:: Der Fernseh-Schauprozeß

So stellt „Terror – Ihr Urteil“ letztlich gar kein reales moralisches oder juristisches Problem zur Debatte, sondern lädt die Zuschauer ein, sich als diejenigen zu phantasieren, die andere opfern, und sich hinterher (in Gestalt des Kampfpiloten, der als Identifikationsfigur dient) selbst freisprechen dürfen. Beides tut auch das „Fetter-Mann-Problem“. Es erlaubt die Opferung eines Anderen (verlangt kein Selbstopfer) und nimmt zugleich die Befragten aus der Verantwortung, indem es unterstellt, eine adipöse Person könne ernsthaft eine Straßenbahn stoppen, der eigene Körper des Befragten aber nicht (was wie gesagt in dem Augenblick scheitern müßte, in dem man einen dicken Mann fragt, was er tun würde). Eine ähnliche Funktion übernimmt in von Schirachs Stück das Versagen der Vorgesetzten – es versetzt den Kampfpiloten in die vom Autor gewünschte Zwangslage. Er kann nicht anders als schießen, so wie man beim psychologischen Experiment nur den Anderen opfern kann, da er dick sein muß, damit es funktioniert. Der ansonsten folgenlose Absturz auf eine Agrarfläche sorgt zugleich dafür, daß mögliche negative Konsequenzen des Pilotenhandelns ignoriert werden können, der Kampfflieger also wirklich als der effektive Problemlöser erscheint, über den diese verflixten Moralapostel nicht zu richten haben. Wie viele der vermeintlichen moralischen Dilemmas, die Experimentalpsychologen oder Philosophen aushecken, geht es keineswegs um ethisch-moralische Fragen, sondern – und das macht wohl die Attraktivität solcher „Gedankenexperimente“ fürs Publikum aus – um die Möglichkeit, Andere zu opfern, sich dabei aber ggf. selbst als Opfer fühlen zu dürfen (man muß ja die Last der Entscheidung tragen), sogar als – Held. Als einer, der „tut, was getan werden muß“, der – leider, leider – wie Folterknecht Jack Bauer in 24 Grenzen überschreiten muß (darf), und der stets eine opportune Ausrede parat hat – die, nicht anders gehandelt haben zu können, weil die Situation, bedauerlicherweise, und so weiter.

Die Heldenverehrung früherer Zeitalter, auf Herrscher und „Feldherren“ gerichtet, lobte übrigens deren Mut, Menschen zu opfern („für Volk und Vaterland“, oder was sonst grad anlag); so wünschte sich wohl auch noch mancher heutige Karle Kleinkrämer seine Anführer, vorausgesetzt, er wäre nicht unter den Geopferten, könnte deren Ende vom Ohrensessel aus genießen, und sich dabei an der hehren Größe ihres Untergangs berauschen. So einer mag auch den erfundenen Kampfpiloten für einen in diesem Sinne „mutigen“ Helden halten.

Damit erfüllt – auch das dürfte das Abstimmungsergebnis in Teilen erklären – das Schmierenstück den feuchten Traum aller sich im Alltagsleben oft ohnmächtig fühlenden Bürger: auf Regeln und Gesetze pfeifen zu können, das Gutmenschengelaber endlich mal von Tisch fegen und auf selbigen mit der Faust hauen, in Gestalt eines Mannes, der durchgreift, mit dem man sich vorstellungstechnisch gleichsetzt („Wenn ich hier das Sagen hätte …“). Wir leben nicht in der besten aller möglichen Welten, verdammt noch eins, und so’n Quatsch wie die dieses Paragraphenzeug ist doch bloß was für Tagträumer. Ein Gedanke, den mancher Zuschauer vielleicht gern auch aufs Grundrecht auf Asyl ausgedehnt sähe.

Am Ende also handelt es sich um einen Appell an niedrige Instinkte, der paranoide Ängste, etwa die vor überall lauerndem Terror, ausbeutet; und der dem Publikum ermöglicht, sich in eine Machtposition tagzuträumen, in der es über Leben und Tod entscheiden – und sich dabei als Vertreter einer „höheren Sache“ oder eines „größeren Guts“ gerechtfertigt fühlen kann.

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3 Kommentare zu “:: Der Fernseh-Schauprozeß”

  1. Da gibt es eigentlich kaum etwas hinzuzufügen außer vielleicht dass hier eigentlich eine philosophische Diskussion missbraucht wird in der die Grenzen moralischen Handelns ausgelotet werden sollen.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Trolley-Problem

    Hier werden aber die falschen Fragen gestellt, deshalb die Aufregung.

    Aber: Diese Gedankenexperimente sind beim derzeit aktuellen Thema KI-Programmierung interessant, z.B. bei selbstfahrenden Autos.

    Mögliches Szenario, ein Mensch läuft auf die Straße, rechtzeitiges bremsen ist nicht mehr möglich. KI muss aber reagieren. Doch wie?
    Ausweichen in den Gegenverkehr? Oder auf den Bürgersteig mit möglichen unschuldigen Passanten? Oder den Weg beibehalten mit der sich daraus ergebenden logischen Konsequenz dass ein Mensch verletzt wird oder schlimmeres.

    Schon haben wir ein ähnliches Konstrukt.

    1. Ja, das ist auch so ein Problem. Ich bin auch gespannt, wie man eine weitere, eher juristische Problematik lösen will. Angenommen, die KI hat einen Aussetzer oder Bug und baut selbst einen unfall – wer haftet dann eigentlich? Der Hersteller?
      Was das Trolley-Problem angeht, bin ich allerdings nicht sicher, ob es nicht von vornherein dazu konstruiert ist, „mißbräuchlich“ zu sein; es geht schließlich auch von einer einigermaßen unrealistischen Voraussetzung aus, wie viele philosophische Gedankenexperimente, und steuert m.E. gezielt ein vorhersehbares (vielleicht gewünschtes) Ergebnis an.

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