:: Der Fernseh-Schauprozeß

Die Methode ist nicht neu; es handelt sich, soweit das Ganze im Bereich der Unterhaltungsindustrie und nicht im Labor stattfindet, um den apologetischen Versuch, brachiale Lösungen und Alleingänge, ggf. verfassungsfeindliches Verhalten als moralisch zwingend notwendig darzustellen. So ließ schon die US-Serie 24 dem leidenden Kiefer Sutherland regelmäßig keine andere Wahl als die, Gefangene zu foltern, um Schlimmeres zu verhindern; ein Jesus, ein Märtyrer des ausgerissenen Fußnagels, nimmt er es auf sich, „für uns“ die Drecksarbeit zu machen (bei Hart aber fair fand sich auch prompt ein Zuschauer, der sich dankbar äußerte, daß es solche Typen gäbe, nicht ohne vorher darauf hinzuweisen, daß er aber Zivildienst gemacht hätte (was wohl heißen sollte, er sei nicht verdächtig, irgendwie schießwütig zu sein)).

Hier wie dort sind die Situationen, die den Helden zu seinem Handeln „zwingen“, eben erzwungen; real hat Folter noch nie ein einziges Attentat verhindert, oder sonst irgendwelche hilfreichen Informationen erbracht (CIA-Berichte, die das Gegenteil nahelegten, wurden später als Fakes entlarvt). Und auch die Situation in von Schirachs Stück ist, einmal nüchtern betrachtet, blödsinnig. Film und Theaterstück müssen die Realität an entscheidenden Punkten so zurichten, daß die Entscheidung des Kampfpiloten als die „richtige“ erscheint – sie müssen unterschlagen, daß „in Wirklichkeit“ (die der Film ja wiedergeben möchte) das Stadion evakuiert würde, daß, bliebe keine Zeit mehr dazu, sie wohl auch kaum reichen könnte, die Passagiermaschine noch rechtzeitig abzufangen, und daß ein Abschuß – Stadien liegen gewöhnlich nicht auf dem platten Land – wieder andere Unschuldige umbringen könnte, die nämlich, auf deren Wohnviertel die brennenden Trümmer stürzen (denn nein, anders als im Kino wird ein Flugzeug nicht vollständig vaporisiert, weil CGI-Explosionen alles in Atome auflösen). Kurz, alles ist passenderweise so eingerichtet, daß das gewünschte Urteil laute, der Abschuß sei leider notwendig gewesen.

Vielleicht verdankt sich das Detail der versäumten Evakuierung dem Umstand, daß dem Autor an diesem Punkt der Handlung selbst klar wurde, daß ihm nicht gelingen würde, unter realistischen Gesichtspunkten eine tragfähig wirkende Rechtfertigung für den Abschuß einer Passagiermaschine zu konstruieren. Und daß er deswegen die Umstände, die er beschreibt, noch ein wenig zusätzlich biegen mußte. Oder der unbewußte Wunsch, ein bestimmtes Ergebnis zu bekommen – nämlich zu „beweisen“, daß man manchmal bedauerlicherweise eben andere opfern müsse – hinderte ihn emotional, zu erkennen, daß man stets verzerrte Wirklichkeiten konstruiert, wenn man seine moralischen Richterphantasien austoben will (denn nur in solchen verdrehten Realitäten gelingt das). Vielleicht ist es auch nichts von alledem; von Schirach selbst bezeichnete das Stück im Interview als Versuchsanordnung, in der die Zuschauer nicht darüber abstimmen sollten, ob jemand ins Gefängnis ginge, und sagte auch, Volksabstimmungen über Gerichtsverfahren wären „Wahnsinn“. Das hat wirklich prima funktioniert, Glückwunsch – denn gerade so haben Viele das Stück aufgefaßt. Womöglich hat er sich also auch ganz einfach selbst hereingelegt, ist dem von anderen Moralexperimenten vorgegebenen Zwang zum ganz bestimmten Ergebnis erlegen (denn diese Experimente sind weitläufig bekannt; sie haben längst unser Denken infiziert); auf jeden Fall hat er den Wunsch des Publikums nach einer „Daumen hoch – Daumen runter“-Gerichtsbarkeit, seinen Wunsch, bei solchen Fragen als Laienrichter mitzumischen, falsch eingeschätzt. Herrn von Schirach soll hier also gar keine Absicht unterstellt werden; er befindet sich vielleicht einfach im Irrtum über die Sache als solche (sofern in diesem Text von „Betrug“ die Rede ist, meint dies daher keinen beabsichtigten, sondern einen, der der Problemkonstruktion immanent ist; auch „Tricks“ des Erzählers etc. mögen solche der Selbsttäuschung sein).

Daß das Publikum auf den Betrug hereinfällt, liegt nicht daran, daß es dumm wäre; die Erfinder moralischer Gedankenexperimente verlassen sich darauf, daß die hohe emotionale Beteiligung, die solche Fragen mit sich bringen, die Zuschauenden bzw. Testpersonen hindert, auf logische Inkonsistenzen und Konstruktionsfehler der Prämisse zu achten. Entweder das, oder auch sie fallen auf eigene, unbewußte Erwartungshaltungen herein. Auf Seiten der Zuschauer wiederum mag es auch weitere (nicht unbedingt schöne) Gründe geben, die dazu bewegen, so oder so zu entscheiden.

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3 Kommentare zu “:: Der Fernseh-Schauprozeß”

  1. Da gibt es eigentlich kaum etwas hinzuzufügen außer vielleicht dass hier eigentlich eine philosophische Diskussion missbraucht wird in der die Grenzen moralischen Handelns ausgelotet werden sollen.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Trolley-Problem

    Hier werden aber die falschen Fragen gestellt, deshalb die Aufregung.

    Aber: Diese Gedankenexperimente sind beim derzeit aktuellen Thema KI-Programmierung interessant, z.B. bei selbstfahrenden Autos.

    Mögliches Szenario, ein Mensch läuft auf die Straße, rechtzeitiges bremsen ist nicht mehr möglich. KI muss aber reagieren. Doch wie?
    Ausweichen in den Gegenverkehr? Oder auf den Bürgersteig mit möglichen unschuldigen Passanten? Oder den Weg beibehalten mit der sich daraus ergebenden logischen Konsequenz dass ein Mensch verletzt wird oder schlimmeres.

    Schon haben wir ein ähnliches Konstrukt.

    1. Ja, das ist auch so ein Problem. Ich bin auch gespannt, wie man eine weitere, eher juristische Problematik lösen will. Angenommen, die KI hat einen Aussetzer oder Bug und baut selbst einen unfall – wer haftet dann eigentlich? Der Hersteller?
      Was das Trolley-Problem angeht, bin ich allerdings nicht sicher, ob es nicht von vornherein dazu konstruiert ist, „mißbräuchlich“ zu sein; es geht schließlich auch von einer einigermaßen unrealistischen Voraussetzung aus, wie viele philosophische Gedankenexperimente, und steuert m.E. gezielt ein vorhersehbares (vielleicht gewünschtes) Ergebnis an.

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