:: Da geht noch was II

In der Breite führt dieses Vorgehen zur Entstehung eines narzißtischen Menschentyps, der meint, die ganze Welt existiere nur zum Zweck seiner sofortigen Bedürfnisbefriedigung; und sei bevölkert von dienstbaren Geistern, die Tag und Nacht keinen schöneren Daseinszweck kennen, als ihm zu dienen, weil er so großartig ist. Unter welchen Bedingungen diese Geister durch ihr prekäres Dasein spuken müssen, interessiert ihn nicht; und der aktuelle Applaus, mit diese „Helden“ bedacht werden, ist nur Selbststilisierung derer, die da klatschen.

Weit hergeholt? Es gibt durchaus Indizien, die für eine solche These sprechen.

In einer Folge seiner (übrigens vorzüglichen) Serie Patriot Act zum Thema Amazon zeigt der US-Komiker Hasan Minhaj, daß der so entstandene „Menschentypus“, vor die Frage gestellt, ob er das Richtige oder das Bequeme tun soll, sich stets für seine Bequemlichkeit entscheidet. Er/sie kann wissen, daß das Unternehmen seine Angestellten schlecht behandelt und bezahlt, daß es kleinere Mitbewerber mit Wildwest-Methoden vernichtet – und wird sich dennoch im Zweifelsfall meist entscheiden, dort zu kaufen, weil es einfacher, schneller, komfortabler ist. Dieses Verhalten läßt sich im Alltag ununterbrochen beobachten, und Hand aufs Herz – wer wäre nicht gegen Massentierhaltung, und kauft dann letztlich doch jedes Mal das billigere, weil mit dem Leid zusammengepferchter Kreaturen vorfinanzierte, Produkt?

Darum kann die vielzitierte „Abstimmung mit den Füßen“, die Neoliberale gern als Alternative zur gesetzlichen Regulation empfehlen – die Idee also, daß der Kunde durch seine Kaufentscheidung Konzerne zwingen könnte, z.B. mehr Öko-Produkte anzubieten, oder Mitarbeiter fairer zu bezahlen – nicht funktionieren. Dem Kapitalismus ist längst gelungen, woran der Sozialismus scheiterte – die Heranziehung eines „Neuen Menschen“, der ganz im Sinn des Systems funktioniert. Und der sich in allen Lebensbereichen von Großkonzernen, die ihn „bilden“ und „erziehen“, umhegt und umsorgt fühlt.

Was aber sagt uns das Corona-Reklamefieber über das Verhältnis der Beteiligten zur Welt allgemein? Einer Welt, die offenbar auch noch derart krisengeschüttelt als Rohmaterial für lukrative Geschäfte wahrgenommen wird, sogar das Virus noch als Vermarktungshilfe bereitstellen muß? Eben das.

Die aktuelle Ausnutzung der Corona-Krise, so opportunistisch sie ist, fügt sich letztlich nur ins Gesamtbild.

P.S. Was Amazon betrifft, hier noch der Hinweis auf einen Artikel der Monde Diplomatique vom 9./10.04.2020 (deutschsprachige Beilage zur taz), der online leider nur gegen Bezahlung einsehbar ist. „Hinter den Mauern von Amazon“, so der Titel, herrschten angeblich zumindest anfangs gravierende, je nach Land unterschiedliche Mißstände. Wegen der explodierten Nachfrage zusätzlich eingestellte Mitarbeiter erlebten demzufolge unzureichende Schutzmaßnahmen, z.B. dicht gedrängtes Personal u.a. in Frankreich, zum Ausglich von Krankheitsfällen Einstellung von Zeitarbeitern, die unter solchen Bedingungen nach wenigen Tagen ebenfalls erkrankten (Spanien), die Aufforderung eines örtlichen Managers, auch mit Fieber zur Arbeit zu kommen (Japan), international unvollständige Meldung möglicher Corona-Fälle, Weigerung, Lager zu schließen, in denen Fälle aufgetreten waren (Spanien) – so wenigstens die Vorwürfe von Angestellten und Gewerkschaftsangehörigen der jeweiligen Länder. Amazon, so der Artikel, habe sich inzwischen zumindest teilweise dem Druck gebeugt und Abhilfe geschaffen, locke mit geringfügigen Lohnerhöhungen, schließe und desinfiziere Einrichtungen.

Herr Sathom will dabei keinen der in der Monde Diplomatique angeprangerten Mißstände als derzeit noch aktuelle Tatsache behaupten, zumal Amazon auf die Kritik reagiert hat bzw. dieser widerspricht; andererseits beruhen die Vorwürfe auf Aussagen von Gewerkschaftlern und Angestellten, während entgegenlautende Nachrichten in den ihm zugänglichen journalistischen Quellen den Charakter per Copy/Paste übernommener Pressemitteilungen haben. Auch diese Verlautbarungen bedienen sich der o.g. buzzwords, die inzwischen offenbar zum bevorzugten Vokabular der Werbe- und PR-Strategen gehören. Die Situation ist jedenfalls im Wandel, und die genannten Zustände werden unterschiedlich dargestellt; Herr Sathom wird hier nicht abschließend behaupten, all dies habe sich wirklich so oder so abgespielt. Welchen Quellen sie inwieweit vertrauen wollen, müssen die Leser/innen entscheiden. Und auch, ob sie an eine von vornherein vorhandene Wertschätzung der Mitarbeiter, wie sie die Eigenwerbung mancher Konzerne behauptet, glauben möchten.

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