:: Postfaktum! (II) – Endlich wieder alles ganz einfach

Stattdessen blicken manche der vermeintlich Klügeren derzeit in den Spiegel und sehen als ausschließliche Opfer sich selbst. Ihr elitärer Dünkel, der im Adjektiv „postfaktisch“ endlich ein Schlagwort zur Beschreibung des Gegners gefunden hat, verführt sie dazu (über die Dummheit der Rechten und das profunde Mißverständnis, das dieser Einschätzung zugrunde liegt, wird an dieser Stelle noch Einiges zu sagen sein; aber dazu in einer späteren Folge). Schon reduziert sich das Problem nicht nur auf die Dummheit des Gegners, sondern auch auf einen Kampf, der vornehmlich ihnen, der Elite, gilt, nicht mehr den Migranten, den Homosexuellen, kurz, irgendwelchen ganz gewöhnlichen Leuten.

Nachdem der Hurrakapitalismus der letzten Jahrzehnte infolge der Finanz- und Immobilienkrise erste, zarte Kritik erlebte, sind all diese Mißstände plötzlich für einige Diskursteilnehmer kein Thema mehr; denn, welch ein Glück, es ist nun dank der Postfaktums-Floskel endlich alles ganz einfach (das gilt beileibe nicht für alle Angehörigen der intellektuellen Eliten, muß eingeschränkt werden; jedoch für die, die gerade hauptsächlich medial zu Wort kommen). Ein neuer Gruselgegner geistert um den Globus, und der Schulterschluß gegen ihnen gibt den „Besseren“ Gelegenheit, Probleme wie Gentrifizierung und Armut unter ferner liefen abzuhandeln, wenn nicht ganz unter den Teppich zu kehren. Schuld an jeder Form von Unzufriedenheit, egal welchem Punkt sie jeweils gilt, ist die Blödheit des Pöbels; und das rechtspopulistische Gespenst die neue, große und ausschließliche Menschheitsbedrohung, so daß man sich um den ganzen Kleinkram, um soziale Ungleichheit und anderen Tinnef, nicht mehr zu kümmern braucht. An den Horizont gepinselt, überschattet der Dämon alles andere – ironischerweise; denn sollen es nicht ausschließlich die Populistenfans sein, denen es um Vereinfachung komplexer Zusammenhänge geht?

Man kann – wie immer – natürlich auch hier nicht pauschalisieren. Unter den Intellektuellen gibt es tatsächlich kluge Leute, von denen sich viele weitaus sachlicher und reflektierter äußern, als hier beschrieben. So blieb es etwa am Sonntag Giovanni di Lorenzo vorbehalten, dem Herr Sathom auch nicht immer zustimmt, bei Anne Will vor zwei Dingen zu warnen: Jeden, der Kritik an bestehenden Zuständen übt, als postfaktischen Rechtspopulisten abzutun, und die Komplexität gesellschaftlicher Konflikte auf die simple Gleichung von den Klugen gegen die Blöden zu reduzieren. Er drückte dies pointierter und überlegter aus, als Herr Sathom es könnte; und hat natürlich Recht damit.

Letztlich besteht nicht nur die Gruppe der Unzufriedenen, sondern auch die der „Eliten“ aus Einzelpersonen mit Stärken und Schwächen, nicht aus einem Kader uniformer Klone. Und diese Einzelnen mögen mal irren, mal Recht haben, mal eigenen Vorurteilen aufsitzen, mal scharf beobachten – auch wenn einige von ihnen jetzt wieder den Block der Unfehlbaren abgeben wollen. Umgekehrt jeden Vertreter „der Eliten“ für korrupt, und seine Doktorarbeit für abgeschrieben zu halten, ist Art des Rechtspopulismus, aber vor Allem die dialektische Kehrseite der Medaille, sich mit elitärer Selbstverliebtheit für grundsätzlich überlegen zu halten. Vor solchen Vereinfachungen sollte man sich hüten; und vielleicht insgesamt weniger elitär, weniger in Kategorien von besser und schlechter denken. Auch dies eine Ironie: denn gerade rechte Volkstümler wollen sich gern für Angehörige einer besser geborenen Elite halten.

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2 Kommentare zu “:: Postfaktum! (II) – Endlich wieder alles ganz einfach”

  1. Tatsächlich fände ich die Begriffe post-rational und soger kontra-rational angemessen (allerdings in der Analyse des post-/kontrafaktischen), denn: ratio = Vernunft, und man kann wirklich nicht behaupten, die Eliten, Politiker, Rechten oder überhaupt sonstwer würde sich im Moment groß vernünftig verhalten. Zugegeben, das schert auch wieder alle über einen Kamm. Aber Aufklärung und Vernunft sind zur Zeit zu einem Dasein in der Besenkammer verdonnert. Am Rande sei erwähnt, dass Herr Trump eine Kreationisten zum Bildungsminister in seiner Regierung berufen hat.

    Interessant finde ich diesen Kommentar in Zusammenhang mit Fake News, die ja wesentlicher Teil der Kampagne gegen die Vernunft sind: http://www.zeit.de/digital/internet/2016-11/falschmeldungen-fake-news-medien-internet-verantwortung

    Ist zwar einiges Blabla dabei, aber die Analyse, dass die etablierte, angeblich seriöse, Medienlandschaft die neue Kommunikation komplett verschlafen hat, finde ich zutreffend. Wenn sie gegen das Rauschen der Fake News vergehen will, muss das Signal der Vernunft eben die neuen Medien fluten.

  2. Ja, naja, zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffte beim Vernunftideal eigentlich schon immer eine Lücke, nicht erst aktuell. Das Vernünftige zu tun, ist quer durch die Aufklärungsgeschichte eigentlich eher eine Behauptung, die egoistische bzw. Herrschaftsinteressen kaschiert. Bzw. ist Vernunft immer das, was die Inhaber der Deutungshoheit für sich reklamieren. Der Webfehler setzt schon mit der Kantschen Konstruktion des Vernunftbegriffs ein bzw. mit der Rezeption durch ein aufstrebendes Bürgertum, das „rationales“ Handeln vornehmlich als ein wirtschaftlichen Interessen dienendes auffaßte.
    Ich muß übrigens auf eine Selbstkorrektur hinweisen: Ich habe auf Seite 2 noch hinzugefügt, daß Angela Merkel (oder wer immer ihr diese Rede geschrieben hat) das Adjektiv „postfaktisch“ nicht erfunden hat; es existiert schon länger, war allerdings kaum verbreitet, und ist eine Übersetzung des englischsprachigen „post-truth politics“.
    In diesem Zusammenhang ist es ganz interessant, den englischsprachigen und den deutschen Wikipedia-Eintrag zu vergleichen. Hierzulande wird das Postfaktische ausschließlich bei Populisten verortet, während im angelsächischen Raum offenbar auch etablierte Politik und Medien eingeschlossen werden. Insofern müßte man sagen, daß die hiesigen Medien die neue Kommunikation nicht bloß verschlafen, sondern massiv zum Problem beigetragen haben. Ich erinnere mich z.B. noch gut an die jahrelange neoliberale Propaganda, die jeden sozialen Abstieg als Folge von Faulhiet, Blödheit oder sonstigem Versagertum der Betroffenen abstempelte (ähnliches gilt bei anderen Begriffen; Filterblasen und Echokammern hat eigentlich jede gesellschaftliche Schicht, und das nicht erst seit Aufkommen der neuen Medien; hierzulande scheint man diese Phänomene allein Populisten zuzuordnen).

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