:: Erfolgsmodell Persönlichkeitsstörung

Als Wirtschaftsmann hat Trump mehrere Pleiten hingelegt und dabei zahllosen Dritten Schaden zugefügt, setzte in einer schottischen Region ein egomanisches Golfplatzprojekt gegen Land und Leute durch (übrigens „Krieg“: man beachte den letzten Absatz eines Spiegel-Artikels über den Golfplatz). Anstoß erregte das vor seiner Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten nicht, wurde erst danach öffentlich kritisch behandelt. Motto: Dieser Mann darf nicht Präsident werden; was er als businessman treibt, und viele andere mit ihm, wäre kein Gegenstand öffentlicher Debatte. Die Charakterzüge des Mannes, die uns ängstigen oder entsetzen, stören erst, seit er sein Verhalten aus der wirtschaftlichen in die politische Sphäre übertragen hat.

Gleiches gilt für seinen Beraterstab. Ein Stephen Bannon, der die Finanzmärkte wieder deregulieren will, Wirtschaftslobbyisten in höchsten Ämtern – wir fürchten, was sie über uns bringen könnten. Stünden sie jedoch nicht als Politiker an der Spitze des Staates, würden wir sie und ihre Aktivitäten kaum wahrnehmen.

Noch einmal: Personen, denen man einen narzißtischen Charakter à la Trump zusprechen kann (vielleicht nicht immer einen so ausgeprägten oder deutlich sichtbaren), beeinflussen die Politik ohnehin. Daß in Trumps Beraterstab nun Vertreter von Goldman-Sachs oder Banken-Deregulierer auftreten, wirkt nur skandalös, weil sie hier ganz offen als Politiker agieren. Ihr Einfluß ist zwar auch sonst kein heimlicher, da weithin bekannt; nachdem sie sich nun unter Beobachtung der Medien gewissermaßen „auf freiem Feld“ bewegen müssen, lassen sich jedoch auch zwei andere Aspekte nicht mehr verbergen – ihre Persönlichkeit und, in einigen Fällen, ihr Mangel an Kompetenz. Man müßte der Trump-Administration beinahe dankbar sein, daß sie solche Leute nun vor die Kameras zerrt. Die persönlichen Defizite und Defekte derer, die als konservativ-neoliberale Elite unsere Geschicke vielleicht nicht lenken, aber maßgeblich mitbestimmen, lassen sich nun nicht mehr verhehlen.

Der „Psychopath“, den die Zeit-Autoren des erstgenannten Artikels aus recht unterschiedlichen menschlichen Eigenschaften – bis hin zur Legasthenie – zusammenmixen, ist ein Konstrukt; eines, dessen Eigenschaften je nach Opportunität als krankhaft oder wünschenswert betrachtet werden. Die Folgen für die Opfer der Geschäftspraktiken solcher Leute geraten dabei völlig aus dem Fokus. Und Donald Trump? Er mag wirken wie ein außer Kontrolle geratener Onkel Dagobert auf Speed; doch ist er weniger ein kurioses Fabelwesen, dessen Aufstieg zum US-Präsidenten eine Art historischen Unfalls darstellt, als vielmehr Symptom und Ausdruck eines Systems, das solche wie ihn in Machtpositionen befördert. Verantwortungslosigkeit statt Verantwortungsbewußtsein; große Reden statt Können; Wettkampf statt Kooperation; Gewissenlosigkeit (oder eher: ein immer gutes Gewissen) statt Einsicht oder Empathie. In unserer Gesellschaft macht ihn das zum Erfolgsmodell.

Das ist, was wir nicht sehen, wenn wir uns über die Einzelperson Trump erregen. Durch den auf sie verengten Blick sogar erst recht ausblenden. Und das ist, was uns vielleicht mehr Sorge bereiten sollte, als die täglichen Irrsinnsmeldungen aus dem Kasperltheater „Weißes Haus“.

Und dies allein schon wegen der Umwälzungen, mit denen Klimawandel, industrielle Revolution 4.0, abnehmende Ressourcen und andere Gefahren für unseren Fortbestand als Menschheit uns zukünftig konfrontieren werden. Ein globales System, das zerstörerisch für Mensch, Umwelt und sozialen Zusammenhalt ist, das den Konkurrenzkampf als wünschenswerte Norm betrachtet, wird diesen Herausforderungen nicht gewachsen sein; Trump versucht, diese Tendenzen zu verstärken, wo das Gegenteil nötig wäre. Das Gegeneinander aus Prinzip muß aufgegeben werden, einem Miteinander weichen; der Aufstieg derer, die vornehmlich zum Schaden ihrer Mitmenschen handeln, unerwünscht werden.

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5 Kommentare zu “:: Erfolgsmodell Persönlichkeitsstörung”

  1. Sehr gute Analyse. Womöglich setzt bei den Bürgern ja auch schon ein Umdenken ein. Immerhin formierte sich sofort Widerstand in den USA. Ob dieser in der Betrachtung, Analyse und Schlußfolgerung auch so weit geht, wie dieser Artikel, bleibt abzuwarten.

    Zitat: „Das Gegeneinander aus Prinzip muß aufgegeben werden, einem Miteinander weichen; der Aufstieg derer, die vornehmlich zum Schaden ihrer Mitmenschen handeln, unerwünscht werden.“

    Falls die Menschheit diesen Schritt nicht geht, wird die Evolution schon dafür sorgen, dass es dieser Spezies nicht mehr sehr lange gut gehen wird.

    1. Thx. 🙂
      Yup, seh ich genauso … Einiges, z.B. diese Frauenmärsche, gibt mir ja Hoffnung. Im Grunde sehe ich im Augenblick zwei Tendenzen, die die Bevölkerungen weltweit spalten; welche sich durchsetzt, ist schwer zu sagen. In den Top-Positionen sitzen ja die Dinosaurier – Leute von gestern mit den Antworten von vorgestern auf die Probleme von morgen.

  2. „Man müßte der Trump-Administration beinahe dankbar sein, daß sie solche Leute nun vor die Kameras zerrt. Die persönlichen Defizite und Defekte derer, die als konservativ-neoliberale Elite unsere Geschicke vielleicht nicht lenken, aber maßgeblich mitbestimmen, lassen sich nun nicht mehr verhehlen.“

    Oder anders formuliert: Niemand ist unnütz, man kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen. 😉

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