:: Marathon der Wahlplakate

Soll man vielleicht DIE PARTEI wählen? Lustig sind sie, und Sprüche wie „Wählt die Partei – sie ist sehr gut!“ bezeugen ein lyrisches Können, das an Helge Schneiders schönste Versdichtungen erinnert. Aber sollte man, als wie gesagt verantwortungsbewußter Wähler, für eine reine Spaßpartei …? Herrn Sathoms Herz, das gibt er offen zu, schlägt ja eher für die LINKE und die Piraten, letztere eine Crew, der ein geschlossener Block aus Parteien und – leider – auch Politkabarettisten nie die Chance gab, die die Grünen einst bekamen, so daß sie abgeschlagen auf ihrem Floß dahintreiben; sogar die heute-show interessierte sich dazumal mehr für die Optik von Frau Weisband als das, was sie zu sagen hatte. Kleine Fußnote: „Der Wähler“ erregt sich ja gern, daß Politiker nur Floskeln von sich geben und besserwisserisch übers Volk hinweg regieren; die Piraten, deren Mitglieder im Interview auch schon mal stolperten, und die als Partei offen zugaben, nicht auf alles die perfekte Antwort zu haben – diese müßte, auch im Dialog mit den Bürgern, erarbeitet werden – strafte er aber genau dafür ab. Man muß sich gelegentlich fragen, ob eigentlich die Politiker oder die Wähler die größeren Heuchler sind. Über die AfD wiederum hat Herr Sathom sich hier schon oft genug den Mund fusselig geredet, also ersparen wir uns das. Oder nein, halt; eines wäre vielleicht erwähnenswert. Die Alternative für D’schland hat nämlich die Farbenlehre entdeckt. „Berlin braucht Blau!“ lautet die zündende Parole; „Harald Juhnke wiedererwecken!“ möchte Herr Sathom da als markigen Zusatz-Schlachtruf vorschlagen.

Ach so, was DIE LINKE betrifft: Herr Sathom sympathisiert mit ihrer kapitalismuskritischen Ausrichtung; aber sobald sie dann mal irgendwo mitregierte, na, man kennt das ja.

Kommen wir zu den richtigen Spaßparteien. Besonders ambitioniert gibt sich die BüSo (Bürgerrechtsbewegung Solidarität); Deutschland könne den nächsten Weltkrieg verhindern, versichern ihre Plakate. Warum nicht, lokale Themen scheinen ja – wie im letzten Beitrag schon erwähnt – im Augenblick keine wirkliche Rolle bei Lokalwahlen zu spielen. Und wie soll sie vor sich gehen, diese Weltkriegsverhinderung (schön wär’s ja)? Berlin müsse „Tor zur neuen Seidenstraße werden“, erfährt der interessierte Plakatleser.

So. Aha. Äh … Was?!
Angesichts des esoterischen Lösungswegs klingelt bei Herrn Sathom der Religionswissenschaftler-Sinn, und er geht recherchieren. Und siehe da – bei den BüSos handelt es sich um den deutschen Ableger der sogenannten LaRouche-Bewegung, die von manchen Beobachtern als „Psycho-Kult“ bezeichnet wird. Ein Vorgänger der BüSo, die Europäische Arbeiterpartei, wurde 1996 von der Bundesregierung als „Politsekte“ eingestuft; ebenso bezeichnete die New York Times ihre US-amerikanische Entsprechung, die U.S. Labour Party, schon 1979 als Cult, eine Einschätzung, die der Sender NBC 1984 für die ganze LaRouche-Bewegung wiederholte.

Interessant an dieser spannenden Bewegung ist, daß sie keine kontinuierlich aufrecht erhaltene Orientierung hat, sondern sich seit den 70ern mal links, mal rechts, mal als irgendwas dazwischen gibt; ein Unikum und Chamäleon unter den Gesinnungsgemeinschaften, wechselt die LaRouche-Bewegung kontinuierlich Inhalte und Feindbilder. International von linken und sonstigen Kapitalismus-Kritikern abgelehnt, versuchte sie schon gelegentlich, sich deren Positionen zueigen zu machen, kehrte aber immer wieder ans rechte Ufer zurück; einer der roten Fäden ihrer Lehre scheint – neben einem beharrlichen Antisemitismus – der Glaube an einen weltweit agierenden Isis-und-Osiris-Kult zu sein, der irgendwie irgendwas mit Drogen macht und ansonsten halt treibt, was Weltverschwörer so treiben. Junge, bei sowas würde Herr Sathom auch gern mal mitmachen, aber ihn fragt immer keiner. Auch mehrfach erfolgte Namenswechsel der hiesigen Ableger (Europäische Arbeiterpartei/EAP, Patrioten für Deutschland) belegen den Versuch, sich an jeweils für populär gehaltene Strömungen anzuhängen. Was den BüSo-Vorläufer EAP angeht, hier ein schöner Spiegel-Artikel von 1984 (lustig darin: der Verfassungsschutz beobachtete die EAP nicht mehr, nachdem sie ihre Strickrichtung von links auf rechts wechselte), und noch einer von 1980.

Die Sache mit Isis und Osiris ist natürlich komplizierter, als Herr Sathom hier kurz und lästerlich anreißt; wie viele ähnliche Wirrlehren – etwa einst die „Theozoologie“ des Herrn Liebenfels oder Alfred Rosenbergs mythologische Abschweifungen – ist die LaRouche-Ideologie ein Parforce-Ritt durch eine fröhlich umgeschriebenen Menschheitsgeschichte, wobei sämtliche je entstandenen Religionen in einen Topf geworfen und umgerührt werden, bis am Ende eine „Anglo-Zionistische“ Weltverschwörung ausgekocht ist. Wer sich das ganze Bild ernsthaft antun möchte, wird auf dieser LaRouche-kritischen Website bestens bedient.

2 Kommentare zu „:: Marathon der Wahlplakate“

  1. Die Qual der Wahl. Am Besten man macht die Augen zu und kreuzt irgendwas an… oder malt Smilies auf dem Zettel.

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