:: Wer war Jack Chick?

Manfred Krug, Götz „Schimmi“ George – die Liste der in diesem und dem letzten Jahr verstorbenen Stars setzt sich fort. Ein anderer Abschied ist hierzulande – wenn überhaupt – vielleicht nur wenigen älteren Nerds, besonders Fans von Fantasy-Rollenspielen und Comics, aufgefallen. International rief er, besonders im englischsprachigen Raum, in einschlägigen Kreisen durchaus ein größeres Echo hervor.

Jack T. Chick, Mr. Satanic Panic, ist tot.

Rollenspieler alter Schule, die schon seit den 1980ern dabei sind, Comicfans, Atheisten, aber auch Anhänger jeder nicht christlich-evangelikalen Religion von Juden bis Muslimen, kannten ihn – verlacht, gehaßt, aber auch von gläubigen Anhängern umgeben, einen Mann, in dessen hausgemachten Comics – einige auch von seinem Hofzeichner Fred Carter ausgeführt – Vorurteile, Dämonenparanoia und die Drohung ewigen Höllenfeuers brutzelten wie ein reifer Mitesser auf dem Eiterherd.

Wer also war Jack Chick?

Für Viele ein steter Quell unfreiwilligen Humors, für Andere ein Ärgernis, vertrat Chick die Botschaft, daß RPGs wie Dungeons & Dragons, Rockmusik, Neuheidentum, Hinduismus, Zustimmung zur Evolutionslehre, Fantasy-Literatur – nun, eigentlich alles, potentiell sogar Briefmarkensammeln – einen dem Satan ausliefert. Wer schwul oder lesbisch ist, katholisch oder sonstwie nicht dem US-typischen, protestantischen Bibelfundamentalismus frönt – also fast Jede(r) – war in Chicks Welt für die Hölle markiert; eine Welt, in der die katholische Kirche heimlich den Islam gegründet hat, den Kommunismus erfunden und die Freimaurerei, ein paranoider Irrgarten, in dem eine Fluppe auf dem Schulklo oder eine lustige Runde Das Schwarze Auge Dich in Wahnsinn und Suizid treiben können, sofern die falschen Freunde, in deren VW-Bus Du beim Trampen gestiegen bist, Dich nicht gleich per Opferdolch an Mr. Crowley aus Supernatural expedieren.

Das Besondere an Chick: Er verbreitete sein Evangelium in Form von Comics. Die sogenannten Chick tracts, oft kostenlos von Anhängern verteilt, ließen das ganze Panoptikum dessen Revue passieren, was nach Ansicht des stets besorgten Normalbürgers, dem schon ein grün gefärbtes Haar am Kopf des pubertierenden Nachwuchses eine gefährlichen Abweichung von der Norm signalisiert, nur in Drogentod und Höllenfahrt münden kann – merkwürdige Gestalten, die irgendwie irgendwelche Musik hören, die man nicht versteht, finsteres Gelichter, das sich schwarz anzieht und leichenblaß schminkt, Rotzgören, die ohne elterliche Aufsicht wer weiß was treiben, vielleicht sogar mit Licht an.

Chick war damit Protagonist einer Zeit, in der die Satanspanik auch nach Deutschland schwappte; einer Ära, in der ein junger Tom Hanks im Schundfilm Mazes & Monsters wegen Fantasyspielen zum Irren wurde, dieweil hierzulande besorgte Elterninitiativen Broschüren verbreiteten, die mit dem unausweichlichem Angstreflex des Bildungsbürgers auch D&D-Module und anderes Fantasy-Teufelszeugs, das man beim Herumschnüffeln Saubermachen im Kinderzimmer gefunden hatte, zu Warnzeichen für eine „okkulte Gefährdung“ der Sprößlinge erklärten. Und er blieb am Ball – später entging auch Harry Potter nicht seinem wachsamen Auge, und das jüngst wieder begangene Halloween war sowieso ein Dorn darin.

Unter Nerds allgemein bekannt, wurde Chick natürlich zum Ziel allgemeiner Abneigung und wohlverdienten Spottes; so wimmelt es denn auch im Internet von Parodien der tracts, von Seiten, die sie süffisant für sich selbst sprechen lassen, und sogar die parodistische Verfilmung Dark Dungeons basierend auf Mr. Chicks Warnung vorm Sündenpfuhl des Rollenspielens, macht auf YouTube die Runde (den Machern gelang es sogar, sich Mr. Chicks Zustimmung zu sichern, wohl, indem sie vortäuschten, das Ganze ernst zu meinen). Doch es gibt eben auch nach wie vor glühende Verehrer des Meisters, des zeichnenden Propheten, und das Unternehmen, das sich auf den Verkauf seiner Machwerke gründete, floriert (und seine Betreiber versprechen to continue the good work).

Doch der diesen Predigtkonzern ermöglichte – und zugleich nur einer von vielen solcher Prediger war, und gewiß auch nicht der einzige, des Bildschriften Merkwürdiges lehrten, auch wenn sich sein Geist lange vor Dave Sims und Frank Millers umnachtete – ist fort; Wird Herr Sathom ihn vermissen?

Nun, es gibt noch immer die tracts.

Und diese schöne Hommage von Stupid Comics.

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