:: En lisant „Charlie Hebdo“. Eine Rezension.

Charlie Hebdo ergreift Partei. Und macht kein Hehl daraus, daß die Sympathien der Macher bei den Unterdrückten liegen, den Schwachen, Geschundenen und Ausgebeuteten. Anderes zu behaupten heißt, Charlie Hebdo nie gelesen zu haben, oder bewußt Augenwischerei zu betreiben; vielleicht auch, mit dem Angriff auf das eigene, vermeintlich saubere Gewissen nicht zurecht zu kommen. Charlie zerrt, was wir verdrängen, ans Tageslicht – die Situation der Pflegebedürftigen etwa, die in unserer unmittelbaren Nähe leiden; was wir ignorieren, während wir uns zugleich dank „abendländischer Wertetraditionen“ so überaus human dünken. Kurz, das Blatt erlaubt uns nicht, zu vergessen. Vielleicht auch deshalb die geheuchelte Empörung mancher über den Dreck, der uns da vor Augen gekehrt wird – weil wir nicht sehen wollen, daß es unser eigener ist.

Da ist nichts „gemäßigt“ oder „ausgewogen“; aber auch nicht plump, dumm, oder sinnlos bösartig, wie es sonst so häufig diejenigen sind, die sich political incorrectness auf die Fahne geschrieben haben. Charlie Hebdo ist intelligent, boshaft – aber eindeutig von Menschenfreunden gemacht. Von Leuten, denen die Empörung nicht abhanden gekommen ist, die nicht abgestumpft sind, und die vor allem den Leser mit seiner Gleichgültigkeit nicht davonkommen lassen wollen; ihn wieder aufwühlen, so wie sie das Grauen, das sie zeigen, nicht unberührt läßt.

Die Haltung der Charlie-Produzenten ist partei- und ideologieübergreifend, wie die Texte ebenfalls zeigen; doch anders als Vertreter der neuen Rechten, die auch althergebrachte politische Trennlinien aufzuheben behaupten, überwindet sie solche Grenzen wirklich, statt neue aus Vorurteil und Gehässigkeit zu zimmern. Darin unterscheidet sich diese politisch nicht korrekte Art, sich zu äußern, von der ultrakonservativen bis rechten.

Herrn Sathom jedenfalls hat’s gefallen; so intelligent und schonungslos witzig ist er selbst schon lange nicht mehr berührt worden. Bien fait, Charlie.

Einige Nachträge

Bei seiner einleitenden Erörterung der Darstellung von Charlie Hebdo in hiesigen Medien bezieht sich Herr Sathom nur auf das, was er im Fernsehen oder online wahrgenommen hat. Da er nicht regelmäßig jede erhältliche deutsche Zeitung liest, weiß er nicht, ob die Printmedien da genauer berichteten; ebenfalls nicht, ob ausführlichere Berichte in anderen Medien ihm vielleicht entgangen sind. Anders als die „Lügenpresse“-Rufer, die noch nie eine Redaktion von innen gesehen haben, aber ganz genau „wissen“, was da abläuft – der „Mir macht keiner was vor“-Reflex, mit dem jene, die gar nicht wissen wollen, ihre weitgehende Ahnungslosigkeit kaschieren – enthält er sich also dahingehend jeder Mutmaßung.

Den Begriff der Karikatur verwendet Herr Sathom in der hier landläufigen/umgangssprachlichen Weise, jede Zeichnung mit politischer Aussage unter diesen Begriff zu fassen (was etwa im englischsprachigen Raum nicht üblich ist, und an sich bedeutet, ein zeichnerisches Mittel politischer Zeichnungen mit dem Medium gleichzusetzen, bzw. zu verwechseln). Die Unterscheidung ist nicht bloß akademisch; sie nicht zu treffen, kann zu schwerwiegenden Mißverständnissen führen (ggf. auch zu gewollten). Das Bild des tot an den Strand geschwemmten Flüchtlingsjungen etwa, das skandalisiert wurde, war keine Karikatur (die dann eine des Kindes, und damit wirklich empörend gewesen wäre); sondern die gezeichnete Gegenüberstellung europäischer Wohlstandsvöllerei mit der Realität eines grausigen Geschehens, dessen photographische Ausschlachtung übrigens niemand anstößig fand (eine hervorragende Replik von Charlie Hebdo auf die entsprechenden Vorwürfe findet sich übrigens hier (französisch, darunter englisch übersetzt)). Herr Sathom verwendet den Begriff der „Karikatur“ hier also unpräzise, aber eben „wie üblich“, um im Haupttext keine langatmigen Genre-Diskussionen zu führen; er hält den nachträglichen Hinweis aber für notwendig.

2 Kommentare zu „:: En lisant „Charlie Hebdo“. Eine Rezension.“

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