:: Ai Weiweis Coup

Na da ist ja wieder was los: Der chinesische Künstler Ai Weiwei verläßt Deutschland – und er tut es mit Krawall.

Deutschland sei intolerant, bigott und autoritär, poltert der Graubart mit dem Enthusiasmus eines grumpy old man, und für Berlin, die Hauptstadt der Selbstverliebtheit, gibt’s nochmal extra Nachschlag; langweilig, häßlich, und die Studenten, mit denen er sich bei seiner spendierten Gastdozentur herumplagen mußte, allesamt faul wie die Sünde. Na ja, und der Nazismus, nicht wahr, steckt wie eh und je in der DNA jedes Deutschen.

Weiweis Kritik finde ich, offen gesagt, in Teilen zutreffend, in anderen überzogen, wenn nicht sogar verleumderisch. Das könnte (müßte) man sachlich diskutieren.

Aber was für ein Aufruhr! Die Presse hält sich zwar auffällig zurück, gibt ihm sogar in Interviews Gelegenheit zum Präzisieren seiner Aussagen; doch spätestens in den Kommentarspalten läuft man Amok, und weithin gewinnt man den Eindruck, daß die Leute – auch Kulturschaffende jeder Couleur, die sich ungefragt einmischen – in erster Linie eines sind: persönlich beleidigt.

Und darum will ich an dieser Stelle gar nicht diskutieren, ob Weiweis Kritik inhaltlich zutrifft oder nicht, zumal das ohnehin schon zur Genüge getan wird; sondern kurz erklären, weshalb ich seine Aktion eigentlich ganz erfrischend fände, wären die Vorwürfe nicht (wie gesagt, teilweise!) ein so irrwitziger Greisenwutanfall.

Denn Ai Weiwei verstößt in den Augen seiner Kritiker gegen ein ungeschriebenes Gesetz. Das lautet, daß der Empfänger einer Wohltat gegenüber dem Wohltäter verpflichtet sei, sich fürderhin ehrerbietig, dankbar und gefügig zu zeigen, und zwar ein Leben lang. Damit widersetzt Weiwei sich einem Anspruch, der an ihn, wie an jeden Nutznießer vermeintlich milder Gaben, herangetragen wird.

Herr Sathom wiederum fragt sich schon seit längerer Zeit gelegentlich, ob nicht der Almosengeber den Empfänger mindestens so nötig braucht, vielleicht nötiger, als dieser ihn. Ob es die Gehorsamspflicht des Hartz-IV-Empfängers ist oder die Erwartung, zugewanderte Kunstschaffende müßten sich nunmehr begeistert von allem Deutschen gebärden und die hiesige Kultur, Politik und wasnichtnoch dauernd über den grünen Klee loben; ob der Bettler in der U-Bahn fein danke sagen soll zu jenen, die ihm eine Münze zuwerfen, gegen die Armut als solche aber nicht vorgehen, und der vom Amt zu Bullshitjobs Verdammte sich freuen, daß er wenigstens diese Fronarbeit noch tun darf; immer sollen die vermeintlich Beschenkten sich gebührend dankbar zeigen – oder gar fortan einen gewissen Gehorsam an den Tag legen. Sie müssen eine Gegenleistung erbringen; womit die Frage aufkommt, wer da eigentlich am Meisten von der ach so großzügigen Gabe profitiert.

Die Wohltäter ziehen aus ihr zweierlei Nutzen. Einmal den fürs Ego, denn hündische Dankbarkeit schmeichelt natürlich; zweitens den, daß die Empfänger nun gewissermaßen verpflichtet sind, des Wohltäters Loblied zu singen, ihm zuzustimmen, gegebenenfalls artig zu tun, was dieser aufträgt. Sie sollen ihn als den Höheren akzeptieren, gegebenenfalls den, der ihnen zu sagen hat, wo’s langgeht; und dies in Habitus und Gestus, in Rede und Verhalten gefälligst zum Ausdruck bringen.

Denn machen wir uns nichts vor – die Aufnahme Ai Weiweis, der damalige Applaus für ihn, all das Schulterklopfen und die Lobeshymnen, die mit der Gastprofessur angebotene, privilegierte Stellung, nützten – oder sollten das zumindest, so die Erwartung – auch denen, die sie gewährten. Der Selbstdarstellung nach außen sollten sie dienen, der Selbstinszenierung des Landes und seiner Kultureliten, und vielleicht hoffte man auch, Herr Weiwei selbst würde Deutschland in Zukunft so supergeil finden, daß er das ständig in aller Welt rumerzählt. Man klopfte eben auch sich selbst auf die Schultern. Wären die Motive wirklich rein menschenfreundlich gewesen, müßte eigentlich auch ein Edward Snowden längst in Berlin herumsitzen.

:: TV-Tipp: Push – Für das Grundrecht auf Wohnen

Eine Ergänzung zu Herrn Sathoms kürzlichem (und, ja, ja, mal wieder überlangem) Vortrag zum Thema Wohnungsnot/Gentrifizierung: In der arte-Mediathek ist noch bis zum 03.05.2020 die Dokumentation Push – Für das Grundrecht auf Wohnen verfügbar.

Mit 90 Minuten ausgesprochen lang für heutige Doku-Verhältnisse geht der Film gerade deswegen in die Tiefe; wer sich für dieses aktuell brennende Thema interessiert, sollte ihn sich daher nicht entgehen lassen. Push beleuchtet nicht nur verschiedene Erscheinungsformen der Gentrifizierung und Mietervertreibung weltweit, sondern auch deren Hintergründe – u.a. die Frage, woher das Geld der Finanzinvestoren, die teilweise ganze Stadtbezirke aufkaufen und Gebäudezüge als Spekulationsobjekt leerstehen lassen, eigentlich stammt. (Spoiler: Wer private Altersvorsorge betreibt, fördert damit u.U. die Wohnungsnot; oder kann im Extremfalls als Rentner von gerade dem Fonds, aus dem seine Rente stammt, aus der Wohnung gejagt werden. Was zu einem Artikel aus der Monde Diplomatique vom Januar diesen Jahres über die Rentenproteste in Frankreich paßt, demzufolge bei solchen „Reformen“ z.B. der Finanzriese BlackRock seine Finger mit im Spiel hat.)

Streiflichter fallen auf die Ideologie, die zum derzeitigen Stand der Dinge führte, zeigen eine seit den späten 1970ern stattfindende Entwicklung auf; die menschlichen Schicksale und die zu Wort kommenden Protagonisten verstören bisweilen. Push ist keine leichte Kost.

Ja, ich weiß, die Zeiten sind schnellebig und Alle haben kaum welche, Zeit nämlich; doch dieser etwas tiefer gehende Ansatz lohnt sich. Der Bericht über die Reise der UN-Sonderberichterstatterin für das Recht auf Wohnen, Leilani Farha, ist bisweilen bedrückend und gelegentlich schwer zu ertragen – auch wenn es am Schluß einen Funken Hoffnung gibt; für ein Verständnis von Ursachen und Auswirkungen, das über die Parole „Man muß eben mehr bauen, bauen, bauen“ hinausgeht, allerdings unabdingbar.

:: Gründen Sie eine Schutzzone! (Ääh, was?!?)

Man findet in seinem Briefkasten ja die merkwürdigsten Dinge. Vor zwei, drei Jahren war das um Silvester herum Werbung für Feuerwerkskörper mit so volkstümlichen Bezeichnungen wie „Thors Hammer“ oder „Odins Feuerpfurz“ oder so; diesmal handelt es sich um eine Flugschrift, die sich ernsterer Themen angenommen hat. Sehr ernster. Apokalyptisch ernster sozusagen – Herr Sathom wird sich gleich eine Schippe schnappen und einen Bombenkeller buddeln. Und Raviolikonserven anhäufen, wegen Prepping und so.

Denn das Flugblatt klärt uns über das Ausmaß der katastrophalen Lage auf, in der wir uns befinden, ohne es zu merken, weil, irgendwie sieht man gar nichts davon; doch der Flyer weiß es besser.

Was ist eine Schutzzone? fragt er, um gleich darauf tröstend die Antwort zu geben: Nein, es hat keine Zombie-Apokalypse gegeben; es ist alles viel schlimmer!

Weil eine Schutzzone ist nämlich ein „Ort, an dem Deutsche Sicherheit finden können.“ Herr Sathom ist jetzt bisher nicht so der Ansicht gewesen, daß Deutsche eine bedrohte Spezies wären; aber man informiert sich ja gern, vielleicht hat das ja was mit dem Klimawandel zu tun, also weiterlesen.

Und Schwerenot: Deutschland ist im Ausnahmezustand. Obwohl eine Schutzzone natürlich nicht „das Gewaltmonopol des Staates infrage stellen“ solle, behauptet der weitere Text fröhlich, daß der Staat „nicht fähig oder nicht willens“ sei, „seine Bürger zu schützen“, daß es zu einer „weitgehenden Kapitulation des Rechtsstaats“ gekommen sei, weil man „vom Staat und seinen Organen im Stich gelassen“ werde. Puha. Aber wer bedroht uns da eigentlich, vor dem der Staat und sein Magen-Darm-Trakt uns nicht schützen?

Ah, da. „Importierte Kriminalität“. Ach so. Die „Dominanz von Fremden“ auch. Das scheint aus Sicht der Flyer-Macher schon an sich ein krimineller Akt zu sein, der entschlossene Gegenwehr erfordert. Also diese Fremden da, daß die überhaupt da sind. Dagegen müssen „Recht und Gesetz durchgesetzt“ werden. Gegen das und gegen kriminelle Banden, die den Stadtteil terrorisieren und Frauen bedrohen (gibt’s hier jeden Tag, weißte).

Dem Leser, derart eingestimmt auf das Bild marodierender Rumänenhorden, die plündernd durch die Gassen ziehen und einem die Geranien aus dem Balkontopf fressen, während die Polizei nasepopelnd danebensteht, will bange werden; doch flugs empfiehlt das nationalsozialistische Pamphlet hilfreiche Faltblatt ein Gegenmittel – die Bildung eines bewaffneten Mobs einer Bürgerwehr, um der Gefahr aus dem Orient zu wehren.

Niedlich ist, nebenbei bemerkt, auch der Ratschlag, was zu tun sei, wenn auf dem Schulweg der lieben Kleinen ein Kinderschänder sein Unwesen treibe. Dann gilt es, eine Schulwegwache zu organisieren, bei der man sich mit anderen Eltern abwechseln und SAGT MAL HABT IHR NICHTS ZU TUN?!? MÜSST IHR NICHT ZUR ARBEIT ODER SOWAS, HABT IHR WIRKLICH SOVIEL ZEIT??? Mal abgesehen von der Frage, wie man merkt, daß da so einer herumstrolcht (am langen Mantel vielleicht und den nackichten Beinen?); und davon, daß die Gefahr wohl an sich gering ist, weil heutige Helikoptereltern ihre Bälger ja eh schon mit dem SUV direkt rauf ins Klassenzimmer fahren; wenn einem langweilig ist und man Weltuntergangsphantasien hegt, sollte man vielleicht lieber Project Zomboid spielen. Da hat man ordentlich zu tun, die Kartoffeln (Selbstversorgung!) wachsen nicht von alleine.

Fragen über Fragen türmen sich auf, vor Allem, weil in der Nachbarschaft auch Mitbürger mit Migrationshintergrund wohnen. Dürfen die auch in der Bürgerwehr mitmachen und in der Schutzzone Schutz suchen, weil die ja nur für Deutsche sein soll, siehe oben? Oder sind da nicht nur Biodeutsche mit gemeint, sondern deutsche Staatsbürger, gleich welcher Herkunft? Das wär ja fein, dann wäre das ja gar kein fremdenfeindlicher Flyer – er wäre dann nur ungeschickterweise so formuliert wie einer. Dürfen wir – also alle, die in der Nachbarschaft wohnen – dann auch Deutsche verkloppen, die hier Stunk machen (z.B. einem komische Flyer in den Briefkasten werfen)? Oder ist die Schutzzone mehr so’n Fleckerlteppich, ein/e Grundstück/Wohnung drin, andere draußen, die nächsten wieder drin? Und was soll dieser Quatsch, daß eine Schutzzone auch „ein Fahrzeug“ sein könne? Sollen wir uns hier Panzerwagen basteln oder was?

Vor Allem aber: Was bezweckt das Ganze?

:: Tucholsky. Das war mir ja einer.

Na, icke mal wieder: Den halben Nachmittag Tucholsky gelesen. Tucholsky!

Ich bin so gebildet.

(Tucholwer? höre ich junge Millenial-Hipster fragen; nun, Kurt Tucholsky (1890 – 1935) schrieb zur Weimarer Zeit (eine rückständige Epoche, daselbst man seine Mitmenschen noch hören konnte, ohne sich vorher einen Bluetooth-Stöpsel aus dem Ohr zu fummeln) politisch-satirische Glossen und Kolumnen für die Wochenzeitschrift Die Weltbühne. Tucholsky war nicht nur linker Pazifist und hellsichtiger Warner vor den Nazis; sein Intellekt, seine Analysefähigkeit und sein treffsicherer Witz waren von einer Schärfe, die heutige journalistische Glossenschreiber sich wünschen müßten, würden sie sich nicht fälschlich einbilden, beides zu besitzen. Er aber führte eine flotte Klinge – geschliffen formulierungsstark, originell dort, wo gerade mancher bürgerliche Kolumnist unserer Tage nur Denkklischees und Stereotypen reproduziert, und beißend komisch, wo sich jener krampfhaft um Witzigkeit bemüht. Manche seiner Stücke mögen inhaltlich nur noch von zeithistorischem Interesse sein, andere dagegen sind gerade heute noch brennend aktuell, und lesenswert allesamt. Na ja, findet jedenfalls Herr Sathom.

Hier, wer auch mal will: Kurt Tucholsky bei Textlog.