:: Erfolgsmodell Persönlichkeitsstörung

Eine dritte Auffassung will Trump als durchaus beeinträchtigten Menschen sehen, zumindest, was seine kognitive Leistungsfähigkeit angeht; auch hier gibt es Indizien für geringe Konzentrationsfähigkeit, kurze Aufmerksamkeitsspanne und das Unvermögen, komplexe Zusammenhänge zu begreifen. Schwer persönlichkeitsgestört oder dement sei Trump allerdings nicht. Vertreter dieser Richtung vermuten gelegentlich, der Präsident würde von Dritten, etwa seinem Chefstrategen Stephen Bannon, gesteuert, die anders als Trump selbst durchaus einen Plan hätten. Hier allerdings gehen die Meinungen darüber auseinander, ob der Breitbart Bannon selbst vielleicht nicht ganz zurechnungsfähig ist.

Jedes dieser Szenarien ist plausibel; Herr Sathom, der Psychologie allerdings nur im Nebenfach studiert hat, würde keines davon per se ausschließen wollen. Auch widersprechen sie einander nicht zwingend. Eine mehr oder minder schwere narzißtische Störung würde Trump nicht hindern, im von Frau Wehling beschriebenen Sinn zu handeln, die notwendige, skrupellose Intelligenz (die er dann nur verbergen würde) und/oder ein entsprechend sachverständiges Team von PR-Leuten vorausgesetzt. Für ein schwerwiegendes Narzißmusproblem sprechen wiederum Trumps sofortige Twitterreaktionen auf jede kritische Äußerung, z.B. auf die Rede Meryl Streeps. Sie wirken obsessiv und zwanghaft, bezeugen eine Notwendigkeit, sich auf der Stelle mit Kritikern auseinanderzusetzen und sie abzukanzeln. Sie umgehend zu attackieren, scheint den Präsidenten mehr zu beschäftigen, als sich in komplexe politische Fragen einzuarbeiten, ein Hinweis darauf, wie unerträglich jeder Widerspruch für ihn ist: Angriffe auf sein Selbstwertgefühl müssen sofort und massiv beantwortet werden.

Wer solche Verdachtsmomente übertrieben findet, muß nur einen Blick in die Geschichte werfen, um festzustellen, daß ein gestörter Mann an der Spitze eines Staates keine Unmöglichkeit darstellt. Von Narzißten wie Mussolini über Psychopathen wie Hitler bis zu den senilen Altmännerriegen des gewesenen Ostblocks finden sich genügend Beispiele, die belegen, daß die Vermutung nicht unbedingt verstiegen ist.

Doch angenommen, Trump litte an einer Persönlichkeitsstörung – was bedeutet das eigentlich? Es scheint, daß eine Konsequenz aus diesem Umstand allgemein übersehen wird. Daß Trump lediglich sein gewohntes Geschäftsgebaren fortsetze, wird gern mit abwiegelnder Geste vorgetragen – der spinnt gar nicht, soll das heißen, der ist das nur so gewohnt, und im big business hat es sich für ihn als Erfolgsmodell erwiesen. Also alles halb so schlimm. Wirklich?

Es soll beruhigen, daß das, was uns am Politiker Donald Trump erschreckt, womöglich ein Verhalten, und eine geistige Verfassung sind, die im Geschäftsleben als normal gelten? Die dort üblicherweise und ständig stattfinden? Beispiele dafür, daß dies zutreffen könnte, gibt es genug. Eine einfache Onlinesuche mit den Stichworten Narzissmus und Manager fördert zahllose Artikel, Abhandlungen und Sendungen zutage, die sich mit dem Problem der narzißtischen Störung in Chefetagen befassen. Die Trump zugeschriebene narzißtischen Charakterzüge lassen sich, bis hin zu soziopathischem Verhalten, in den Führungsriegen der Wirtschaft durchaus immer wieder beobachten. Erschrecken daran muß, daß dies bekannt ist, jedoch kaum Sorge auslöst.

Im Gegenteil. Rücksichtslosigkeit, Unfähigkeit zur Reue, Mangel an Mitgefühl – all die Eigenschaften, die am Politiker Trump stören – gelten uns im Wirtschaftsleben als durch Sachzwänge entschuldbare, ggf. notwendige Charakterzüge, eigentlich sogar als Tugenden – im Zweifelsfall sogar bewunderte. Die Unfähigkeit, die Realität wahrzunehmen, die Mr. Olbermann von GQ dem Präsidenten zuschreibt? Bei Wirtschaftsmagnaten heißt das „Vision“.

Es stellt sich die Frage, ob Trump wirklich das Monster ist (oder, in den Augen anderer, der Erlöser), als das wir ihn wahrnehmen, oder nicht vielmehr der Vertreter eines Systems, das wir völlig normal finden – so lange sich solches Verhalten in einer Kampfzone abspielt, die wir „Ökonomie“ nennen, und nicht außerhalb ihrer auffällig wird.

Warum ist das wichtig? Halten wir vorläufig drei Punkte fest. Erstens zeigt der Umfang, in dem narzißtische Persönlichkeitszüge auch in der Wirtschaft bzw. wirtschaftsnahen Publikationen thematisiert werden, daß es sich nicht um Einzelfälle, sondern ein verbreitetes Phänomen handelt. Zweitens ist bekannt, welchen Einfluß die Wirtschaft durch Lobbyarbeit, PR und andere Maßnahmen auf die Politik ausübt. Drittens ergibt sich daraus, daß Menschen „trumpschen“ Charakters als Manager und Konzernvorstände ohnehin schon lange einen massiven Einfluß auf politische Entscheidungen und gesellschaftliche Entwicklungen nehmen – nur daß sie dies i.d.R. über Umwege statt öffentlich, nicht direkt als Politiker tun.

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5 Kommentare zu “:: Erfolgsmodell Persönlichkeitsstörung”

  1. Sehr gute Analyse. Womöglich setzt bei den Bürgern ja auch schon ein Umdenken ein. Immerhin formierte sich sofort Widerstand in den USA. Ob dieser in der Betrachtung, Analyse und Schlußfolgerung auch so weit geht, wie dieser Artikel, bleibt abzuwarten.

    Zitat: „Das Gegeneinander aus Prinzip muß aufgegeben werden, einem Miteinander weichen; der Aufstieg derer, die vornehmlich zum Schaden ihrer Mitmenschen handeln, unerwünscht werden.“

    Falls die Menschheit diesen Schritt nicht geht, wird die Evolution schon dafür sorgen, dass es dieser Spezies nicht mehr sehr lange gut gehen wird.

    1. Thx. 🙂
      Yup, seh ich genauso … Einiges, z.B. diese Frauenmärsche, gibt mir ja Hoffnung. Im Grunde sehe ich im Augenblick zwei Tendenzen, die die Bevölkerungen weltweit spalten; welche sich durchsetzt, ist schwer zu sagen. In den Top-Positionen sitzen ja die Dinosaurier – Leute von gestern mit den Antworten von vorgestern auf die Probleme von morgen.

  2. „Man müßte der Trump-Administration beinahe dankbar sein, daß sie solche Leute nun vor die Kameras zerrt. Die persönlichen Defizite und Defekte derer, die als konservativ-neoliberale Elite unsere Geschicke vielleicht nicht lenken, aber maßgeblich mitbestimmen, lassen sich nun nicht mehr verhehlen.“

    Oder anders formuliert: Niemand ist unnütz, man kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen. 😉

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