:: Das Kapital in Zeiten von Corona

Daß Kuba sich übrigens leisten kann, Ärzte nach Italien und Afrika zu schicken, liegt auch daran, daß das dortige Gesundheits- und Bildungssystem keinen privaten Verdienstinteressen unterliegt: Medizin kann kostenlos studiert werden, was eine hohe Anzahl an Ärzten und Ärztinnen garantiert, und die Seuche ist in Kuba relativ leicht kontrollierbar, weil Kubaner mit einer Krankmeldung nicht warten, bis sie womöglich ein Dutzend anderer Leute angesteckt haben. Sie müssen das weder wie in den USA aus Angst vor Einkommensverlust fürchten, noch leiden sie unter der Selbstzerfleischung deutscher Arbeitnehmer, denen in jahrelanger Dauerberieselung eingebläut wurde, daß Kranke nur Faulpelze seien. Dabei ist das Ganze nicht einmal unlukrativ – die Länder, denen Kuba jetzt aushilft, bezahlen dafür je nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten mit Devisen. Es liegt Herrn Sathom fern, das kubanische System zu verteidigen; doch in dieser Hinsicht liefert es ein Beispiel, wie es auch gehen kann. Und wer den Kapitalismus dennoch für das beste aller denkbaren Systeme hält, muß sich eines klar machen – momentan profitiert das kommunistische Kuba ausgerechnet von den Versäumnissen des Kapitalismus, der die Gesundheitsfürsorge weggespart hat. Dieser stützt das Regime nun mit harten Dollars.

Wohin also führt der Weg? Werden die mahnenden Stimmen sich durchsetzen? Oder wird die Nachdenklichkeit schnell wieder schwinden, wenn das Gröbste überstanden scheint und man zur same procedure as every year zurückkehren will?

Meiner Vermutung nach wären zwei Szenarien denkbar. Hinweise, wie das erste aussehen könnte – der Kapitalismus übersteht die Krise, und seine Mißstände setzen sich ungemildert fort – gibt es einige. So hat die Indienstnahme des Virus durch die Werbeindustrie, die ich in früheren Artikeln beschrieb, längst den Charakter des Allumfassenden angenommen – „Coronawerbung“, wie man sie nennen konnte, wurde immer häufiger, noch während diese Artikel erschienen, und fehlt inzwischen kaum noch irgendwo; Dating-Plattformen, Werbeclips für Telefonsex, nichts, was sich nicht als Lebenserleichterung im Lockdown-Dasein empfehlen, und zugleich durch Einblenden diverser #IrgendwasMitWirZusammen-Hashtags Gemeinsinn vorspiegeln würde (statt der Profitinteressen, die diese Wirtschaftszweige wirklich antrieben). Vermarktung einerseits, Profitieren von der Krise (Amazon) andererseits, sie könnten darauf hinweisen, daß der Kapitalismus mit der aktuellen Kritik genau so fertig werden könnte wie mit früheren Bedrohungen seiner Herrschaft; indem er sie absorbiert. Die Hippie-Bewegung, die das Leistungsideal infrage stellte, die 68er mit ihren ikonischen Bildern irgendwelcher Revolutionäre, sie wurden geschluckt, indem ihr antikapitalistisches Potential in eine Ware umgewandelt wurde – in Mode, die jene der Hippiegammler imitierte, ins Tragen von Che Guevara-T-Shirts statt des Machens von Revolution; in Konsum als Ersatzhandlung also. Diese Fähigkeit des kapitalistischen Systems, auch Ideen, die gegen es gerichtet sind, gewissermaßen zu assimilieren, könnte sich auch diesmal durchsetzen. Und es ist immerhin interessant, wie schnell sich von Corona diktierte Sachzwänge plötzlich aushebeln lassen, wenn genug Finanzinteresse und Lobbymacht aufgeboten werden: Hier gibt es plötzlich für Spargelstecher freien Grenzverkehr (was prompt zu Lasten der Betroffenen geht), dort Ausnahmen für die Bundesliga. Auch auf Forderungen nach besserer Bezahlung der wirklich systemrelevanten Berufe – Kranken- und Altenpfleger*innen z.B. – läßt sich vermutlich im Laufe der Zeit eine systemkonforme „Antwort“ finden. In anderen Bereichen ist das bereits passiert – der Klimawandel führt bisher auch nicht zu einer Minderung des Raubbaus an der Natur, sondern bloß zu neuen Waren (Elektroautos), die nicht weniger Ressourcen und Energie verbrauchen als ihre Vorgänger. Letztlich, so der Verfasser des Monde-Artikels, habe der Kapitalismus es bisher immer geschafft, im Zuge von ihm mitverursachter Katastrophen die Marktmacht sogar noch auszudehnen.

Wir befinden uns in einem Spannungsfeld, einem soziologischen Ereignishorizont; Ausgang unklar. Ein Beitrag des ARD-Kulturmagazins ttt – Titel, Thesen, Temperamente skizziert diese Lage recht gut. Es gibt gesellschaftliche Debatten über Veränderung; Gegner des Kapitalismus, aber auch Reformer wie der Journalist Rutger Bregman, der ihn „retten“ möchte, machen sich entsprechende Hoffnungen, der Soziologe Wilhelm Heitmeyer verwirft diese als „Gesellschaftsromantik“ mit wenig Aussicht auf Erfolg.

Einen Hauptkonflikt zwischen dem Ruf nach Veränderung und einem „Weiter wie zuvor“ dürfte die Frage nach der Finanzierung werden. Wie bereits erwähnt, fabulieren Neoliberale längst von Steuersenkungen; dem entgegen stünde die Forderung, mit der Rutger Bregman 2019 seine Gesprächspartner auf dem Wirtschaftsgipfel in Davos schockierte: Taxes, Taxes, Taxes – Steuern, Steuern, und nochmal Steuern, für die Reichen nämlich, wären das Mittel, ein höheres Gemeinwohl zu finanzieren. Eine Vermögensabgabe von 0,5 Prozent für die reichsten Deutschen werde diskutiert, so der ttt-Bericht; dennoch dürfte der Aufschrei neoliberaler Kräfte angesichts selbst so geringfügiger Beteiligung am Gemeinwohl vorhersehbar sein. Doch auch für eine Entwicklung in die richtige Richtung gibt es Indizien; z.B. verweigerte Dänemark Unternehmen, die ihren Sitz in Steuerparadiesen haben, staatliche Corona-Hilfen.

Welche Tendenz wird sich durchsetzen? Herr Sathom getraut sich im Augenblick nicht so recht, da seinen Kaffeesatz zu Rate zu ziehen. Sicher scheint allerdings eines (und da wären wir wieder bei den Zweifeln des Soziologen bei ttt): „Einfach so“ wird eine Reform des Kapitalismus nicht stattfinden. Es bedarf harter Arbeit, der Mobilisierung breiter gesellschaftlicher Gruppen, sie einzufordern; aktuell sind die stärkeren Bataillone noch bei den Lobbyisten des Alten.

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