:: Der Fernseh-Schauprozeß

Interessanter als die Frage, welches moralische Urteil Leute fällen, wenn sie mit Scheinproblemen konfrontiert werden, wären insofern vielleicht zwei andere, ebenfalls psychologische. Erstens, was für Leute geben sich eigentlich TV-Events und Diskussionen wie diese? Sind es Menschen, denen die künstlich erzeugte Terrorangst solche Paranoia erregt hat, daß sie „Was würde ich tun?“-Situationen phantasieren müssen? Deren Sicherheitsbedürfnis durch Angst so aufgestachelt wurde, daß sie wünschen, im Zweifelsfall Extremlösungen gutheißen zu dürfen? Die „kleinen Leute“, die endlich mal Richter und Henker spielen möchten, pieuw, pieuw, Kabumm, ich halluziniere mich am Drücker? Uns zweitens, wer denkt sich so etwas eigentlich aus, sei es als Experimentator, oder als Autor von fiction? Was will er oder sie damit erreichen?

Um zu demonstrieren, was Herr Sathom oben behauptet, nämlich daß moralische Zwickmühlenexperimente manipulativ sind, hier ein Beispiel, das ihm vor einiger Zeit unterkam.

Also: In einem brennenden Haus befinden sich ein Kind und ein Mann, der als Einziger die Formel eines von ihm entwickelten Heilmittels gegen Krebs kennt. Wen retten Sie?

Na kommt, Leute. Denkt nach. Nicht schummeln oder gucken. Entscheidet nach bestem Wissen und Gewissen.

Schön. Wie viele haben den Mann gerettet? Na? Seid ehrlich. Ja, ja.

Herr Sathom würde das Kind retten.
Warum?
Aus zwei Gründen.

Zunächst weiß er – und dazu bedarf es keiner großen Kenntnisse des Wissenschaftsbetriebs – daß Wissenschaftler heutzutage nicht mehr allein im Labor werkeln; es eigentlich nie taten. Heute mehr denn je arbeiten große, internationale Forschungsteams, die auch untereinander kommunizieren, an so komplexen Aufgaben wie der Krebsforschung; ihre Ergebnisse werden auf Datenträgern und Servern gespeichert, publiziert, ausgetauscht usw. Kurz, daß ein einzelner Mensch ganz allein das Geheimnis der Krebsheilung kennt, und niemand anders es reproduzieren kann, ist unmöglich (das gilt auch für jedes andere Kunststück, von sicherer Kernfusion bis zum Warptriebwerk). Die Information, die dafür spricht, den Mann zu retten, muß also falsch sein. Daraus folgt zwingend, daß derjenige, der Herrn Sathom diese Information gab, sich entweder irrt, oder gelogen hat, um Herrn Sathom zur Rettung des Mannes zu manipulieren.

Der zweite Grund: Daß Mann und Kind gerettet werden müssen, impliziert, daß beide sich nicht selbst retten können; sie müssen bewußtlos sein, zu schwer verletzt, oder anderweitig unfähig zu eigener Bewegung. Die Chancen, einen hilflosen Erwachsenen durch ein flammendes Inferno zu schleppen, sind weitaus geringer, als mit einem Kind auf dem Arm zu entkommen. Oder anders herum ausgedrückt – der Versuch, den Mann zu retten, könnte leicht den Tod von Mann, Kind, und Retter bedeuten, während Kind und Retter bessere Chancen hätten.

Zynisch? Im Gegenteil. Nur ein Beispiel dafür, daß man die manipulativen Voraussetzungen solch konstruierter „Gedankenexperimente“ durchschauen kann, wenn man sich nicht durch die Aufgabenstellung – die schon die erste Manipulation darstellt – davon ablenken läßt.

Und schon deshalb nicht zynisch, weil der Mann ja nicht der Retter der Menschheit sein kann; und der Brandretter ja entkommen muß, sonst gäbe es gar keine Geretteten.

Eine Gretchenfrage, die das Experiment übrigens auch unterschlägt: Wie viele würden einfach verduften, ohne überhaupt einen der beiden mitzunehmen, Kind hin, Krebs her?
Na?

Man wird vielleicht einwenden, daß Herrn Sathoms Begründung unzulässig sei, da sie die Fragestellung erweitert bzw. überschreitet – die Vorgabe laute ja nun einmal, daß der betreffende Mann die Heilmöglichkeit für Krebs in petto habe, und man müsse sich innerhalb dieser Aufgabenstellung bewegen. Doch eben darin besteht ja der Trick: Der Aufgabensteller muß die Wirklichkeit verzerren bzw. Aspekte dieser Wirklichkeit ausblenden, um sein scheinbar realistisches, moralisches Problem überhaupt konstruieren zu können. So ist schon die Aufgabenstellung ein Betrug am Befragten – sie lenkt seine Aufmerksamkeit auf eine Frage, die sich, nüchtern betrachtet, gar nicht stellt.

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3 Kommentare zu “:: Der Fernseh-Schauprozeß”

  1. Da gibt es eigentlich kaum etwas hinzuzufügen außer vielleicht dass hier eigentlich eine philosophische Diskussion missbraucht wird in der die Grenzen moralischen Handelns ausgelotet werden sollen.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Trolley-Problem

    Hier werden aber die falschen Fragen gestellt, deshalb die Aufregung.

    Aber: Diese Gedankenexperimente sind beim derzeit aktuellen Thema KI-Programmierung interessant, z.B. bei selbstfahrenden Autos.

    Mögliches Szenario, ein Mensch läuft auf die Straße, rechtzeitiges bremsen ist nicht mehr möglich. KI muss aber reagieren. Doch wie?
    Ausweichen in den Gegenverkehr? Oder auf den Bürgersteig mit möglichen unschuldigen Passanten? Oder den Weg beibehalten mit der sich daraus ergebenden logischen Konsequenz dass ein Mensch verletzt wird oder schlimmeres.

    Schon haben wir ein ähnliches Konstrukt.

    1. Ja, das ist auch so ein Problem. Ich bin auch gespannt, wie man eine weitere, eher juristische Problematik lösen will. Angenommen, die KI hat einen Aussetzer oder Bug und baut selbst einen unfall – wer haftet dann eigentlich? Der Hersteller?
      Was das Trolley-Problem angeht, bin ich allerdings nicht sicher, ob es nicht von vornherein dazu konstruiert ist, „mißbräuchlich“ zu sein; es geht schließlich auch von einer einigermaßen unrealistischen Voraussetzung aus, wie viele philosophische Gedankenexperimente, und steuert m.E. gezielt ein vorhersehbares (vielleicht gewünschtes) Ergebnis an.

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