:: Adieu Marcel – Goodbye Robert

Nicht unerwähnt bleiben darf natürlich die gemeinsam mit Jacques Lob entwickelte Serie um den urfranzösischen, erzkonservativen Helden Superdupont, der im Dress aus Feinripphemd und langer Unterhose die Grande Nation unermüdlich vor den Umtrieben der Organisation Anti-France schützt. Deren Mitarbeiter, die ein Mischmasch aus Anglizismen und anderen Lehnwörtern sprechen, installieren z.B. einmal zwecks Untergrabung der französischen Moral einen „Verteiler von Fremdpartikeln“ auf dem Eiffelturm; die oft sehr erotischen femmes fatales, die Anti-France ebenfalls als Agentinnen einsetzt, verfallen regelmäßig Duponts Superfranzosenblick, dem keine Frau widersteht. Angetan mit Schlappen und Baskenmütze, die Trikolore als Gürtel um den Schmerbauch geschlungen, ist Superdupont so die Verkörperung des Franzosenklischees und des spießigen Bourgeois, könnte aber mit wenigen Veränderungen auch dessen deutsches, britisches oder sonstiges Pendant abgeben – die Einstellung wäre, nur mit wechselnden nationalistischen Vorzeichen, dieselbe.

Es sind, wie gesagt, wesentlich persönliche Erinnerungen, die den Tod eines eigentlich Unbekannten mehr oder weniger tragisch wirken lassen; gewiß auch die Zeit, in der ihr Werk einem begegnete, neue Perspektiven eröffnete oder einfach Freude bereitete. Damals, in der Achtzigern, wußte Herr Sathom wenig mehr von Gotlib als das, was sich den U-Comix (und später Veröffentlichungen bei Carlsen) entnehmen ließ. Unvergeßlich geblieben sind ihm Gotlibs absurd-surreale Geschichten, etwa die vom Mathekater, der Schülern bei der Klausur hilft, die von Pinokenstein, einem Karloffschen Pinocchio, der in der Pubertät unreine Haut bekam (d.h. wurmstichig wurde und Triebe knospte), und natürlich die Abenteuer des Kommissars McKräh („Ich hab doch erst neulich zwei Wochen keinen Nachtisch bekommen wegen Mord!“ – „Schafft mit das Schwein aus den Augen!“).

Gotlibs Erbe ist hierzulande vielleicht kaum noch bekannt, geschuldet einer Verlagspolitik, die sich immer mehr auf einen amerikanisch geprägten Mainstream eingeschossen hat, und ansonsten vielleicht noch diejenigen Klassiker des europäischen Comics zuläßt, die sichere Verkaufszahlen garantieren. Subversion, wie sie Gotlib, Mandryka & Co. betrieben, findet sich selbst im gut sortierten Einzelhandel kaum noch – wohl auch mangels Publikum, das längst den Einheitsgeschmack bevorzugt. Mit Marcel Gotlieb hat uns ein bedeutender Vertreter des frankobelgischen Comics verlassen; es bleibt zu hoffen, daß es solche wie ihn immer wieder geben wird, und er neben Bill Eisner, Hergé und anderen seinen wohlverdienten Platz im Comic-Pantheon findet, wo niemand ganz vergessen wird.

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