:: Faschismus und Bürgertum oder: Wer wählt Le Pen?

Die Übernahme linker Themen bot zugleich der Mittelschicht, die angesichts zunehmender sozialer Probleme und der Gefahr, selbst ins soziale Elend abzurutschen, langsam unruhig wurde, eine Alternative zur beunruhigenden Option, den eigenen sozialen Abstieg nur verhindern zu können, indem sie links wählt – also gerade das System angreift, das ihre konservativ-bürgerlichen Privilegien garantieren soll (es nur im Augenblick, globalisierungsbedingt, nicht mehr tut). Doch da der Mittelschichtler die soziale Ungleichheit nicht als etwas begreift, das prinzipiell abgeschafft gehört, sie vielmehr gutheißt, so lange er noch hoffen darf, von ihr zu profitieren, war eine solche Wahl unmöglich. Die Rechte verspricht ihm, das System der Herrschaftsprivilegien nicht abschaffen zu müssen; statt seine Hoffnung zu opfern, innerhalb eines ungerechten Systems doch irgendwie zu „denen da oben“ aufsteigen zu können, soll er sich darauf verlassen dürfen, daß ihm der Aufstieg durch seine „Volkszugehörigkeit“ garantiert sei. Die Gefahr des befürchteten Abstiegs soll dieselbe Eigenschaft erfolgreich bannen.

Die Flüchtlings-„Krise“ hat diesen Vorgang katalysiert. Sie bot der Mittelschicht statt des „Hartz IV“-gemästeten Schmarotzers in der sozialen Hängematte einen neuen Feind, den Zuwanderer. Nicht mehr multinationalke Konzerne klauen uns unsere Identität, sondern der Afrikaner; leichter angreifbar als jene und zudem kein Gegner, mit dem man sich eigentlich gut stellen möchte – vielleicht werden die eigenen, durchs private Elitegymnasium gepeitschten Kinder ja dort eines Tages CEO – muß er nun für den Unmut des sich bedroht fühleneden Bürgers herhalten.

Kurz, das rechte Programm verheißt die Möglichkeit, asozial bleiben zu können, nicht morgen zu denen zählen zu müssen, die man gestern noch verachtete; und keinesfalls, wie es die linke Wahl bedeuten würde, mit diesen Verlierern auch noch teilen zu müssen. Es verspricht, das alte Unrechtssystem, das nun vom größeren der „Globalisierung“ zertrümmert zu werden droht, wieder zu restaurieren; sein Kitt soll statt bürgerlicher Abkunft nun die völkische Blutsverwandtschaft sein – der nationale Inzest.

Der Erfolg des Rechtspopulismus speist sich aus diesen Quellen; er kommt nicht aus dem Nichts, sondern hat eine beständige, in der bürgerlichen Mitte stets latente Basis. Die Unfähigkeit des Bürgertums, sich selbst als eine solche Quelle zu erkennen, hat Tradition.

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