:: Noch etwas flexibler, bitte

Galten die Massen der roten Ameisenmenschen dem totalitären Kommunismus nur als Vehikel der Partei, so wünscht man die gefeierten Individuen unserer Tage auch bloß als Ameisen, vereinzelte jedoch, allen Bindungen möglichst entrissen, den Urgewalten der Märkte somit hilflos ausgeliefert, als Konkurrenten gegeneinander gestellt, und darüber hinaus flexibel, bloße Knetmasse also, eben – Werkstoff.

Es ist ein Gleichnis für die widernatürlichen Kräfte des Kapitalismus und die Logik der Akkumulation. Die dem Kapitalismus innewohnende endlose Kapitalakkumulation geht hier einher mit der Idee, Ressourcen unbegrenzt ausbeuten zu können.
Cécile Renouard, Philosophin, ESSEC Business School, in: Über Bananen und Republiken, Dokumentation von Mathilde Damoisel (arte)

Der Wunsch nach vollständiger Verfügbarkeit hat viele Gesichter. Wenn Angela Merkel etwa vor der Wahl Vollbeschäftigung versprach, kann man durchaus fragen, wie diese angesichts der nächsten, der robotischen industriellen Revolution, aussehen soll; ob sie sich anders gestalten könnte als in Form eines allgemeinen Zwangs, noch den letzten „Bullshit-Job“ wahrzunehmen, um pro forma zu „arbeiten“. Als Zwangsarbeit für alle also, unabhängig von Alter und gebotenem Einkommen, verhängt von Arbeitsagenturen, die jedes Widerstreben durch Entzug der Existenzgrundlage abstrafen können. Die Doktrin der Wirtschaftsontologie duldet keine Ausnahmen.

Daß sich kurz vor diesem Wahlversprechen Peter Hartz aus der Versenkung meldete und fand, man könnte ruhig mal mit einer Agenda 2020 in die nächste Runde gehen, mag da kein Zufall sein. Denn wozu sollte, wenn zukünftig enorm viele Tätigkeiten von KIs und Robotern ausgeübt werden können, jeder arbeiten (und was)? Wozu, wenn es um Lebensunterhalt oder Produktivität ginge, und nicht vielmehr darum, Menschen eben ständig beschäftigt zu halten, mit teils sinnlosem Tun, mit Existenzangst, so daß ihnen für gesellschaftliches oder politisches Engagement weder Zeit noch Kraft, keine Ressourcen also, bleiben? Die United Fruit Company verbündete sich, als sie noch den Bananenmarkt beherrschte, mit Diktatoren, die ihre Bevölkerung mit Waffengewalt zur Zwangsarbeit trieben; der binnenkolonialistische Kapitalismus, der heute die Bürger der einstigen Kolonialmächte trifft, benötigt auch hier keine Gewehre, sondern nur die Angst vorm Schlafplatz unter der Brücke.

Nun richtet sich der Aufruf zu noch größerer Flexibilität interessanterweise diesmal nicht an Arbeitssuchende, Multijobber oder Geringverdiener, die sich gefälligst noch mehr anstrengen sollen, sondern an diejenigen, die in durchaus „qualifizierten“ Jobs recht gut verdienen, an Leute nämlich, die immerhin beim Frühstück E-Mails zu lesen haben, was eine „wichtigere“, „qualifizierte“ Tätigkeit suggeriert. Auch sie sollen allumfassend vom Arbeitgeber vereinnahmt werden, wo sie nicht ohnehin längst unter solchen Bedingungen arbeiten – jede andere Identität, die als Elternteil oder Lebenspartner etwa, hat nachrangig zu werden, jede Zuwendung an anderes wenigstens stets begleitet vom Gedanken, ob da noch ein Blick aufs Handy, das Tablet, in irgendwelche Akten zu werfen wäre. Noch mehr als bisher sollen auch sie zuallererst Diener des Firmeninteresses sein, im philosophischen wie konkreten Sinn. Vielleicht finden Herr Schmidt und viele Arbeitgeber ja, daß bei diesen Leuten, anders als bei den Minderlöhnern, noch nicht genug herausgeholt werde, und fordern sie deswegen mehr; so oder so, die Botschaft ist deutlich: Niemand bleibt verschont.

Wird es vor diesem totaler werdenden Zugriff irgendwann ein „Genug“ geben, das sich zum Aufschrei steigert? Oder sind wir, wie Anders schon in den 1950ern befürchtete, gar nicht mehr in der Lage, anderes als das, was wir sollen, auch zu wollen? Immerhin wird uns unsere Unterdrückung, Überwachung, Bevormundung wie gesagt nicht mit der Knarre am Kopf aufgezwungen, sondern als Service präsentiert: Alexa ist so schön praktisch. Und dann diese Gesundheitsarmbänder! Wenn das Leben noch geiler wird, bekommt Herr Sathom glatt einen Herzinfarkt.

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2 Kommentare zu „:: Noch etwas flexibler, bitte“

    1. Ja, die könnt ich dann auch immer vertragen … Deshalb blogge ich nur noch so selten. 😉
      Nee, nee, hab bloß zuviel zu tun. 😉 (Darum verzögert sich auch der Blogger-Award-Artikel noch etwas.)
      Vielen Dank jedenfalls! 🙂

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