:: Postfaktum! Der Arme sei blöd! (I)

Es ist ein althergebrachtes Erklärungsmuster, das hier reaktiviert wird. Sind es heute die Kritiker von TTIP und CETA, deren durchaus sachliche und vielfältige Einwände auf diese Art pauschal vom Tisch gewischt werden, so waren es früher die „Öko-Spinner“ und „Müslis“, die „Emanzen“, oder wer sonst gerade was zu meckern hatte, das nicht in den Kram paßte. Vom gemäßigten Kapitalismuskritiker bis zu rechten Schreihälsen – die Rhetorik von der „Irrationalität“ erlaubt, sie alle undifferenziert in denselben Sack zu stopfen, ihn zu verschnüren und im Sumpf der Unvernunft zu versenken: alles Bekloppte.

Das Gejohle der einen gilt dabei als so „irrational“ wie die Kritik der anderen; Linke, Rechte, Hooligans oder ein ehrwürdiger alter Bernie Sanders, alles ein Brei. Das Volk mag die US-Demokraten nicht, weil sie korrupt sein sollen, und ihren eigenen Bewerber Sanders heimlich torpedierten? Irrational. Was für Idioten. Da will einer die Superreichen besteuern? Noch so’n Irrer.

Beispiele für die Anwendung dieser Methode ließen sich in letzter Zeit gehäuft beobachten. In der Sendung ZAPP durfte sich vor einigen Wochen ein Wirtschaftsvertreter dazu äußern, daß das Geblöke der TTIP-Gegner eben lauter sei als „die Stimme der Vernunft“; daß die Argumente gegen TTIP und CETA zahlreich und durchaus vernünftig sind, davon kein Wort. Tatsächlich wurden die angeblich irrationalen Besorgnisse der Gegner weder genannt noch widerlegt. Stattdessen Zuordnung: „Vernunft“ ist, was der Ökonom will; andere Besorgnisse sind „irrational“. In diese Kerbe schlagen seit geraumer Zeit viele Befürworter der Handelsabkommen, aber auch Berichte zum Thema – Details werden nicht genannt, gegnerische Argumente nicht widerlegt, Behauptungen derer, die die Abkommen wünschen, nicht hinterfragt. Pauschal wird erklärt, die einen wären vernünftig, die anderen notwendigerweise nicht.

Aufgehängt wurde das Ganze im erwähnten ZAPP-Beitrag am Chlorhühnchen, einem Schreckgespenst, das angeblich die Aktivistenbande Campact erfunden habe (was, wie jeder weiß, der die öffentliche Debatte verfolgte, nicht stimmt); daß es andere Befürchtungen gibt, durchaus begründete und diese zuhauf, Gefährdungen der Demokratie, Erfahrungen anderer Staaten mit Freihandelsabkommen, daß Campact und andere Kritiker hier solide und belegte Fakten auflisten, wurde unterschlagen. Stattdessen moniert, daß Campact (nach Auffassung der Journalisten offenbar die einzige treibende Kraft hinter der Kritik) aktivistische Dönkes wie Transparente verhökere, um Kohle zu machen. Die Frage, weshalb es illegitim sein soll, daß eine politaktivistische Organisation Geld einnimmt, um den beträchtlichen PR-Mitteln der Wirtschaft eigene Kampagnen entgegensetzen zu können, stellte der Beitrag nicht. Im Gegenteil bedauerten die Macher, daß die Wirtschaftsverbände ihre diesbezüglichen Möglichkeiten (die einzusetzen offenbar durchaus legitim ist) nicht ebenso geschickt verwendet haben wie Campact.

Das Schema ist simpel. Man reklamiert für sich die reine Vernunft, bezeichnet den Anderen als irrational; und bei dieser bloßen Behauptung kann man es dann bewenden lassen. Der Vorwurf der Irrationalität ist – jedenfalls glauben es die, die ihn erheben – so vernichtend, daß sich jede weitere Beweisführung erübrigt; wobei dieser Glaube voraussetzt, sich tatsächlich so sicher im Besitz der überlegenen Vernunft zu wähnen, daß man die eigenen Positionen nicht mehr reflektieren, und die Argumente des Gegners nicht anzuhören braucht. Natürlich ist die Behauptung, man selbst handle rational, den Anderen hingegen trieben unvernünftige Gefühlswallungen, wenn sie zugleich auf Fakten und Argumente verzichtet (die TTIP- und CETA-Befürworter agieren da „postfaktischer“ als ihre Widersacher) in der Debatte nichts wert, höchstens geeignet, die Angesprochenen zu beleidigen; sie richtet sich aber tatsächlich eher an die eigene In-Group. Es handelt sich um einen Akt der Selbstvergewisserung, der mit einem Paradoxon arbeitet: Wir sind die Vernünftigen; also brauchen wir die Grundlagen unserer Entscheidungen, und auch die Argumente der Gegenseite, keiner Vernunftprüfung zu unterziehen. Wir besitzen die Vernunft, müssen also nicht vernünftig handeln. Wer hingegen nicht unserer Auffassung ist, muß per definitionem unvernünftig sein. Es ist ein Totschlagargument, dessen wie gesagt vernichtende Wirkung auf zwei Faktoren beruht – dem hohen Wert, der in unserer Gesellschaft der Vernunft zugemessen wird, sowie dem Umstand, daß eine bestimmte Schicht – die bürgerliche – diese Vernunft als ausschließlich ihr Eigentum betrachtet. Vernunft wird damit zur sozial bedingten Eigenschaft; wer zur „Mitte“ gehört, darf sich der Teilhabe an ihr sicher sein, was keiner weiteren Selbstprüfung bedarf, und genau so sicher davon ausgehen, daß die Anderen keine besitzen. Daß es die „Ränder“ der Gesellschaft wären, von denen die Unvernunft – etwa die der Rechtspopulisten – in die „Mitte“ vorgedrungen sei (statt umgekehrt), ist ein notwendiger Irrtum, der daraus folgt.

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