:: Herr Matthies liest Wahlplakate. Herr Sathom liest Matthies.

Ein Überblick: Daß die Plakatgröße im öffentlichen Raum normiert sei, lernen wir, aha, auf Privatgelände hingegen nicht, und daß AfD-Plakate in Kreuzberg schwer zu leiden haben; daß sie per Aufkleber mit einem Gegenzauber belegt würden, ist so eine der Formulierungen, die Herrn Sathom durchaus gefallen haben. Die Linke wolle Millionären „an die Gurgel“, mit Fackeln und Frankenstein-Harken, vermutet Herr Sathom gleich, ansonsten seien die Parolen wie „im Windkanal der Werbeagenturen zurechtgefönt“, na sowas. Schnurze Wahlversprechen und gut draufe Plakatpersonen ortet Herr Matthies, Dinge also, die für jeden Beobachter auffällig sein, und die Wahlplakate damit so überflüssig machen dürften, wie es der Artikel ist. Nun, so weit, so gut. Sein Fett kriegt jeder weg, und so bedient der Text wenigstens das bürgerliche Gebot der Ausgewogenheit.

Das gibt sich abgeklärt mittels demonstrativ ironischer Distanz; doch gelegentlich schielt eben doch aus der Deckung, was solche „Ausgewogenheit“ verbirgt. Wenn Herr Matthies etwa den SPD-Slogan „Bildung darf nichts kosten. Außer etwas Anstrengung“ süffisant kommentiert, das „etwas“ sei wichtig, um die bildunsgfernen Schichten nicht allzu sehr zu belasten, wird der Humor schon verräterisch; zeigen sich eingefleischte Vorurteile gegen die Geringgebildeten, die ja nicht etwa betreffs ihrer Bildungschancen benachteiligt, sondern bloß zu faul sind, sich in der Schule mal ordentlich anzustrengen. Leistungsverweigerer eben. Ein bißchen ekelhaft ist das, wird beinahe schmierig, wenn sich dann noch über die notorisch armen Kinder der Linken-Wahlplakate amüsiert wird. Nur ein wenig, nicht so, wie es Sarrazinsche Thesen von vererbter Blödheit oder Leistungsunfähigkeit täten, würden sie offen ausgesprochen; der gebildete Mittelschichtler hat dergleichen nicht nötig. Darin besteht seine intellektuelle Überlegenheit gegenüber dem Populisten. Dort wird gebrüllt; hier versteht man sich augenzwinkernd.

Ja, schön, das Plakat der Linken behandelt das Thema Kinderarmut auf unfreiwillig komische, peinliche Weise; und vielleicht meint Herr Matthies ja das, liest Herr Sathom da bloß was hinein, aber angesichts des Gesamttonfalls dieser und anderer Matthiesscher Hervorbringungen, ganz zu schweigen davon, was andere Tagesspiegler an Ähnlichem produzieren, wagt er das zu bezweifeln. So oft er die Stelle liest, bleibt doch das unangenehme Gefühl, daß hier ein Subtext mitschwingt, daß Kinderarmut als nicht echtes Problem, ihre Erwähnung als bloße Beschwörung eines albernen Klischees denunziert werden soll. Und Herr Matthies – der gern Gentrifizierung als Erhöhung von Lebensqualität preist und Einwände als provinziell, und „wohlfeilen Neid“ abtut – äußert ja auch im Weiteren überraschend frei von komödiantischen Umschweifen, daß seiner Ansicht nach „Steinzeitkommunisten“ wie die MLPD mit Lenin und Che Guevara „Politschurken“ auf ihren Plakaten zeigen. Da verzerrt sich kurz der beschwingte Ton, wird bissig, läßt ein wenig ehrliches Gift heraus.

Dieses Gift zeigt sich bei ganz unterschiedlichen Gelegenheiten. Schon vor Jahren echauffierte sich Herr Sathom ja über den Kritiker Denis Scheck, dem zwecks Verriß eines Buchs nur einfiel, es als „so spannend wie eine Obdachlosenzeitung“ zu bezeichnen. Obdachlose, klar, was werden die schon Interessantes zu erzählen haben – hier äußert sich die gleiche Verachtung. Auf die „Bildungsfernen“ bezogen, „weiß“ der Gebildete eben, daß sie faulheitsbedingt blöd sind, ohne die Leute überhaupt zu kennen. Hier haben wir Angehörige der Mittelschicht, die ihre Kinder mit dem SUV zur Schule karren und es sich Anwälte leisten können, die Lehrer/innen und Schulen bis aufs Blut verklagen, wenn der Sprößling keine Gymnasialempfehlung bekommt (wovon inzwischen spezialisierte Kanzleien ganz gut leben), doch ungleiche Chancen gibt es nicht; die mit weniger Kohle bleiben ja ohnehin mit Absicht, gewissermaßen aus Prinzip blöde.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.