:: Arzneimitteltests an Demenzkranken

Als ob alarmistische Dystopie-Propheten wie Herr Sathom nicht schon genug Sorgen hätten: Bundesgesundheitsminister Gröhe möchte, so Medienberichte der letzten Woche, Medikamentenversuche an Demenzkranken und geistig Behinderten erleichtern – auch, wen die Betroffenen keinen Nutzen von so entwickelten Arzneien hätten.

Die Argumente der Gegner solcher Pläne – der Grünen vornehmlich, und der Kirchen – sind, wie auch die der Befürworter, medial allgemein zugänglich (etwa hier und hier einsehbar), und sollen hier nicht noch einmal sämtlich im Detail besprochen werden. Auch soll nicht erörtert werden, ob es sich bei den geplanten Versuchen um Euthanasie handele (tut es nicht). Eingehen, das allerdings ausführlich, wollen wir hingegen auf ein spezifisches Argument der Fürsprecher – daß nämlich Mißbrauch ausgeschlossen sei, wobei notwendige, grundsätzliche Einwilligung in der Patientenverfügung verwiesen wird (Vordrucke für Patientenverfügungen weisen jedoch, praktischerweise, nicht auf solche Tests hin). Wie jemand, der geistig behindert geboren wurde, vorab in irgend etwas einwilligen soll, steht zudem in den Sternen; möglicherweise will man hier, wie auch bei Demenzkranken, den Umweg über die Betreuer einschlagen.

Mißbrauch nicht zu befürchten. Das klingt, wie alle anderen Aussagen der Pro-Seite, ganz vernünftig und gemäßigt; wiederholt somit eine alte Botschaft, die immer gern als Subtext mitgeliefert wird, wenn es um Brüche mit bisherigen Tabus geht: So schlimm wird es schon nicht werden. Alte Menschen, im Pflegeheim ohnehin schon hilflos und ohne Lobby, irgendwelchen Frankensteins ausgeliefert? Ach i wo.

Nur, daß hier ein Anfang gemacht wird – ein erster Schritt in eine bestimmte Richtung. Es liegt in der „Natur der Sache“, daß die Profiteure einer solchen Entwicklung (Pharmakonzerne zuallererst, die dadurch kostenlos, nämlich ohne Honorarzahlung an menschliche Versuchskaninchen kommen) irgendwann mit den bestehenden Möglichkeiten nicht mehr zufrieden sein, Hemmnisse und zu eng gesetzte Grenzen beklagen – und weitere Deregulationen fordern werden

Wie man das wissen will, und weshalb es in der „Natur“ der Sache liegen soll? Das Stichwort liefert ausgerechnet die kirchliche Kritik, auch wenn Herr Sathom sonst kein Freund der Kirchen ist: „Verzweckung“ sei das, beklagen sie. Die des Menschen nämlich; und der sind, einmal in Angriff genommen, keine immanenten Grenzen gesetzt.

Warum das?

Daß das westlich-wirtschaftliche Denken die Welt nur als Material zur Gewinnerzeugung wahrnehmen kann, weshalb der Philosoph Günther Anders es als „Wirtschaftsontologie“ charakterisierte, wurde hier schon erörtert; ohne die Einzelheiten zu wiederholen, soll nur festgehalten werden, daß dieses Denken den Versuch einer Ausweitung der Zugriffsmöglichkeiten auf hilflose Patienten nahezu zwingend macht, ist die Tür erst einmal aufgestoßen.

Denn es liegt im Wesen kapitalistischen Gewinnstrebens, alles, auch den Menschen, den Prinzipien der größtmöglichen Verwertung, Ausbeutung und Profitschöpfung unterzuordnen. Die oft erwähnten Begehrlichkeiten in Sachen Trinkwasserprivatisierung sind ein Beispiel dafür, daß dieses Verwertungsdenken die Welt, und damit alles, was diese beinhaltet, nur als Material zur „Wertschöpfung“ wahrnehmen kann. Und so macht es auch vor dem Menschen nicht halt – weil es vor nichts halt macht. Es kennt keine immanente Grenze, weder ethisch-moralischer noch rationaler Art; erkennt einzig die Maximierung des Profits als gültiges Kriterium an, ordnet diesem auch den Menschen unter. Sein Verwertungsanspruch ist total, bezieht sich auf jedes Partikel „Welt“; und verlangt dessen maximal mögliche Ausbeutung. Es drückt dies aus in Wortschöpfungen wie der von der „menschlichen Dividende“ und dem „Humankapital“, die aus dem angelsächsischen Sprachraum stammen; die deutsche Sprache kennt (womöglich einer militaristischen Tradition geschuldet) ein brutaleres, vielleicht aber auch ehrlicheres Äquivalent: „Menschenmaterial“.

Wird nun der Patient zu „Rohmaterial“ einer solchen „Verwertung“, dann muß gemäß dieser Maximen die Verhaltensdynamik der Wirtschaft – auch der pharmakologischen – dahin gehen, jetzt aufgeweichte Grenzen später weiter dehnen zu wollen. Das ist unausweichlich; ergibt sich aus der Logik dieses Denkens. Jede Einschränkung der Nutzung aller Möglichkeiten zum Menschenversuch sind, aus seiner totalitären Perspektive betrachtet, obszön; stellen eine an Verrat grenzende Verschwendung von Ressourcen dar. Ganz zu schweigen davon, daß jüngste Enthüllungen etwa zum Abgasskandal, oder ältere aus dem Bereich Organspenden, berechtigte Zweifel wecken, daß Mißbrauch bestehender Regeln „ausgeschlossen“ sei. Die Annahme, es werde bei einem Erfolg von Gröhes Vorstoß weitere geben, Versuche, den Patientenschutz aufzuweichen, vielleicht die Patientenverfügung gesetzlich anders zu regeln, sind zudem gemäß bisheriger Erfahrungen mit lobbyistischer Einflußnahme auf Gesetze nicht ausgeschlossen.

Warum schließlich sollte ein Gewinnstreben, das sich alles, auch die Menschen, unterordnet, auf einem einmal eingeschlagenen Weg innehalten? Spinnen wir ein bißchen rum. Warum, hört Herr Sathom zukünftige Lobbyisten flüstern, sollte man an Pflegebedürftigen nur Mittel gegen Demenz testen? Warum nicht auch andere, warum nicht sogar – Kosmetika? Oder überhaupt, warum nur Demente? Was ist zum Beispiel mit Komapatienten, hm? Die liegen ja sonst auch nur nutzlos herum, so wie diese blöden Naturschutzgebiete. Da läßt sich noch Einiges machen.

Schön, das mit den Kosmetika ist satirische Übertreibung. Wobei, äh … In den USA wurden bis in die 70er Jahre 90% aller Tests am Menschen an Strafgefangenen vorgenommen, mal wurden z.B. lebende Krebszellen gespritzt, aber eben auch Shampoos ausprobiert.

Lange her, heute nicht mehr möglich? Nun, was geht, zeigt das Beispiel immerhin, wird auch gemacht. Und nicht nur jenseits des Atlantiks. Bei Tests, die vor dem Mauerfall westliche Pharmaforscher gegen Devisen an DDR-Patienten vornahmen, ist kaum noch nachvollziehbar, ob die Probanden richtig informiert wurden (der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (VFA) sagte 2013 ja, der DDR-Opferhilfe-Verein nein). Versuche, wie sie in den USA während der 60er Jahre an ahnungslosen Gefängnisinsassen vorgenommen wurden, endeten nach einem Aufschrei der Öffentlichkeit; doch Vorstöße, dergleichen erneut aufzunehmen, kommen immer einmal wieder vor. Natürlich ganz anders diesmal, ethisch korrekt. Denn überhaupt heißt es jedes Mal: Keinesfalls haben wir damals etwas falsch gemacht; nie würden wir es wieder tun.

Und immer verstehen es die Medikamentenforscher, als Wohltäter aufzutreten – testet man in Entwicklungsländern, so hilft man doch nur, dortige Defizite in der Gesundheitsversorgung zu beheben.

Wir sprachen von Profiteuren. Deren Vorteil ist klar erkennbar. Schon jetzt können sich einkommensschwache Menschen ein Zubrot verdienen, indem sie sich für Medikamententests verdingen. Hätte die Industrie freien Zugang zu wehrlosen Pflegepatienten, würde sie Honorare für solche Freiwilligen sparen. Daß ein Interesse besteht, Menschen für Tests weitmöglichst zu nutzen, zeigen auch Versuche der Konzerne, etwa die Mitglieder von Patientenverbänden für die Einnahme noch in Entwicklung befindlicher Mittel zu gewinnen. Nur: Sowohl diese, als auch bezahlte Probanden können immer noch ihr Einverständnis verweigern, an bestimmten Versuchen nach vorheriger Aufklärung also nicht teilnehmen – oder diese eigenständig abbrechen, wenn Nebenwirkungen auftreten. Das bräuchte man bei desorientierten, zu keiner Äußerung mehr fähigen Moribunden nicht fürchten. Keine Honorare, keine Versuchsteilnehmer mit eigenem Willen –Profitmaximierung und maximale Ausbeutung/Verwertung des Menschen Hand in Hand.

Wir haben uns längst angewöhnt, die im Sinne der Verwertbarkeit nicht mehr „Nützlichen“ in Pflegeheimen verrotten zu lassen – sie immerhin noch als Gewinnlieferanten für private Ramschbetreiber einer profitablen Verwendung zuzuführen. Jetzt, scheint es, hat ausgerechnet die „christliche“ Mitte – vielleicht nach hilfreichen Hinweisen der Pharmaindustrie – einen noch besseren Verwendungszweck für diese Nutzlosen gefunden. Eine Möglichkeit, sie ein zweites Mal wieder „nützlich zu machen“. Menschenmaterial; als solches müßten die Dementen, die Hilflosen dann herhalten; und so doch noch zu etwas „taugen“.

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2 Kommentare zu „:: Arzneimitteltests an Demenzkranken“

  1. Sic est. Auf den Punkt gebracht.

    Wo Profit ultima et maxima ratio ist, wird das nicht ausbleiben. Soylent Green läßt schon mal grüßen.

    Allerdings, internationale Vereinbarungen rund um Arzneimitteltests stellen die freie Willensäußerung den Patienten/Probanden besonders hervor (Nürnberg, Helsinki etc.). Demenzkranke müßte demnach zwingend einen Vertreter haben (wie auch Kinder), die den Informed Consent unterschreiben oder zurücknehmen. Will man diesen Schutzmechanismus aushebeln, sind juristische Tricksereien nötig. oder man müßte diese Schutzregeln im Grunde außer Kraft setzen. Das könnte interessante Klagen von dem Verfassungsgericht mit sich bringen.

    Die Historie lehrt jedoch, wo Geld ist, ist ein Wille, ist ein Weg. Die aufgezählten Bespiele verdeutlichen dies.

    Wo sind wir in zehn, zwanzig Jahren? V – Vendetta?

    1. Na besser als V wie Van Damme wa 😎
      Wenn ich jünger wäre, würde mir der Gedanke vielleicht sogar gefallen, in einer Welt zu leben, die immer mehr einem Roman von Philip K. Dick gleicht (ich weiß, hab‘ den Gag hier schonmal irgendwo gemacht, aber so what).
      Ich denke, das ist der Punkt – Vereinbarungen, die Patienten schützen, gibt es glücklicherweise; aber eine Tendenz, solche Mechanismen zu unterlaufen, eben auch. Zeigt sich ja auch in anderen Bereichen als diesem. And money talks.
      Was mich da z.B. hellhörig macht, ist, daß es nach Auffassung des Chefs der berliner Ethikkommission (zweiter oben verlinkter Tsp-Artikel) gar keinen Bedarf an einer Ausweitung gibt. Das zeigt, daß es sich hier um Vorstöße handelt, um Grenzen auszutesten; und diese werden nicht aufhören, auch solche nicht, die bestehenden Regeln zu umgehen.

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