:: Der Fernseh-Schauprozeß

Eine ähnliche Verarsche stellt das „Fetter-Mann-Problem“, eine Variante des Weichenstellexperiments, dar. Die Frage lautet, ob man einen dicken Mann aufs Gleis stoßen dürfe, um eine außer Kontrolle geratene Straßenbahn zu stoppen, die sonst eine größere Anzahl Personen überrollen würde. Die einzig wirklich moralische Entscheidung – nämlich die, selbst vor die Bahn zu springen – läßt das Experiment von vornherein nicht zu; stattdessen arbeitet es mit der Fiktion, eine dickleibige Person wäre aufgrund ihrer Körperfülle besonders geeignet, eine rasende Straßenbahn zu stoppen (was macht man eigentlich, wenn die befragte Person selbst dick ist? Die hätte ja dann keine Ausrede dafür, nicht selbst zu springen). Vermutlich aber würde weder ein schlanker noch ein adipöser Mensch die Bahn aufhalten können; daß der zu stoßende Mann dick sei, ist Teil des manipulativen Konstrukts. Und nebenbei, was ist in diesen Beispielen eigentlich immer mit den Leuten los, die auf den Gleisen stehen wie angenagelt, statt einfach beiseite zu gehen?

Daß von Schirachs Stück noch mit einem anderen Betrug am Zuschauer arbeitet, demonstrierten diese Woche sehr schön Heribert Prantl in der SZ und – etwas aggressiver in der Wortwahl – Thomas Fischer in der Zeit. Die Quintessenz beider Artikel lautet in etwa, daß Fernsehspiel und Theaterstück dem Zuschauer vortäuschen, unsere Gesetze und die Verfassung hielten für bestimmte Situationen keine Lösung bereit; womit das Publikum animiert wird, z.B. für gesetzwidriges Verhalten zu stimmen, weil es „gerechtfertigt“ erscheint. Der Betrug besteht hier darin, zu unterschlagen, daß – wie Prantl ausführt – Gerichte durchaus schuldig sprechen, aber milde strafen, ja, sogar bei einem Schuldspruch auf Strafe verzichten können. Die Variante „lebenslänglich oder Freispruch wegen erwiesener Unschuld“, über die das Publikum abstimmte, existiert im konstruierten Fall gar nicht.

Wie gesagt baut der Autor sein Beispiel so, daß der Abschuß des Passagierflugzeugs notwendig wirkt, der Pilot sich in einer Zwangslage befindet; doch mit der juristisch falschen Darstellung kommt es noch schlimmer. Die tatsächliche Rechtslage wird im dargestellten „Prozeß“ glatt ignoriert (sie ist eindeutig – der Pilot ist schuldig, könnte aber milde bestraft werden), um zu suggerieren, daß unser Recht und die Prinzipien, auf denen es gründet, bestimmte Extremsituationen nicht erfassen würden. Damit bestätigt der Autor dem Biedermann, der stets nach Zielen für Frustration und Aggression sucht, was dieser „immer schon wußte“ – daß unsere Gesetze nur gutgemeintes Gequassel wären, und es ganz in Ordnung sei, wenn ein harter Bursche sich da mal forsch drüber hinwegsetze. „Wo gehobelt wird …“ Die Befürworter des Abschusses stiegen bei Hart aber fair jedenfalls begeistert auf diese Schiene ein. Strafrecht? Mumpitz; genau wie die Verfassung, wurde (in welchem Zusammenhang auch immer) hinzugesetzt, was wußten die damals denn schon.

Im „wirklichen Leben“ gibt es tatsächlich Fälle, in denen über das Wohl von Geiseln entscheiden werden muß; etwa dann, wenn Geiselnehmer die Freilassung gefährlicher Personen fordern, oder es um die Frage geht, ob ein Gebäude gestürmt werden soll, in dem Geiseln gehalten werden. Dies sind jedoch keine moralischen Probleme, sondern Risikoabwägungen. Die rechtliche Beurteilung des Pilotenhandelns im Stück wiederum ist eine juristische, keine moralisch-ethische Problemstellung. Die letzte große Täuschung von Schirachs besteht darin, ein moralisches Problem vorzugeben, wo keines existiert, und zugleich zu behaupten, die Situation würde vom Strafrecht nicht erfaßt (Subtext: man müsse sich ggf. darüber hinwegsetzen). So schwadronieren die Prozeßteilnehmer nach Allem, was Herr Sathom gelesen hat, viel über Kant, der vermutlich währendessen im Grab rotierte, also über Dinge, die für Urteilsfindung und Strafzumessung bei echten Verfahren keine Rolle spielen.

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3 Kommentare zu “:: Der Fernseh-Schauprozeß”

  1. Da gibt es eigentlich kaum etwas hinzuzufügen außer vielleicht dass hier eigentlich eine philosophische Diskussion missbraucht wird in der die Grenzen moralischen Handelns ausgelotet werden sollen.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Trolley-Problem

    Hier werden aber die falschen Fragen gestellt, deshalb die Aufregung.

    Aber: Diese Gedankenexperimente sind beim derzeit aktuellen Thema KI-Programmierung interessant, z.B. bei selbstfahrenden Autos.

    Mögliches Szenario, ein Mensch läuft auf die Straße, rechtzeitiges bremsen ist nicht mehr möglich. KI muss aber reagieren. Doch wie?
    Ausweichen in den Gegenverkehr? Oder auf den Bürgersteig mit möglichen unschuldigen Passanten? Oder den Weg beibehalten mit der sich daraus ergebenden logischen Konsequenz dass ein Mensch verletzt wird oder schlimmeres.

    Schon haben wir ein ähnliches Konstrukt.

    1. Ja, das ist auch so ein Problem. Ich bin auch gespannt, wie man eine weitere, eher juristische Problematik lösen will. Angenommen, die KI hat einen Aussetzer oder Bug und baut selbst einen unfall – wer haftet dann eigentlich? Der Hersteller?
      Was das Trolley-Problem angeht, bin ich allerdings nicht sicher, ob es nicht von vornherein dazu konstruiert ist, „mißbräuchlich“ zu sein; es geht schließlich auch von einer einigermaßen unrealistischen Voraussetzung aus, wie viele philosophische Gedankenexperimente, und steuert m.E. gezielt ein vorhersehbares (vielleicht gewünschtes) Ergebnis an.

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