:: Wrestling als antikes Heldendrama

Mal was ganz anderes.

Herr Sathom guckt seit einiger Zeit begeistert Wrestling, vornehmlich WWE.

Über diesen Sport kann man die Nase rümpfen – die Kämpfe seien ja abgesprochen, lautet das erste Argument; choreographiert, würde Herr Sathom entgegenhalten, wobei die oft atemberaubenden Aktionen, die im Ring stattfinden, den Athleten ein Höchstmaß an Koordination und akrobatischem Können abverlangen, um sie ohne ernsthafte Verletzungen durchzuführen.

Ebenso choreographiert ist das Drumherum. Auch, wer sich nie mit Wrestling – früher hier als Catchen bekannt – befaßte, weiß, daß es festgelegte Rollen gibt, die Guten, die Bösen, die Helden des Publikums, die abgefeimten Schurken. Dabei ist das Beziehungsgeflecht der Opponenten heutzutage weitaus komplizierter, folgt einem ausgefeilten Drehbuch. Es gibt Intrigen hinter den Szenen – die jedoch per Großbildprojektion in die Arena übertragen werden, so daß das Publikum die „Hintergrundgeschichte“ erfährt, die sich auch in den sozialen Netzwerken und via Twitter fortsetzt; Feindschaften, die zu Freundschaften werden, Bündnisse, die zerbrechen, ehemalige Kumpane zu verbitterten Widersachern entzweien, u.v.m. Ein Narrativ umspannt die Kämpfe, eine endlos fortgesponnene Hintergrundgeschichte dessen, was sich tatsächlich inzwischen „WWE-Universum“ nennt (wie das Marvel-Universum, das DCU oder das Buffyverse), allerdings hier die Zuschauer mitmeint.

Betrachtet man alle Vorgänge im und um den Ring, hinter den Kulissen usw., fällt tatsächlich sofort die Ähnlichkeit mit Superheldengeschichten auf. Wie dort gibt es Rivalitäten, verfeindete Teams, Seitenwechsel, spontane Bündnisse, z.B. gegen einen schurkischen Feind, dessen Auftreten Rivalen kurzzeitig eint, und allerhand Konflikte auch zwischen den „Guten“ (The First Avenger: Civil War, anybody?). Wie dort haben die Konflikte und Beziehungsgeflechte oft den Charakter von Soap Opera-Narrativen. Längst erreichen Selbstinszenierung und Kostümierung ein Niveau, das an Comichelden erinnert – da sind mexikanisch maskierten Luchadores wie Kalisto, da sind die Vaudevillains, benannt nach den Vaudeville-Bühnen des späten Neunzehnten bis frühen Zwanzigsten Jahrhunderts, kostümiert wie damalige Kraftmaxe und mit pomadigem Haar, sowie gezwirbelten Schnurrbärten ausgestattet. Da ist Roman Reigns, der früher einer Gruppe namens The Shield angehörte (einem Superteam, wenn man so will; der alliterative Kampfname Roman Reigns ist ein Wortspiel, das sich mit Roman regiert übersetzen läßt). Doch darunter, meint Herr Sathom, verbirgt sich eine tiefere Ebene (die, ironischerweise, zugleich auch Fundament der Superhelden-Epen ist).

Und so will Herr Sathom hier einmal eine These aufstellen, die Verächtern des „primitiven“ Massenspektakels vielleicht keß erscheint. Es liegt nahe, Wrestling als „modernes Gladiatorenspiel“ aufzufassen; das ist es jedoch keineswegs. Vielmehr möchte Herr Sathom behaupten, daß es sich um kunstvoll inszenierte Dramen antiken Stils handelt; gelegentlich solche, die die Form der Tragödie annehmen.

„Sakrileg“, wird da Mancher rufen; der Kanon der geheiligten, abendländischen Klassiker und diese Prügeleien auf einer Ebene? Aber sehen wir genauer hin. Eines vorab – dieser präzise Blick bedeutet nicht, durch Gleichsetzung das antike Drama herabzuwürdigen; sondern es zu respektieren und ernstzunehmen als das, was es ist. Dazu später mehr.

Vorab eine Präzisierung. „Dramen antiken Stils“ heißt, daß nicht nur Motive und Mittel antiker Dramen zum Einsatz kommen, die damals tatsächlich – soweit wir sie kennen – als Bühnenstücke geschrieben wurden; sondern daß die Inszenierungen im Amphitheater unserer Tage auch Themen alter Epen und Mythen wiederholen, die damals entweder nicht in dramatische Form gebracht wurden, oder in dieser Form verloren gingen (das antike Drama als solches bediente sich, soweit erhalten,wiederum selbst aus einem Pool vorliegender Stoffe).

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6 Kommentare zu „:: Wrestling als antikes Heldendrama“

  1. Hervorragender, sehr interessanter Artikel! Er ist würdig, in der „Zeit“ abgedruckt zu werden (schon mal versucht?) und als Grundlage einer weitergehenden Untersuchung zu dienen.

      1. Jaa, aber ich glaube, da müßte ich den Text nochmal stark bearbeiten. So in Richtung Seriosität, damit ihn der zeitlesende Studienrat auch mit wohlwollend hochgezogener Braue goutieren kann. XD

  2. Wrestling als antikes Heldendrama – auch nett.
    Oder wie ich zu sagen pflege „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ für Jungs 😉

    Meine Wrestling-Zeit war allerdings in den 90ern als es noch WWF hieß. Als die WWF damals irgendwann aus dem deutschen Free TV verschwand hatte ich den Laden aus den Augen verloren und später keine Lust mehr gehabt wieder einzusteigen. Die Meisten der Fuzzis heute kenne ich garnicht mehr bzw sind von der WCW die ich nicht wirklich geschaut habe (Das waren ja die „Bösen“).

    1. Puha, erstmal sorry wg. der späten Antwort; ich war die letzten Wochen völlig in ein anderes Projekt abgetaucht und habe das Blog völlig vernachlässigt. ^^‘
      Jaa, ich guck‘ auch nur im Free TV Smackdown und Raw, wo sie natürlich nicht die Hauptkämpfe zeigen. Im Augenblick hab‘ ich auch etwas das Interesse verloren, weil es letztlich doch ziemlich redundant ist. Mir fielen bloß die Ähnlichkeiten zu Superhelden, und im nächsten Schritt die zu den alten Keilereien von Herakles & Co. auf. 😉
      Ich kann ja nicht leugnen, daß es was hat (ich sag nur: Kelly Lynch 😎 ) – jedenfalls gelegentlich; auf die Dauer wär mir das zu blöd. Ich denke aber schon, daß das ständige Publikum (das von den Moderatoren als „WWE-Universum“ angesprochen wird und eifrig twittert) ähnlich emotional mitgerissen wird, wie die Leute früher von den Heldenepen, und daß umgekehrt diese sozusagen die Trivialunterhaltung der damaligen Zeit waren. Alles andere sind Bildungsmythen (behaupte ich mal frech 😉 ).

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