistischen Land, in dem die Grünen längst eine Partei für wohlhabende, die sozial „schwächeren“ verachtende Wähler geworden sind, vom „links-rot-grün-verseuchten 68er-Deutschland“ schwafeln, und dabei auch die traditionelle Infektionsphantasie nicht vergessen (ZAPP, ab Zeitindex 00:11:40). Wesentlicher aber scheint, daß sie den alten Methoden, Gegner zu diffamieren, eine neue, quasi deren Umkehrung, hinzufügen. Sie selbst sind jetzt plötzlich Demokraten, Opfer, etc.; die Kritiker der Rechten hingegen betreiben „Volksverhetzung“. Wer gegen Rechts ist, dem werden jetzt Vokabeln angeheftet, die früher die Rechte beschrieben.

Es handelt sich hier um eine massive Umdeutungskampagne. An sich verharmlosende Sprachregelungen werden als Diskriminierung gewertet; der Umstand, daß das bürgerliche Lager tatsächlich Sprach- und Denkklischees verwendet, um rechte Ideen herunterzuspielen, also genutzt, um ihm vorzuwerfen, es würde damit Verfolgung betreiben. Das ist ausgesprochen clever und einigermaßen perfide: daß man vom Establishment geschont wird, weil es die Fortdauer nazistischer Orientierungen in der Gesellschaft nicht zugeben möchte, deutet man als böswilligen Angriff. Es hilft den eigenen Leuten, sich als schikanierte Märtyrer wahrzunehmen.

Die Liste der Beispiele läßt sich beliebig verlängern; wer es versuchen mag, muß sich nur Verlautbarungen von AfD, Pegida und deren Fans im Netz ansehen. Da ist von „Merkel-Faschismus“ die Rede, stilisieren sich also die Vertreter rechter Ideen zu Verfolgten eines Systems, das sie halt eben „Faschismus“ nennen; seiner präzis definierten Bedeutung beraubt, wird der Begriff zum Schlagwort für halt irgendwie was Böses, das immer die anderen machen. Da hört man von „linken Eliten“ – als ob es solche im Kapitalismus gäbe; und wieder werden „links“ und „Eliten“ zu hohlen Worthülsen, die an sich nur „schlecht“ bedeuten, und sich der Wirklichkeit des politischen Gegners wie Kapuzen überstülpen lassen (wie einem Delinquenten, bevor er gehängt wird, möchte man angesichts mancher Wortmeldungen in sozialen Netzwerken meinen, wenn sich Anhänger der Rechten in vorfreudigen Phantasien ergehen, was ihren Feinden noch passieren wird). Kurz, alle negativ besetzten Begriffe und Adjektive werden den anderen zugeschrieben, alle positiven sich selbst – egal, was sie ursprünglich bedeuteten, egal, ob sie historisch oder wissenschaftlich definiert sind. Weil Faschismus schlecht ist, Demokratie gut, sind die anderen die Faschisten, man selber Demokrat, unabhängig davon, was für Inhalte man vertritt. Frei nach dem Motto: Braun ist das neue Rot.

Die Methode zieht sich durch die gesamte Rhetorik der neuen Rechten. Man okkupiert den Begriff der Demokratie, indem man ihn verwendet, als bezeichne er keine Staatsform, sondern ein Prinzip, das allein in der Rechten existiert; man erklärt sich mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ zu dessen alleinigem Vertreter, bzw. tatsächlich zum ausschließlichen Volk, dem Andersdenkende nicht mehr angehören.

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