:: Das Kapital in Zeiten von Corona

Kann all dies nun zu einem Umdenken führen? Nicht umsonst wird inzwischen auch in bürgerlichen, sonst tendenziell eher wirtschaftsliberalen Medien der Kurs der letzten Jahre als Problemursache ausgemacht; hinzu kommt ein weiterer Zug der Debatte – der, daß bisher wenig geachtete und gering entlohnte Berufe im Gesundheitswesen, aber auch z.B. im Einzelhandel, höhere Wertschätzung erfahren, und über bessere Bezahlung nachgedacht wird.

Zugleich mehren sich die Stimmen derer, die eine „Rückkehr zur Normalität“ fordern – eine Zauberformel, die den Zustand vor Covid-19 rasch wieder herstellen soll. Capitalism as usual, ggf. unter Inkaufnahme eines gewissen Blutzolls, der in Form bedauerlicher Todesopfer unter Beschäftigten und Risikogruppen eben hingenommen werden müsse. Nicht überall wird das so explizit ausgedrückt wie in den USA, wo konservative Politiker und Journalisten forderten, für eine Wiederöffnung der Wirtschaft gegebenenfalls Menschenleben zu opfern – bzw. den Risikogruppen, vornehmlich den Älteren, nahelegen, sich „für ihre Enkel“ freiwillig auf den Altar zu legen. Dieser Zynismus führt die Betrachtung des Menschen als bloße Ressource und Material zum Verbrauch durch die Reichen nur zu dem logischen Ende, das in den Doktrinen von Kapitalismus und Neoliberalismus bereits angelegt ist.

Das traut man sich nicht überall. Hierzulande wünscht man – vorneweg die FDP – eher „Erleichterungen“ für Wirtschaft und Arbeitgeber, die jetzt aber mal kommen müßten; worin diese bestehen sollen, bleibt vage, doch während man nur vermuten kann, daß damit Verschlechterungen für Arbeitnehmer einhergehen könnten, wird immerhin ein Punkt explizit: Steuern runter.

Diese Forderung steht in völligem Gegensatz zu dem, was man aus dem oben gesagten viel eher folgern könnte – daß es nämlich Zeit wäre, Reiche und Konzerne stärker zu besteuern, damit sie ihr Teil zum Allgemeinwohl beitragen, z.B. Vorsorge für katastrophale Ereignisse und eine grundsätzlich bessere Ausstattung des Gesundheits- und Pflegesektors mitfinanzieren. Daß man also das egoistische Profitinteresse Einzelner zugunsten der Mehrheit einhegen sollte.

Gegen das – möglicherweise nur kurzfristige, dem Schock entspringende – Nachdenken über das kapitalistische System rührt sich also die Tendenz, so weiterzumachen wie bisher, nur eben nochmal verstärkt. Das entspricht dem – hier gelegentlich schon erörterten – Prinzip neoliberalen Denkens, als Antwort auf alle Probleme, die der Kapitalismus verursacht, ein „Mehr desselben“ zu fordern. Daß die FDP ihren Wirtschaftsliberalismus als politische Liberalität tarnt und alte Parolen wie die der „Eigenverantwortung“ (statt angeordneter Maßnahmen) aus der Mottenkiste holt, entspricht lediglich ihrem Markenimage. Auch die Lobbyisten sind schon am Start – das zeigte die Diskussion um die Heinsberg-Studie.

Und täuschen wir uns nicht: Wenn auch das Menschenopfer für die Götzen des Börsenkurses bei uns nicht so unverhohlen gefordert wird wie anderswo, läuft eine „Rückkehr zur Normalität“ auf etwas sehr ähnliches hinaus. Denn schon in dieser „Normalität“ werden Menschenleben zumindest riskiert. Wer etwa die Anzahl von Notfall- und Intensivbetten bewußt niedrig hält, rechnet immer mit ein, daß im Fall eines Falles irgendwer über die Klinge springen muß; Kollateralschäden, verschmerzbare Verluste aus der Sicht des Aktienhalters. Auch nicht zu vergessen die sogenannte Triage, also die Patienteneinteilung: Die Frage, wann Ärzte angesichts unzureichender Behandlungskapazitäten entscheiden sollen, welche Patienten sie noch behandeln, welche sterben lassen. Daß diese „ethische“ Frage überhaupt diskutiert wird, gründet in eben diesen fehlenden Kapazitäten – und darin, daß diese quasi wie eine Naturgegebenheit behandelt werden, an der man eben nichts ändern kann, und daher schwierige ethische Entscheidungen treffen muß. Die eigentliche ethische Frage wäre dagegen, ob Menschenleben nicht so viel bedeuten müßten, daß diese Kapazitäten zukünftig zu schaffen sind – und wäre es gegen das schnelle Profitinteresse von Krankenhaus-Betreibern. So zu handeln, wäre an sich ein Imperativ; der mögliche Tod von Patienten ist im jetzigen System bereits billigend – eben als Opfer für den Gott Markt – in Kauf genommen.

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