:: En lisant „Charlie Hebdo“. Eine Rezension.

Herr Sathom, gealterter Rebell, der er nun einmal ist, hat sich neulich endlich mal eine Ausgabe von Charlie Hebdo gekauft. Er war nämlich schon lange neugierig, doch ist die lustige französische Schmähschrift selbst hier, wo man so weltstädtisch sein will, nicht überall zu haben; Herr Sathom aber befand sich in der Innenstadt, und ergriff die Gelegenheit.

Er forderte also an der Zeitungsbude die Herausgabe eines Exemplars um wohlfeile vier Euro (die unter dem Titel ausgewiesenen drei gelten gelten nur für La France, der hiesige steht kaum sichtbar links neben dem Titelbild, merde alors). Der migrierte Kioskbetreiber händigte das Blatt mit der üblichen Freundlichkeit solcher Betreiber, gleich welchen kulturellen Hintergrundes, aus. Herr Sathom aber stellte bei Sichtung seiner Beute mit Vergnügen und Interesse fest, daß sein Schulfranzösisch sich recht gut gehalten hat.

Was also steht in Charlie Hebdo? Zumindest die verkürzte Berichterstattung in Fernsehen und Internet blieb zu dieser Frage stets oberflächlich. Man konzentrierte sich auf das Redaktionsattentat, oder den Skandal um die Darstellung eines toten, angeschwemmten Flüchtlingsjungen; gab von den Inhalten des Blattes nur ausgewählte, besonders provokative Zeichnungen wieder. Inhalt, Ausrichtung und Hintergrund der jeweiligen Ausgabe, oder der Zeitschrift als solcher, wurden nicht näher beleuchtet. So konnte – möglicherweise – der Eindruck entstehen, das Blatt bestehe ausschließlich aus anstößigen, von Fäkal- und Sexualhumor geprägten Witzbildern.

Vielleicht war dieser Eindruck erwünscht, weitaus wahrscheinlicher jedoch Reflex hiesiger Bevölkerungspädagogen, denen die französische Humortradition unbekannt ist. Womöglich erschraken diese Leute ein bißchen und pickten sich heraus, was sie benötigten, um eilends eine Debatte darüber loszutreten, was Satire dürfe, und ob bzw. daß die Charlies da wohl ab und an zu weit gingen. Zeitgleich sahen konservative bis rechte Vertreter des politisch Inkorrekten die Gelegenheit, ausgerechnet Charlie als Kronzeugen für sich zu mißbrauchen. Je nach politischer Couleur lieferten aus dem Zusammenhang gerissene Karikaturen den „Beleg“ für die eigene Auffassung; dienten also, ohne die Publikation wirklich zu analysieren, als bloße Aufhänger für Diskussionen über die Meinungsfreiheit, ggf. für Forderungen nach deren Einschränkung. Gefragt wurde dabei u.a., ob man nicht auf „religiöse Gefühle“ besondere Rücksicht nehmen solle (als stellten diese irgendwie einen höheren Wert dar als die Befindlichkeiten von, na, sagen wir, Homosexuellen oder Atheisten). Sogar den „Selbst schuld“-Reflex konnte sich mancher Kommentator nach dem Attentat auf die Redaktion nicht verkneifen, wenn auch meist zwischen den Zeilen geäußert; da schwang dann die Unterstellung mit, die Macher von Charlie Hebdo seien ein Haufen Possenreißer, die mit verantwortungslos beleidigenden Zoten ihr Schicksal irgendwie herausgefordert hätten. Und das, sagten die Pädagogen mit erhobenem Zeigefinger, darf man nicht.

Trifft dieser hierzulande teilweise erweckte Eindruck von Charlie Hebdo zu? Allons-y. Machen wir die Probe aufs Exempel.

Es handelt sich um Ausgabe 1241 vom 04. Mai 2016 (der Einfall, überhaupt einmal eine solche Rezension zu schreiben, kam Herrn Sathom erst verspätet). Titelthema ist der anstehende Prozeß gegen Abdeslam, einen mutmaßlichen Komplizen der Attentäter von Paris. Weitere Karikaturen und Texte behandeln eine große Bandbreite sozialer, gesellschaftlicher und politischer Themen.

Ja, Texte. Die Überraschung: Das Gros des Inhalts besteht aus Text. Artikel, Kurzmeldungen, Glossen, Kommentare und ein Interview – pointiert, gut recherchiert, Haltung und Meinung der Verfasser/innen offen eingestanden, aber von Fakten unterfüttert; das alles mit so galligem wie gallischem Humor knapp und stilsicher auf den Punkt gebracht. Herr Sathom, der sich durchaus eine ziemliche Labertasche weiß, zieht vor solcher Prägnanz den Hut. Das gilt auch für das klare Bekenntnis zum eigenen Standpunkt. Die Autor/innen sind nicht „objektiv“ – sie vertreten Positionen und beziehen offen Stellung, stets für die Geknechteten, Migrierten, Unterdrückten oder Ausgebeuteten. D.h. anders als hiesige bürgerliche Journalisten verhehlen sie nicht, von welcher Warte aus sie argumentieren oder attackieren; täuschen also nicht vor, statt ideologisch geprägter Meinungen objektive Lebenstatsachen zu verkünden, zu denen man bei abwägendem Einsatz nüchterner Vernunft nur so und nicht anders gelangen könne.

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