:: Faschismus und Bürgertum oder: Wer wählt Le Pen?

Sie besteht darin, das Menschenverachtende stets bei denen zu verorten, die man verachtet. Der Nationalsozialismus, lehrt jeder in der Zeit angesiedelte Spielfilm, war eine Sache des Pöbels; das Großbürgertum stand am Fenster und rümpfte über die SA-Umzüge die Nase. Sein Widerstand erschöpfte sich zumeist darin; einen ungebildeten Handwerker wie Georg Elser durfte es in Deutschland lange Zeit als Widerständler nicht geben (lieber übernahm man auch hier ein Nazi-Erzählmotiv, nämlich, daß Elser als Unterschichtler schlicht zu blöd gewesen sein müsse, um ohne Hintermänner zu handeln). Daß die bürgerliche Mitte nicht Keimzelle, sondern Gegenpol des Faschismus sei, gehört zu den Selbststilisierungsmythen jener Schicht, die sich im Spiegel nicht erkennt. Doch sie ist diese Keimzelle, eben weil sie das oben und unten, in das Herrschaft die Menschen teilt, und das der Kapitalismus vielleicht bloß besonders effizient reproduziert, verinnerlicht hat; und weil sie deshalb gegen dieses Schema nicht rebellieren kann, sondern, wird ihre Position darin bedroht, lieber zu Ideologien flüchtet, die ihr eine erneute Befestigung ihres Status versprechen. Das kann mal die Religion des „Marktes“, mal eben auch der Rechtspopulismus sein; die Weltanschauungen sind austauschbar, nur dem Bürger müssen sie eine gesicherte Stellung garantieren: Über irgendwem, der die Scheiße wegwischen darf. Und sich für ein paar hingeworfene Cent noch bedanken.

So sind für den Bürger die Bösen immer „unten.“ In einem kürzlich im Ersten ausgestrahlten Film über das Leben Rosa Luxemburgs muß sich die pazifistische Rosa am Vorabend des Ersten Weltkriegs von einem Parteikollegen anhören, daß die Arbeiter den Krieg nun einmal wollten. Historisch betrachtet ist das ein Schmarrn. Das völkisch-national gesonnene Bürgertum wollte ihn, die progressive Avantgarde – darunter der erst später zum deutschen Gewissen mutierte Thomas Mann – wollte ihn, da beide Seiten sich versprachen, daß der Sturm aus Blut und Eisen die verrottete wilhelminische Gesellschaft hinwegfegen würde; auf den „neuen Menschen“ als „Stahlgestalt“ hofften solche wie Ernst Jünger, auf ein reinigendes Gewitter jedoch auch die Salongegner der Monarchie. Überwiegend nicht wollten ihn die Arbeiter und Bauern, die ziemlich genau wußten, wer für diese Visionen der „Gebildeten“ mal wieder würde ins Gras beißen dürfen. Der Drehbuchautor dieser Schmonzette hat dabei vielleicht nicht einmal in geschichtsfälschender Absicht gelogen – daß es der tumbe Proletenpöbel gewesen sein muß, der da am Straßenrand die abmarschierenden Soldaten bejubelte, daß es die mit Graecum und Latinum gesegneten Bildungsbürger nicht gewesen sein können, erschien ihm womöglich ohne weitere Recherche als plausible Erklärung der Kriegsbegeisterung. Es paßt ins Bild des Bürgers vom ungebildeten Mob als Träger verderblicher Ideologien, in seine Wahrnehmung dessen, was er für Wirklichkeit hält; eine Wahrnehmung, die den Faschisten oder sonstigen Verbohrten überall, nur nicht in den eigenen Reihen – geschweige den im eigenen Kopf – findet.

Das, meint Herr Sathom, brachte uns dahin, wo wir jetzt sind. Gewinnt am Sonntag Marine Le Pen, wären die Auswirkungen zweifellos katastrophal. Und Macron? Sein Sieg stellte eine Bremse, vielleicht nur eine Verzögerung dar. Sollte seine Politik – was viele in Deutschland hoffen – nur eine des „wie gehabt“ sein, wird das Heer der Unzufriedenen wachsen; und was jetzt befürchtet wird, nur später eintreten.

Auch gegen eine neoliberale Macron-Präsidentschaft werden alle opponieren müssen, denen an einer weltoffenen Gesellschaft und sozialer Gerechtigkeit liegt. Für jede(n) – homo oder hetero, trans oder Hans, „oben“ oder „unten“ geboren. In diesem Sinne (und zeigen wir ruhig in diesen Zeiten ein wenig Pathos):

Eerst mussen wij vechten, niemand weet hoe lang
Eerst mussen wij vechten, voor ons belang
Voor het geluk van iedereen, dus vechten we samen
Samen staan we sterk, ja vechten we samen, niet alleen
– Bots, Zeven dagen lang

Resist!
– Keith Olbermann

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