:: Postfaktum! Der Arme sei blöd! (I)

Dabei – was ist eigentlich „rational“ daran, zeugt von Kompetenz oder größerer Erfahrung, wenn man so divergente Gruppen wie moderate Systemkritiker, von sozialem Abstieg bedrohte oder ihm schon zum Opfer gefallene Ostdeutsche, und wirklich verabscheuungswürdige Rassisten über denselben Kamm schert; ihre völlig unterschiedlichen Motivlagen und Äußerungen zum Ausdruck einer ihnen gemeinsamen Irrationalität erklärt, also zu fehlgeleiteten Hirngespinsten, die auf Mangel an Kenntnis und unbegründeten Ängsten beruhen? Fledermäusen im Kopf, die bei ihnen allen dieselben sein sollen? Warum eigentlich sollen angry white men und gun nuts, die Trump lieben, Menschen, die infolge des Freihandels einen Abbau der Demokratie fürchten, und irgendwelche Brandschatzer, die an Flüchtlingsheimen zündeln, unbedingt den gleichen psychologischen Hintergrund teilen?

Praktisch daran ist natürlich, daß man damit jede mißliebige Meinung gleichermaßen abwerten kann; um so mehr, als auch an sich vernünftige Kritiker in einen Topf mit gefährlichen Radikalen geschmissen, und so diskreditiert werden können. Doch es gibt einen „Sekundärnutzen“; Frau Merkel hat ihn gezogen. Wenn man Einwänden nachgibt, dann mußte man eben, weil die Deppen sonst zuviel Krakeel auf der Straße gemacht hätten. Recht hatte man, vernünftiger war man dennoch. Fragte man z.B., weshalb CETA im Sinne der Kritiker nachgebessert wurde, obwohl Gegner der Freihandelsabkommen doch wirre Angstjacken sein sollen (Herr Gabriel äußerte, falls man sich erinnert, „unter Freunden“ etwas in der Art), weshalb man also „irrationalem“ Gefasel nachgab, könnten die Befürworter jetzt sagen: Tja, was blieb uns übrig? Der Mob, na, Sie wissen ja.

Wenn man so verallgemeinert, kann man zum Glück auch gleich noch all die ganz unterschiedlichen Hintergründe politischen Unmuts mit der Erklärungsklatsche „Globalisierung“ erledigen – eines undurchschaubaren, eigendynamischen Vorgangs und verknäuelter Abhängigkeiten, für die niemand verantwortlich ist (schon gar nicht die Internationale der Moneten, die Krieg gegen die Internationale der Proleten führt, um mal einen ollen Delon-Schinken zu zitieren).

„Rational“ bedeutet, so wie das Adjektiv derzeit wieder häufiger verwendet wird: Von den Herrschenden verfügt (und meist zugleich: ökonomisch vernünftig, nämlich nützlich für die Reichen), und den guten Bürgern abgenickt; denen also, deren geteilter Privatbesitz die Vernunft ist. Die Armen, und überhaupt alle, die keine etablierten Positionen innehaben, nicht über Status oder Lobbies verfügen, sind per Dekret von der Vernunft ausgeschlossen; die einen, da „bildungsfern“, die anderen mangels Zertifikat. Daß den Armen die als fehlend bemängelte Bildung systematisch vorenthalten wird, daß Doktortitel noch keine Kompetenz bedeuten müssen, und ein Master-Abschluß zunächst vielleicht nur, daß man sich einen Ghostwriter für die Abschlußarbeit leisten konnte; welche eigenen irrationalen Motive die Macher und Entscheider vielleicht treiben; das muß dann nicht mehr reflektiert werden. Qua Eigenwahrnehmung, der Vernunft automatisch teilhaftig zu sein, muß man sich – entgegen einer anderen Forderung Kants – nie mehr prüfen; oben angekommen, weiß man Bescheid. Aus der Distanz zu den Menschen sieht man anscheinend besser. Kurz, warum, darum, ihr Dummköpfe.

Und so sind es sind die Etablierten, die eigentlich die aktuelle Spaltung verursachen und vorantreiben. Sie tun es, indem sie die Schere zwischen Arm und reich weiter aufklaffen lassen, den Vorgang sogar fördern; indem sie Verarmung und sozialen Abstieg, gepaart mit gesellschaftlicher Ausgrenzung, als Kollateralschäden betrachten (es trifft ja nur die, die man als „irrational“ abtun kann, bzw. ihnen nach erfolgtem Fall dies als Ursache andichten); indem sie jeden, der die herrschenden Verhältnisse kritisiert, mit einem Wink den Verrückten zuordnen, ihn noch einmal demütigen. So arbeiten sie selbst den Populisten zu. Die wirklichen Ursachen der Spaltung, angefangen bei der überzitierten sozialen Schere, verleugnen sie (auch vor sich selbst vielleicht); die Wut der Betroffenen, das Symptom des gesellschaftlichen Risses, erklären sie zu dessen Ursache. Vom Ausmaß ihrer vermeintlichen Kompetenz, deren plötzliche Wertlosigkeit Herr Braml so beklagt, zeugt der Umstand, daß sie blind dafür sind, was sie da eigentlich tun.

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