:: Faschismus und Bürgertum oder: Wer wählt Le Pen?

Der Kern des rechten Programms quer durch Europa läßt sich daran festmachen. Anders als die Linke stört sich die Rechte nicht an sozialer Ungleichheit, an unfairer Bevorzugung bestimmter Bevölkerungskreise; sie fordert lediglich für ihre Anhänger, daß diese Nutznießer des allgemeinen Unrechts werden sollen. Nicht mehr „die Eliten“, das Finanzkapital, die wohlhabend geborenen Akademikerkinder sollen den Vorteil haben, sondern „Volksdeutsche“, „echte Franzosen“, kurz: Nicht mehr die Abstammung aus privilegierten gesellschaftlichen Kreisen, sondern das Geburtsrecht der Ethnie soll bestimmen, wem es besser als den anderen geht.

Daß der Faschismus nur vortäuscht, sich für die „sozial Schwachen“ zu interessieren, hat bereits Hannah Arendt für die Nazis konstatiert. Zu diesem Zweck eignet er sich u.a. Thesen der Linken an. Es ist gut möglich, daß Mme. Le Pen die Formulierung vom Krieg „aller gegen alle“ nicht erfunden hat; sie findet sich bereits in einem Guardian-Artikel von 2014, in dem der Zustand unserer Gesellschaft einmal als „war of every man against every man“, und später erneut als „war of all against all“ beschreiben wird. Der Artikel ist beileibe nicht rechtslastig (der Guardian selbst ist ein wenn politisch, dann eher links ausgerichtetes Blatt); er behandelt nicht einmal ökonomische Fragen, sondern die zunehmende Vereinsamung in der Gesellschaft (die er jedoch auf das kompetetive, neoliberale Gegeneinander zurückführt). Marine Le Pen muß ihren Kriegsvergleich nicht vom Guardian übernommen haben; Herr Sathom hat seine These vom „ökonomischen Bürgerkrieg“ ganz ohne Kenntnis des dortigen Artikels entwickelt und war einigermaßen überrascht, eine ähnliche Beobachtung bei der Recherche zu diesem Beitrag wiederzufinden. Es mag also sein, daß der Vergleich so naheliegt, daß er sich unterschiedlichen Beobachtern aufdrängt. Doch tendenziell zeigt sich immer wieder, daß die Rechte linke Kritikpunkte und Positionen stiehlt. Darin liegt ein Teil ihres Erfolgsrezepts, mit dem sie der Linken Wähler abspenstig macht.

Aber doch eben nur ein Teil; denn im Gegensatz zu dem, was bürgerliche Deuter vom typischen Rechtsmob wissen wollen, rekrutiert sich die momentan erfolgreiche Rechte eher nicht aus den wenig gebildeten, sozial abgehängten Bevölkerungskreisen. Die AfD etwa war von vornherein eine bürgerlich-akademische Gründung; und darf man einer TV-Dokumentation glauben, in die es Herrn Sathom kürzlich zappend verschlug, besteht die Pegida-Anhängerschaft zu ca. 60% aus Abiturienten, zu 28% aus Akademikern, und nur zu 5% aus Hauptschulabgängern. Ihr Kern ist wesentlich „bildungsbürgerlich“ geprägt.

Demgegenüber möchte die gutbürgerliche Weltdeutung das Phänomen „Rechtspopulismus“ zwanghaft bei den qua fehlender Bildung und Qualifikation „Abgehängten“ verorten. Zugleich sitzt sie einer anderen, von den Rechten selbst geschaffenen Mythe auf, die zu der erstgenannten paßt. Der Unterschied zwischen „Rechts“ und „Links“ soll nämlich verschwunden, wenigstens verwischt sein. Indem man einzelne, oberflächlich ähnliche Punkte herauspickt – sowohl die extreme Rechte wie die extreme Linke sei antiamerikanisch, antikapitalistisch, gegen den Freihandel usw. – und Gegensätze ignoriert (fehlende Fremden- und Frauenfeindlichkeit der Linken), erzeugt man den Eindruck einer irgendwie wischwaschi „gegen alles“ gerichteten Bewegung der Unzufriedenen, die in der Wahrnehmung zu einem ununterscheidbaren Kleister verschmelzen, gegen den nur das Lösungsmittel des globalen Kapitalismus hilft. Interessant ist nun, daß die Behauptung, der Rechts-Links-Gegensatz verschwinde, ursprünglich von der Rechten selbst in die Welt gesetzt wurde, von den Vordenkern und „Philosophen“ der „Neuen Rechten“ nämlich. Zweck dieses Erzählmotivs war dabei zunächst, meint Herr Sathom, einfach leugnen zu können, daß man überhaupt rechtsgesinnt sei. Gerade aus der AfD und der Pegida-“Bewegung“ heraus wurde der Vorwurf des Rechtspopulismus anfangs wütend bestritten, als ungerechtfertigt dargestellt – kurz, man hatte Interesse daran, jede Verbindung zu nazistischem, rassistischem und rückwärtsgewandtem Gedankengut rundweg zu bestreiten, zu behaupten, daß man mit Nazis und Rechtsextremen nichts zu tun habe, und nur gerechtfertigte Kritik vorbrächte; daß man nur die Stimmen aller Unzufriedenen versammele, gleich welchem politischen Spektrum diese angehörten.

Der Erfolg war frappant. Die intellektuelle Elite, die Deutungshoheiten des bürgerlichen Establishments, übernahmen den rechten Erzähltopos nämlich freudig. Der Zweck: Während die Rechte sich verharmlosen wollte, konnte die gesellschaftliche „Mitte“ rechts und links in einen Topf werfen und jede Kritik an Kapitalismus, Gesellschaft oder entfesselter Marktwirtschaft als eines Geistes Kind abtun. Damit folgte sie einer alten Taktik – schon jede Erwähnung des Rechtsterrorismus forderte stets die Ergänzung, daß es auch einen linken gäbe (umgekehrt galt diese Vorschrift nicht). So ließ und läßt sich die Linke diskreditieren, jede Form der Kritik an bestehenden Herrschafts- und Machtverhältnissen und ökonomischen Strukturen mit dem Naziverdacht behängen. Ironischerweise kommt die Rechte also mit ihrem Diebstahl linker Positionen dem bürgerlichen Konservatismus entgegen. Dessen Begierde, die Linke unter Verweis auf solch scheinbare Rechts-Links-Gemeinsamkeiten zu diffamieren, macht Rechte und Mitte zu Verbündeten im Kampf gegen eine linke Alternative. Dahinter muß keine bewußte Absicht stecken, tut es sehr wahrscheinlich auch nicht – das Verfahren entspringt einem bürgerlichen Wahrnehmungsfilter, der die eigene Schicht kritikfrei stellt.

Mehr als das: Er macht das Bürgertum blind für die eigenen faschistischen Züge. Es sind wie gesagt hauptsächlich Bürgerliche, die sich dem Rechtspopulismus zuwenden (hierzulande jedenfalls); im biologischen bzw. kulturellen Rassismus der Rechten finden sie wieder, was sich schon vor ihrem „Sinneswandel“ äußerte: etwas, das der französische Soziologe Didier Eribon „Sozialrassismus“ nennt. Der bürgerliche „Leistungsträger“ verachtet die Armen, Gescheiterten, Abgestiegenen; er wähnt sich zu recht erfolgreicher, weil klüger, geschickter, schlicht besser als diese. Über die Gründe seiner Überlegenheit gibt er sich keine Rechenschaft, sieht sie jedoch als immanente, persönliche Qualitäten an, die nicht gesellschaftlich bedingt sind; ebenso immanent und nicht erklärungsbedürftig sind die Mängel der unteren Schichten. Ohne es sich einzugestehen, hegt er damit einen biologischen Rassismus. Denn auch wenn er die Gene nicht als Ursache benennt, läßt seine Scheidung der Menschen in Gewinner und Verlierer doch keine andere Erklärung zu, so lange er eben ausschließt, aufgrund ungerechter Bevorzugung besser gebildet, fähiger etc. zu sein. Der Schritt vom Rassismus der Klassen zu dem der Kulturen oder „Rassen“ ist ein kleiner.

Indem die „Gegner“ des Rechtspopulismus so gleichzeitig die Linke attackierten, stärkten sie ihren Feind; ihre eigene Ähnlichkeit mit ihm bemerkten sie nicht. Das rechte Gedankengut sollte unbedingt von den „Rändern“ der Gesellschaft in deren „Mitte“ vorgedrungen sein; daß es vielleicht aus dieser Mitte stammte, und wie sehr die eigene soziale Verachtung ihm entsprach, eben jene motivierte, die aus der Mitte nach rechts traten, blieb unerkannt.

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