:: En lisant „Charlie Hebdo“. Eine Rezension.

Der Blick ist mal international, mal lokalpolitisch; der Wahlerfolg der FPÖ bei den Vorwahlen zum österreichischen Bundespräsidenten liefert Anlaß für eine Analyse der allgemein europäischen Tendenz der Mainstream-Parteien, rechte Forderungen nach Abschottung vorauseilend zu erfüllen, und prognostiziert angesichts dessen eine weitere Aufweichung der Grenzen zwischen konservativer Mitte und radikalen Rechten. Wirtschaftslobbyismus, die Situation in Griechenland oder Myanmar (Birma) – auch vergessene, oder sonst kaum wahrgenommene Themen finden Charlies Aufmerksamkeit.

Und die Zeichnungen? Sie stehen meist in inhaltlichem Zusammenhang zu Artikeln, liefern bittere, aber auch urkomische Kommentare dazu. Soweit das nicht der Fall ist, erläutern sie ihr Thema selbst. So besteht die erste Innenseite aus einem thematisch zusammenhängenden Comic von unterschiedlichen Zeichnern. Es geht um Salah Abdeslam, mutmaßlich beteiligt an den Anschlägen von Paris, u.a. auf die Konzerthalle Bataclan, in der die Eagles Of Death Metal spielten. Man sieht einen Strafverteidiger, der verzweifelt nach mildernden Umständen für seinen Klienten sucht; Charlie ist hilfreich und gibt Ratschläge. Einer lautet: „Mein Klient glaubte, die Eagles Of Death Metal spielen koschere Musik.“ Der dazugehörige Cartoon zeigt Abdeslam mit Sprengstoffgürtel vor der Bühne, über Leichen stehend, während er (sinngemäß übersetzt) sagt: „Doch! Ich versichere euch, gerade eben habe ich eine Klezmer-Violine gehört!“ Aus dem Zuschauerraum ruft jemand „Ah? Von hier aus war das gar nicht …“, ehe ihm ein Schuß das Wort abschneidet. Ein anderes Bild zeigt, wie der Angestellte einer Fastfood-Kette Abdeslam zur Tat treibt. Dieser, als er eine Rabattaktion bemerkt (eine Cola umsonst zu den „LeMcNuggets“), sagt: „Scheiße. Das Leben ist doch schön. Der Tod kann warten …“ Doch der Angestellte grummelt: „Aber ich nicht. Ich schließe, will noch zu nem Konzert.“ Andere Vorschläge lauten, Abdeslam könne sich darauf berufen, daß er das absolute Gehör hätte und diesen Metal-Radau einfach nicht ertragen würde; oder daß er das Bataclan irrtümlich für die Redaktion eines Satire-Journals gehalten hätte.

Lästert das die Opfer? Ist es zynisch? Wohl eher grimmig. Es geht nicht um Vorverurteilung oder darum, daß Charlie Abdeslam brummen sehen will. Den konkreten Anlaß der Karikaturen liefert die Darstellung von Abdeslams Anwalt, sein Klient sei ein geistig minderbemittelter „con“ (kann „Idiot“, aber auch „Arschloch“ heißen), der „l’intelligence d’un cendrier vide“, die „Intelligenz eines leeren Aschenbechers“ hätte – was einige als Zeichen eines Zerwürfnisses, andere als Versuch, Abdeslams Tatverstrickung herunterzuspielen, deuten. Charlie findet im Editorial, die Äußerung „deradikalisiere“ den Täter, trenne ihn von seiner Ideologie. Diesen Zusammenhang versuchen die Karikaturen nicht belehrend wieder herzustellen, sondern treiben die Absurdität möglicher Ausreden für den Täter auf die Spitze. Einziger Kritikpunkt wäre hier, daß sie den bisher vermuteten Tatbestand dehnen – Abdeslam fuhr nach jetzigem Kenntnisstand die Täter, seine Anwesenheit im Bataclan selbst ist nicht belegt. Ihn dort zu zeigen, ist jedoch keine Verfälschung, sondern beharrt auf seiner Mitverantwortung. Das Editorial ist übrigens keineswegs islamfeindlich: die Vorstellung der Terroristen vom Islam, heißt es dort, seien vermutlich ebenso konfus wie die der Bombenleger der 1970er Jahre vom Marxismus.

So oder so gilt eines. Die Karikaturen zeigen – auch das Grauen, das Massaker; es folgt die messerscharfe, wütende Pointe. So oder so zwingen die Bilder zur Auseinandersetzung; sind keine Karikaturen zum Abnicken und Vergessen.

Im Fall Böhmermann war viel vom „satirischen Kontext“ die Rede, in den Herr B. Sein Gedicht einbettete; tatsächlich kann man die Zeichnungen in Charlie Hebdo ohne Kontext nicht einordnen. Das kann der Kontext der Ausgabe sein, in der sie erscheinen, d.h. der Texte, die dasselbe Thema behandeln, oder der einer Hintergrundkenntnis der Themen selbst, plus eines Verständnisses für satirischen Humor. Und falls Zweifel bleiben, sollten diese beseitigt sein durch den Geist des Magazins, aus dem seiner Macher, der Art, wie und wozu sie sich insgesamt äußern.

Betrachten wir hierzu zwei Beispiele.

2 Kommentare zu „:: En lisant „Charlie Hebdo“. Eine Rezension.“

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