:: En lisant „Charlie Hebdo“. Eine Rezension.

Nummer Eins ist ein Interview mit zwei Menschenrechtsaktivisten, die aus Thailand flohen und in Frankreich politisches Asyl fanden (Anlaß ist die Machtübernahme durch eine Militärjunta vor zwei Jahren; politische Gegner werden brutal verfolgt, teilweise mit Begründungen, die wohlbekannt klingen, nämlich wegen Beleidigung des Königshauses). Das Interview ist durchaus ernsthaft, unterscheidet sich nicht von anderen dieser Art, und beleuchtet die erschütternde Situation vor Ort. In den Text eingefügt sind zwei Karikaturen. Eine zeigt einen zusammengeschlagenen Thai, der sagt: „Ich bin aus der Gegend, und ich kann euch vielleicht sagen: Die Thai-Massage ist auch nicht mehr, was sie mal war.“ In der anderen unterhalten sich zwei europäische Sextouristen – caught in the act – darüber, daß sie leider nicht genug Zeit haben, in einer Woche Urlaub auch die „gut gefüllten Gefängnisse“ zu besichtigen, die der Reiseführer empfiehlt.

Beispiel Zwei. Charlie begleitet eine ambulante Altenpflegerin und stellt sowohl ihre Situation, als auch die der gepflegten Senioren dar. Eine Doppelseite besteht zu einem Viertel aus Text, zu drei Vierteln aus einem Comic, der den Tagesablauf der Pflegerin schildert und ihre Klient/innen vorstellt. Man sieht, wie einer bewegungsunfähigen Frau mit Diarrhoe der Hintern gewischt wird, eine andere unter den Brüsten gepudert, damit sie nicht wund wird (eine Textbox empfiehlt das Verfahren auch jüngeren Damen mit empfindlicher Haut). Man lernt die alten Herrschaften kennen, z.B. Rachel, die einen um den Hals getragenen Alarmsender ihre Medaille, ihren Orden nennt (ob sie scherzt oder es glaubt, bleibt unklar); oder Monsieur René, mit der „Akademischen Palme“ ausgezeichnet, der jetzt nur noch von seinen Kriegserlebnissen erzählen kann, während er gewaschen wird. Als die Pflegerin seinen Genitalbereich frottiert, fragt sie ihn, ob ihn das störe. „Nein“, sagt er, „So ist das eben. C’est la vie.“

Die Bilder verstören in ihrer Offenheit. Sie denunzieren die gezeigten Personen jedoch nicht, sind wie die Textboxen des Comics von mitfühlendem (wenn auch teils schwarzem) Humor geprägt. Wer hier nicht geschont wird, ist das Publikum – nach der Lektüre kann man vor der Härte des Jobs und der Situationen nicht mehr die Augen schließen. Die alten Leutchen bleiben sympathisch.

Die Zeichnungen in Charlie Hebdo beschönigen nichts – sie sind brutal. Doch damit bilden sie nur die brutale Wirklichkeit ab – und brechen sie durch ihren schwarzen Humor. Daß die Macher keine Zyniker sind, keine verantwortungslosen Provokateure oder vulgären Juxmacher, die mit Entsetzen Scherz treiben, sich vielleicht über ertrunkene Kinder lustig machen, erhellt sich aus dem Geist (wenn man es so nennen will) der Gesamtpublikation. Aus der Wut, die in jeder Karikatur auch mitschwingt – und den Texten. Wut über jede jede Form von Ungerechtigkeit; Unterdrückung; Ausbeutung; Rassismus. Zugleich sind die Texte von tiefer Empathie geprägt für die Leidenden, die Opfer – ein weiterer Hinweis, daß jede andere Lesart böswilliger Unterstellung oder oberflächlicher Betrachtung entspringt.

Der Humor trifft – unter der Gürtellinie? Nein, ins Mark. Er ist jedoch weder Provokation um der Provokation willen, noch herabwürdigendes Lästern. Er ist scharf; und zornig. Er fordert auch das Gutmenschentum des Lesers heraus – zwingt ihn zur Auseinandersetzung. Eine Zeichnung von Charlie kann man nicht einfach ignorieren; nicht zur Tagesordnung übergehen. Die Cartoons zur Flüchtlingskrise, die sich auch in dieser Ausgabe finden, lassen keine Zweifel, daß die Zeichner auf der Seite der Flüchtlinge stehen – humoristisch sind sie schwarz, und bitter, peilen stets das gleiche Ziel an wie jenes Skandalbild um den kleinen Aylan, der angeschwemmt vor einer Frittenbude liegt und nun von den dortigen Aktionswochen nichts mehr hat: Die satte, feiste Gleichgültigkeit der Europäer. Die Zeichnung, in der ertrinkende Flüchtlinge am Meeresgrund in Mülltonnen sinken, deren Aufschriften Syrer, Somalier und Eritreer unterscheiden, verbunden mit der Aufforderung, sie sollten darauf achten, sich in die richtige Tonne zu sortieren, verhöhnt nicht die Sterbenden; sondern ist bitterer Angriff auf eine pappsatte, politisch korrekte Gesellschaft, die ihren Müll trennt, aber Menschen auf offener See verrecken läßt.

Es geht nicht nur um brutale Themen in Charlie Hebdo – auch die gewöhnliche Spottzeichnung, wie wir sie aus der Zeitung kennen, die Artikel zu politischen Themen ohne Gekrösefaktor kommen vor, überwiegen sogar. Nur daß dort, wo Blut fließt, in C.H. auch welches gezeigt wird.

2 Kommentare zu „:: En lisant „Charlie Hebdo“. Eine Rezension.“

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