:: Da geht noch was II

Zuletzt kommt eine Form von Schmeichelei zum Einsatz, die mal den Kunden gilt – man dankt für ihre Geduld, ihre Selbstisolation, ihr Durchhalten – und mal den eigenen Angestellten. Daß sie Helden sind, versichert der von ihrem Arbeitgeber beauftragte Werbeclip, daß sie alles tun, um die Kunden auch in dieser Lage noch mit allem Notwendigen versorgen, wie dankbar man ihnen sei, und wie besorgt um ihr gesundheitliches Wohl. Dergleichen dürfen sich z.B. aktuell die Niedriglöhner von Amazon sagen lassen, was einigermaßen kurios wirkt, wenn man weiß, wie viel Kritik an den Arbeitsbedingungen des Konzerns schon außerhalb solcher Krisensituationen immer mal wieder geübt wird (etwa im Stern, bei SWR3 oder bei Last Week Tonight von John Oliver). Und immerhin wurde Amazon noch kürzlich von einem französischen Gericht wegen schlechten Gesundheitsschutzes am Arbeitsplatz gemaßregelt – ein Fall, den die Konzernleitung natürlich anders darstellt. Zugleich befriedigt der Bestellkonzern längst nicht wirklich „lebenswichtige“ Bedürfnisse der Bevölkerung, wie auch John Oliver in einer anderen Folge von Last Week Tonight aufzeigte: Derzeitige Renner sind u.a. Sexspielzeuge.

Zu guter Letzt kann man die aktuelle Situation natürlich direkt für Produktwerbung nutzen. Was empfahl ein neulich gesehenes Plakat noch, wo man doch jetzt mit dem Lebenspartner viel zuhause rumsitzt? Zeit, Feuchtkondome zu kaufen!

Das ist allerdings ziemlich geradeheraus, und kann nicht wirklich als Strategie im oben beschriebenen Sinn gelten; also lassen wir es mal außen vor.

Soweit im Groben einige der Marketingstrategien, über die Herrn Sathom sich tagtäglich neu ereifern könnte – weil’s einfach immer noch immer mehr wird. Typisch ist die Verwendung von „buzzwords“, wiedererkennbaren, emotional aufgeladenen Schlagworten, von denen „Helden“ nur das auffälligste ist; verwendet wird es, wo die Firmen Anerkennung für, und Sorge um ihre Angestellten demonstrieren wollen. Andere sollen die Kunden ihrerseits als Alltagsheroen loben, ihnen also schmeicheln, und eine fast familiäre Bindung zwischen ihnen und den Konzernen signalisieren, womit die tatsächlichen Verhältnisse zwischen profitinteressierter Firma, Kunden, und abhängigen Angestellten gewissermaßen aus der Wahrnehmung gelöscht werden, durch das Gefühl einer von Gemeinschaftsgefühlen getragenen Zuneigungsbeziehung aller Beteiligten suggeriert werden soll.

Was nun sagt das über das Verhältnis von Werbestrategen und deren Auftraggebern zur Kundschaft aus, zur Zielgruppe? Geht etwas an den aktuellen Werbekampagnen über die Corona-Krise hinaus, läßt sich hier eine allgemeine Taktik, die auch vor der Krise schon vorhanden war, erkennen? (Spoiler-Antwort: Ja).

Neoliberale Befürworter des Kapitalismus reagieren auf Forderungen nach mehr Sozialstaat oder Regulierung gern mit dem Vorwurf, hier würde ein „Versorgerstaat“ gefordert, der die Bürger unselbstständig und unmündig hält. Interessant ist dabei, daß Konzerne ihrerseits längst begonnen haben, sich das Image eben solcher „Fürsorger“ zu geben – nicht als profitorientierte Unternehmen wahrgenommen werden wollen, sondern als wohltätige Institutionen, die aus purer Nächstenliebe handeln. So betrachtet folgt die aktuelle Corona-Werbung nur einer Strategie, die von der Werbebranche schon länger gefahren wird: der Erzeugung der Fiktion, daß Unternehmen nicht aus Profitinteresse handeln, sondern aus selbstloser Nächstenliebe. Daß die höchsten Konzernspitzen und kleinsten Angestellten gemeinsam vom Wunsch getrieben sind, alle Menschen zu beglücken; unermüdlich an einem paradiesischen Utopia werkeln, in dem alles für Dich, Dich, Dich ist und Deins, Deins, Deins. Die Mission der Supermarktangestellten, Paketpacker und ihrer Manager: Ihre Kunden mit Gaben zu überhäufen, sie regelrecht zu verwöhnen wie Säuglinge an der Nabelschnur; so ausgiebig und beständig, so per 24-Stunden-Lieferdienst verfügbar, daß Bedürfnisse nicht nur sofort befriedigt werden, sondern gar nicht erst auftreten. Letztlich also fügt sich der Eifer, mit dem Werbeagenturen und ihre Auftraggeber derzeit auf den Virenzug springen, lediglich in eine schon lange flächendeckend angewandte Taktik – die Menschen glauben zu machen, daß man lediglich ihr Wohl im Auge hätte statt des eigenen Profits, und sie in den Stand Wohltaten empfangender Kinder zu versetzen. Kein Versorger- und Fürsorgerstaat könnte das besser.

Zugleich erinnert das Herrn Sathom an die Taktik mancher Branchen bzw. Konzerne, sich unter dem Vorwand des freundlichen Engagements im Bildungsbereich Zutritt zu Schulen zu verschaffen: Indem indem sie fehlende Mittel und schlechte Ausstattung der Schulen nutzen, und kostenlose „Lehrmaterialien“ anbieten, sogar PR-Teams zur Gestaltung von Unterrichtseinheiten aussenden, wenn Lehrermangel herrscht, schaffen sie für sich die Möglichkeit, Schüler/innen zu indoktrinieren.

Manchmal – manchmal, wenn er wieder mal denkt, daß sein Leben immer mehr einem Philip K. Dick-Roman ähnelt – fragt sich Herr Sathom, inwieweit Sozialisationsaufgaben längst von PR- und Werbestrategen an sich gerissen, bzw. ihnen von der übrigen Gesellschaft widerstandslos überlassen wurden; so daß sie nun die Bevölkerung nicht mehr zu Bürgern, sondern zu Followern erziehen. Zu Gefolgsleuten gewissermaßen, die den Konzernen anhängen wie einst das Lehnsvolk seinen Herrenhäusern.

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