:: Postfaktum! (II) – Endlich wieder alles ganz einfach

Man könnte also durchaus fragen, ob der Faschismus von den erwähnten „Rändern“ her in die Mitte wuchert, wie diese gern behauptet, oder nicht in ihr Wurzeln geschlagen hat, die nun in alle Richtungen austreiben. Doch ob man das gesät hat, was man jetzt erntet, muß nun nicht mehr gefragt werden. Solche Auseinandersetzungen werden dank des jetzt rasant popularisierten Etiketts vermieden – das Diktum, die Rechten seien post- oder kontrafaktisch, ersetzt sogar sämtliche überhaupt jemals aufgestellten Faschismustheorien durch einen simplen Satz: Die sind eben blöde.

Soziale Bedingungen, die Schere zwischen Arm und Reich, Vernachlässigung aller Abgehängten, alles, was Menschen Populisten zutreiben kann, aber auch die in der eigenen Schicht vorhandenen protofaschistischen Denkstrukturen (diese äußern sich u.a. im elitären Überlegenheitsgefühl) müssen nicht mehr analysiert und hinterfragt werden. Mit der These der postfaktischen Dummheit ist alles hübsch säuberlich eingeordnet.

Angela Merkel bzw. ihren Redenschreibern ist also im Grunde genommen ein Geniestreich gelungen. Sie haben eine einzige Floskel in den Ring geworfen, die ermöglicht, alles über einen Kamm zu scheren, jede Unzufriedenheit zu erklären, Ursachenforschung auszuschließen und Selbstkritik zu vermeiden. (Erfunden haben sie die Bezeichnung allerdings nicht; siehe dazu die entsprechenden englisch- und deutschsprachigen Wikipedia-Artikel. Interessant hierbei, daß der englischsprachige Beitrag die Geschichte des Begriffs post-truth politics nicht nur exakter darstellt, sondern auch auf „postfaktisches“ Vorgehen der etablierten Politik und Medien eingeht, während die deutsche Wahrnehmung das Phänomen (ähnlich wie das der „Echo-Kammer“) nur im populistischen Bereich erkennen will, was auf einen typischen Bias der etablierten gesellschaftlichen „Mitte“ verweist.)

Und wie schön – manche der Denker von Berufs wegen, der Intellektuellen und Kulturgrößen, vom Populistenpöbel als Bestandteil „der Eliten“ beschimpft, können endlich parieren, und rufen: „Sind wir auch! Nämlich klüger und besser, als ihr Idioten!“ Und so runzelten sie in Sendungen und Interviews, die Herrn Sathom in letzter Zeit unterkamen, verstärkt die Denkerstirn über den Aufstand des Mobs der Blöden, und rätselten: Wo kommen die bloß alle auf einmal her, und warum sieht keiner mehr ein, daß wir schlauer sind? Wissen, Erfahrung – all das sei heutzutage kein Vorteil mehr, sondern ein Nachteil, denn wir lebten in „postrationalen Zeiten“, zitierte Herr Sathom im letzten Beitrag solch einen Klugen, der sich zu den US-Wahlen äußerte; derartiger Schnack macht derzeit häufiger die Runde. Ausgerechnet Jene, die beklagen, daß Populisten von rechts bis links einfache Weltbilder wünschen, da sie die komplexe Realität der globalisierten Welt geistig nicht mehr zu fassen bekommen, greifen nach der simplen, formelhaften Möglichkeit, die vielfältigen Ursachen des derzeitigen Rechtspopulismus zu vereinfachen, nein – sie ganz zu ignorieren, durch Nichtnennung auszulöschen. Eine Deutungsformel, die alles im Erzählmotiv von der Dummheit des Gegners zusammenfaßt.

Die Eliten des Intellekts können sich hinter dem neuen Schlagwort versammeln und tun es teilweise bereits – damit, daß die Anhänger der Rechtspopulisten dumm sind, ist alles geklärt. Der Kampf gegen die Rechte gilt bereits ausschließlich der Verteidigung der eigenen Position; ja, wir sind die Elite, schallt es, die Deppen sollen gefälligst wieder das Maul halten, und Ursache – nicht bloß Gradmesser oder Warnanzeige – all dessen ist sowieso das Internet.

Was die Rechte so abscheulich, und ihre Bekämpfung so dringend nötig macht, ihre Fremdenfeindlichkeit, die Ablehnung Homosexueller, die Bereitschaft zur gewaltsamen Verfolgung Andersdenkender, kurz, ihre Menschenverachtung, gerät völlig aus dem Fokus, muß nicht mehr benannt, thematisiert, gebrandmarkt werden – und ebensowenig die Ursachen des Rassismus und Hasses, die schon in der Mainstreamgesellschaft angelegt sind: Die lange insgeheim tradierte Ablehnung von Menschen anderer Herkunft oder Orientierung, die Art und Weise, wie selbst (konservative) Demokraten diese Ressentiments lange bedient haben, das braune Wurzelwerk in allen Köpfen. Die Front ist gezogen, alles ist klar – es geht um die Klugen gegen die Dummen.

Doch, und das ist das Schlimme – damit geht es zugleich nicht mehr um Menschen, die in angezündeten Wohnheimen verbrennen, oder nachts irgendwo von Neonazis zusammengeschlagen werden. Auch nicht um durchaus faktische Ursachen für eine zunehmende Unzufriedenheit und Angst – die weiterhin galoppierende Gentrifizierung, die Umverteilung nach oben, die von Politik und Medien geschürte Angst vor islamistischem Terror, das versagende, da unterfinanzierte und chancenungleiche Bildungssystem, all das Selbstgemachte also, das Menschen in Populistenarme treibt.

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2 Kommentare zu „:: Postfaktum! (II) – Endlich wieder alles ganz einfach“

  1. Tatsächlich fände ich die Begriffe post-rational und soger kontra-rational angemessen (allerdings in der Analyse des post-/kontrafaktischen), denn: ratio = Vernunft, und man kann wirklich nicht behaupten, die Eliten, Politiker, Rechten oder überhaupt sonstwer würde sich im Moment groß vernünftig verhalten. Zugegeben, das schert auch wieder alle über einen Kamm. Aber Aufklärung und Vernunft sind zur Zeit zu einem Dasein in der Besenkammer verdonnert. Am Rande sei erwähnt, dass Herr Trump eine Kreationisten zum Bildungsminister in seiner Regierung berufen hat.

    Interessant finde ich diesen Kommentar in Zusammenhang mit Fake News, die ja wesentlicher Teil der Kampagne gegen die Vernunft sind: http://www.zeit.de/digital/internet/2016-11/falschmeldungen-fake-news-medien-internet-verantwortung

    Ist zwar einiges Blabla dabei, aber die Analyse, dass die etablierte, angeblich seriöse, Medienlandschaft die neue Kommunikation komplett verschlafen hat, finde ich zutreffend. Wenn sie gegen das Rauschen der Fake News vergehen will, muss das Signal der Vernunft eben die neuen Medien fluten.

  2. Ja, naja, zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffte beim Vernunftideal eigentlich schon immer eine Lücke, nicht erst aktuell. Das Vernünftige zu tun, ist quer durch die Aufklärungsgeschichte eigentlich eher eine Behauptung, die egoistische bzw. Herrschaftsinteressen kaschiert. Bzw. ist Vernunft immer das, was die Inhaber der Deutungshoheit für sich reklamieren. Der Webfehler setzt schon mit der Kantschen Konstruktion des Vernunftbegriffs ein bzw. mit der Rezeption durch ein aufstrebendes Bürgertum, das „rationales“ Handeln vornehmlich als ein wirtschaftlichen Interessen dienendes auffaßte.
    Ich muß übrigens auf eine Selbstkorrektur hinweisen: Ich habe auf Seite 2 noch hinzugefügt, daß Angela Merkel (oder wer immer ihr diese Rede geschrieben hat) das Adjektiv „postfaktisch“ nicht erfunden hat; es existiert schon länger, war allerdings kaum verbreitet, und ist eine Übersetzung des englischsprachigen „post-truth politics“.
    In diesem Zusammenhang ist es ganz interessant, den englischsprachigen und den deutschen Wikipedia-Eintrag zu vergleichen. Hierzulande wird das Postfaktische ausschließlich bei Populisten verortet, während im angelsächischen Raum offenbar auch etablierte Politik und Medien eingeschlossen werden. Insofern müßte man sagen, daß die hiesigen Medien die neue Kommunikation nicht bloß verschlafen, sondern massiv zum Problem beigetragen haben. Ich erinnere mich z.B. noch gut an die jahrelange neoliberale Propaganda, die jeden sozialen Abstieg als Folge von Faulhiet, Blödheit oder sonstigem Versagertum der Betroffenen abstempelte (ähnliches gilt bei anderen Begriffen; Filterblasen und Echokammern hat eigentlich jede gesellschaftliche Schicht, und das nicht erst seit Aufkommen der neuen Medien; hierzulande scheint man diese Phänomene allein Populisten zuzuordnen).

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