:: Erfolgsmodell Persönlichkeitsstörung

Viele Beiträge zum Thema, die sich online finden lassen, belegen ein bizarres Verhältnis unserer Gesellschaft zum Wirtschaftsnarzißten. Ein Zeit-Artikel wirft zunächst ohne Bedenken Autismus, ADHS, narzißtische Störungen und psychotische Charakterzüge in einen Topf, um zu konstatieren, daß man wohl ein „Psychopath“ sein müsse, um Erfolg zu haben; die Verfasser sind sich nicht zu schade, pausbäckig die alte Mär vom Zusammenhang zwischen „Genie und Wahnsinn“ zu bemühen. Zwar sieht man die Probleme (narzißtisch gestörte Manager können dem Unternehmen schwerwiegenden Schaden zufügen), scheint aber zugleich der Auffassung, daß es im knallharten Wirtschaftsleben eben solche Typen braucht, um Erfolg zu haben. Wie es Mitarbeitern und Untergebenen geht, auch denen, die ggf. unter echtem Psychoterror leiden, scheint sekundär: Ein Artikel in der Wirtschaftswoche erteilt Angestellten Ratschläge, wie man mit narzißtischen Vorgesetzten umzugehen hätte; zusammengefaßt laufen sie darauf hinaus, sich ihnen besser zu unterwerfen. Ähnlich verfährt ein anderer, unwesentlich kritischerer Zeit-Artikel. Von den drei Umgangsmöglichkeiten mit soziopathischen Vorgesetzten – leave it, change it, und love it – wird die dritte als die beste empfohlen. Lernen Sie, ihre Situation zu „lieben“. Sagen Sie sich immer wieder die Vorteile vor. Na kommen Sie. Irgendwelche wird es schon haben. Seien Sie gedanklich „flexibel“.

Kurz, was uns am Politiker Trump stört, nehmen wir als Verhalten und Einstellung im Wirtschaftsleben als unumgänglich hin; akzeptieren es als Alltag; halten die Tyrannen im Nadelstreifenanzug gelegentlich sogar für Helden. Denen eines erbarmungslosen, sozialdarwinistischen Wettstreits, zu dem wir das Geschäftsleben – wenigstens das in den Chefetagen – gern romantisieren. Die Schäden, die diese Führungsriegen anrichten – etwa durch die Finanzkrise – akzeptieren wir als Kollateralschäden dieses Gegeneinanders, das wir längst als gesellschaftliche Normalität hinnehmen; eines kalten Wirtschaftskriegs jeder gegen jeden, den wir verharmlosend Wettbewerb nennen. Und es ist ein solcher Krieg, den wir gesellschaftsweit führen – Chef gegen Angestellte, diese gegeneinander im Karrierewettlauf, „Bildungsbürger“ gegen „Bildungsferne“, „Leistungsträger“ gegen „Geringqualifizierte“, zuletzt jeder Schulabgänger gegen jeden anderen. Wir akzeptieren diesen Zustand als normal; stellen ihn nie infrage. Wir finden den Größenwahn und die Verantwortungslosigkeit, die an die Spitze bringen, daher nicht nur nicht anstößig; wir finden das alles sogar richtig. Und wir wären vielleicht auch gern so, wie „die da oben“. Am rechten Platz in diesem Alltagskrieg (nur eben nicht gerade in der politischen „Arena“) denken wir von einem Egomanen trumpscher Facon als „Macher“. Daß er nicht nur ein rücksichtsloser Tyrann, sondern auch kompetent wäre, unterstellen wir bedenkenlos (auch darum schockiert Trump; er beweist, daß ein despotischer Wirtschaftsbaron unfähig sein könnte).

Unsere Blindheit gegenüber diesem allgemeinen Wahnsinn demonstrieren die Verfasser des zuerst genannten Zeit-Artikels selbst. Zwar zitieren sie einen Psychiater mit dem Hinweis, daß sich „geistig gesunde Führer “ besser für Friedenszeiten, „geistig kranke“ eher für Perioden von Krieg und „Aufruhr“ eignen; daß wir jedoch einen ökonomischen Bürgerkriegszustand als andauernde Normalität betrachten, wenn wir ausrechnet „Kranke“ (also „kriegstaugliche“) für geeignete Wirtschaftsführer halten – diesen Schluß ziehen sie nicht. Der Zusammenhang fällt ihnen nicht einmal auf.

Nebenbei: Es ist zwar begrüßenswert, daß psychische Störungen heute differenzierter betrachtet werden, wie die Autoren anführen; doch diese Weisheit gerät im Bezug auf das hier betrachtete Phänomen zur billigen Ausrede, verantwortungslose, empathieunfähige und gefährliche Menschen über das Wohl und Wehe vieler anderer entscheiden zu lassen.

Außer, sie gingen in die Politik. Und fräßen dann nicht wenigstens Kreide.

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5 Kommentare zu “:: Erfolgsmodell Persönlichkeitsstörung”

  1. Sehr gute Analyse. Womöglich setzt bei den Bürgern ja auch schon ein Umdenken ein. Immerhin formierte sich sofort Widerstand in den USA. Ob dieser in der Betrachtung, Analyse und Schlußfolgerung auch so weit geht, wie dieser Artikel, bleibt abzuwarten.

    Zitat: „Das Gegeneinander aus Prinzip muß aufgegeben werden, einem Miteinander weichen; der Aufstieg derer, die vornehmlich zum Schaden ihrer Mitmenschen handeln, unerwünscht werden.“

    Falls die Menschheit diesen Schritt nicht geht, wird die Evolution schon dafür sorgen, dass es dieser Spezies nicht mehr sehr lange gut gehen wird.

    1. Thx. 🙂
      Yup, seh ich genauso … Einiges, z.B. diese Frauenmärsche, gibt mir ja Hoffnung. Im Grunde sehe ich im Augenblick zwei Tendenzen, die die Bevölkerungen weltweit spalten; welche sich durchsetzt, ist schwer zu sagen. In den Top-Positionen sitzen ja die Dinosaurier – Leute von gestern mit den Antworten von vorgestern auf die Probleme von morgen.

  2. „Man müßte der Trump-Administration beinahe dankbar sein, daß sie solche Leute nun vor die Kameras zerrt. Die persönlichen Defizite und Defekte derer, die als konservativ-neoliberale Elite unsere Geschicke vielleicht nicht lenken, aber maßgeblich mitbestimmen, lassen sich nun nicht mehr verhehlen.“

    Oder anders formuliert: Niemand ist unnütz, man kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen. 😉

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