:: Gründen Sie eine Schutzzone! (Ääh, was?!?)

Man findet in seinem Briefkasten ja die merkwürdigsten Dinge. Vor zwei, drei Jahren war das um Silvester herum Werbung für Feuerwerkskörper mit so volkstümlichen Bezeichnungen wie „Thors Hammer“ oder „Odins Feuerpfurz“ oder so; diesmal handelt es sich um eine Flugschrift, die sich ernsterer Themen angenommen hat. Sehr ernster. Apokalyptisch ernster sozusagen – Herr Sathom wird sich gleich eine Schippe schnappen und einen Bombenkeller buddeln. Und Raviolikonserven anhäufen, wegen Prepping und so.

Denn das Flugblatt klärt uns über das Ausmaß der katastrophalen Lage auf, in der wir uns befinden, ohne es zu merken, weil, irgendwie sieht man gar nichts davon; doch der Flyer weiß es besser.

Was ist eine Schutzzone? fragt er, um gleich darauf tröstend die Antwort zu geben: Nein, es hat keine Zombie-Apokalypse gegeben; es ist alles viel schlimmer!

Weil eine Schutzzone ist nämlich ein „Ort, an dem Deutsche Sicherheit finden können.“ Herr Sathom ist jetzt bisher nicht so der Ansicht gewesen, daß Deutsche eine bedrohte Spezies wären; aber man informiert sich ja gern, vielleicht hat das ja was mit dem Klimawandel zu tun, also weiterlesen.

Und Schwerenot: Deutschland ist im Ausnahmezustand. Obwohl eine Schutzzone natürlich nicht „das Gewaltmonopol des Staates infrage stellen“ solle, behauptet der weitere Text fröhlich, daß der Staat „nicht fähig oder nicht willens“ sei, „seine Bürger zu schützen“, daß es zu einer „weitgehenden Kapitulation des Rechtsstaats“ gekommen sei, weil man „vom Staat und seinen Organen im Stich gelassen“ werde. Puha. Aber wer bedroht uns da eigentlich, vor dem der Staat und sein Magen-Darm-Trakt uns nicht schützen?

Ah, da. „Importierte Kriminalität“. Ach so. Die „Dominanz von Fremden“ auch. Das scheint aus Sicht der Flyer-Macher schon an sich ein krimineller Akt zu sein, der entschlossene Gegenwehr erfordert. Also diese Fremden da, daß die überhaupt da sind. Dagegen müssen „Recht und Gesetz durchgesetzt“ werden. Gegen das und gegen kriminelle Banden, die den Stadtteil terrorisieren und Frauen bedrohen (gibt’s hier jeden Tag, weißte).

Dem Leser, derart eingestimmt auf das Bild marodierender Rumänenhorden, die plündernd durch die Gassen ziehen und einem die Geranien aus dem Balkontopf fressen, während die Polizei nasepopelnd danebensteht, will bange werden; doch flugs empfiehlt das nationalsozialistische Pamphlet hilfreiche Faltblatt ein Gegenmittel – die Bildung eines bewaffneten Mobs einer Bürgerwehr, um der Gefahr aus dem Orient zu wehren.

Niedlich ist, nebenbei bemerkt, auch der Ratschlag, was zu tun sei, wenn auf dem Schulweg der lieben Kleinen ein Kinderschänder sein Unwesen treibe. Dann gilt es, eine Schulwegwache zu organisieren, bei der man sich mit anderen Eltern abwechseln und SAGT MAL HABT IHR NICHTS ZU TUN?!? MÜSST IHR NICHT ZUR ARBEIT ODER SOWAS, HABT IHR WIRKLICH SOVIEL ZEIT??? Mal abgesehen von der Frage, wie man merkt, daß da so einer herumstrolcht (am langen Mantel vielleicht und den nackichten Beinen?); und davon, daß die Gefahr wohl an sich gering ist, weil heutige Helikoptereltern ihre Bälger ja eh schon mit dem SUV direkt rauf ins Klassenzimmer fahren; wenn einem langweilig ist und man Weltuntergangsphantasien hegt, sollte man vielleicht lieber Project Zomboid spielen. Da hat man ordentlich zu tun, die Kartoffeln (Selbstversorgung!) wachsen nicht von alleine.

Fragen über Fragen türmen sich auf, vor Allem, weil in der Nachbarschaft auch Mitbürger mit Migrationshintergrund wohnen. Dürfen die auch in der Bürgerwehr mitmachen und in der Schutzzone Schutz suchen, weil die ja nur für Deutsche sein soll, siehe oben? Oder sind da nicht nur Biodeutsche mit gemeint, sondern deutsche Staatsbürger, gleich welcher Herkunft? Das wär ja fein, dann wäre das ja gar kein fremdenfeindlicher Flyer – er wäre dann nur ungeschickterweise so formuliert wie einer. Dürfen wir – also alle, die in der Nachbarschaft wohnen – dann auch Deutsche verkloppen, die hier Stunk machen (z.B. einem komische Flyer in den Briefkasten werfen)? Oder ist die Schutzzone mehr so’n Fleckerlteppich, ein/e Grundstück/Wohnung drin, andere draußen, die nächsten wieder drin? Und was soll dieser Quatsch, daß eine Schutzzone auch „ein Fahrzeug“ sein könne? Sollen wir uns hier Panzerwagen basteln oder was?

Vor Allem aber: Was bezweckt das Ganze?

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