:: Postfaktum! Der Arme sei blöd! (I)

Es bedürfte mehr als eines Blogartikels – tatsächlich sind Bücher darüber geschrieben worden, von Foucault und anderen –, die Entwicklung des Gegensatzpaars rational-irrational in der Geschichte des abendländischen Denkens aufzuzeigen; von Beginn aber haftet dem modernen Vernunftbegriff (es gibt andere und ältere, etwa im Mittelalter gängige) an, nicht nur Ratio im Sinn eines nüchtern-objektiven Erkenntnismittels der Wirklichkeit zu sein. Sie ist von Anfang an auch Herrschaftsmittel, das bestimmt, wer entscheiden darf, was wirklich sei, und folglich zu bestimmen habe. Ausgegrenzt als irrational wird, was dem absolutistischen Herrschaftsanspruch „aufgeklärter“ Monarchen und den egoistischen Eigeninteressen des Bürgertums entgegensteht; was die ökonomische Nutzung des Menschen behindert (Verrückte lassen sich schlecht als Fronarbeiter in den entstehenden Manufakturen einsetzen); was Herrschaftsverhältnisse kritisiert. Sogar Kant, der Urgroßvater unseres Vernunftverständnisses, konnte erklären, daß in bestimmten Notlagen alles „Vernünfteln“ der Untertanen gegenüber der Obrigkeit zu verstummen hätte – also als „vernünftig“ einfordern, auf den Einsatz der eigenen, kritischen Vernunft zu verzichten.

Diese Auffassung hat sich tief ins Denken gerade des deutschen Bürgertums eingegraben. Wer gegen bestehende Verhältnisse aufmuckt, Kritik übt, auf noch so moderate Weise Zweifel anmeldet, verursacht dem Bürger ein vages Unwohlsein; weckt seinen Verdacht, wer auch nur leise einzelne Details des Kapitalismus kritisiere, renne demnächst als neue RAF-Generation durch die Gegend. Diese Angst vor allem, was auch nur geringfügig von der verordneten Norm abweicht, könnte man durchaus als irrational bezeichnen; die Betroffenen helfen sich, indem sie ihr Katzbucklertum zum Ausdruck vernünftiger Zurückhaltung (und handele es sich um Opportunismus – gerade er gilt als vernünftig) erklären, und die Anderen für unvernünftig. Und die Herrschenden? Sie nutzen die Verleumdung ihrer Widersacher teils vielleicht ganz bewußt als Propagandamittel; eher noch drückt sie ihren Eigendünkel aus, die Arroganz derer, die sich per Dekret und sozialer Stellung als Inhaber der Vernunft wähnen dürfen. Auch dies ist irrational, ganz zu schweigen von der Leichtfertigkeit, mit der Bürger, die sich angesichts sogenannter Freihandelsabkommen um die Demokratie sorgen, Menschen, die die Schere zwischen Arm und Reich beklagen, und viele andere in einen Topf mit rassistischen Pegidianern und anderen, wirklichen Spinnern geworfen werden. (Auch den Nazi-Faschisten, den Weltmeistern des Irrationalen, waren Juden, Kapitalisten, Demokraten und Kommunisten eine Suppe. Sie spürten, daß es so sei, und brauchten keine anderen Beweis. Der Vernunftbürger weiß, daß sein Denken nicht irrational sein kann; doch sein Wissen ist auch nur gefühlt, ein per Abitur verbrieftes Standesrecht).

Herr Braml macht es vor, wenn er Trump und Sanders in einem Atemzug als Profiteure der „postrationalen“ Ära nennt, und damit nebenbei auch erklärt, weshalb die Gesellschaften so gespalten sind. Die Hälfte der Leute ist eben plötzlich verrückt. Die üblichen Verdächtigen sind’s: die Armen, Ungebildeten, der „Rand“ der Gesellschaft, darum. Auch andere Erklärungsansätze gibt’s, etwa die kürzlich ebenfalls auf phoenix vorgebrachte Mär, das Internet mit seinen Haßkommentaren verursache dieses Auseinanderdriften; auch hier also irrationale Gestalten am Werk, die dafür sorgen, daß sich die Gesellschaft spaltet. So leicht kann man ein Symptom zur Ursache erklären.

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