:: Verschwörungsmythen: Ein anderer Erklärungsansatz

Warum glauben Menschen an Verschwörungstheorien? Dazu gibt es einige gängige Erklärungsansätze. Herr Sathom hatte sich allerdings schon in einigen vorangehenden Artikeln unzufrieden mit diesen üblichen Modellen geäußert.

Immer, wenn Verschwörungsideen zu bestimmten Themen „hochkochen“ (Migration als „Bevölkerungsaustauch“, Errichtung einer „Impfdiktatur“ samt eingepflanzter Mikrochips etc.), feiern auch Theorien zur Erklärung des Erfolgs solcher Narrative mediale Hochkonjuktur. Es sind immer die gleichen Erklärungen, deren ständige Wiederholung keine neuen Erkenntnisansätze liefert, und die, so mein Eindruck, teilweise falsch oder unzulänglich sind (darin gleichen sie der ewigen Theorie von den „Killerspielen“, die Amokläufe verursachen).

Mit den Gründen für diesen Eindruck wollte ich mich in näherer Zeit einmal auseinandersetzen, doch da ich aktuell nicht absehen kann, wann ich dazu komme, vorerst ein Verweis auf eine ganz andere Annäherung: Im Interview mit ZEIT ONLINE betrachtet Cory Doctorow Verschwörungsgläubige als Menschen, die „im letzten Moment der Wahrheitssuche „falsch abgebogen“ sind. Er verweist dabei auch darauf, daß diese Menschen in ihrer Argumentation oft auf tatsächliche Mißstände – die Macht der Pharmakonzerne z.B., oder tatsächliche Intrigen, die irgendwie ans Licht kamen – hinweisen können; und daß sie in dieser Hinsicht oft verblüffend gut, und zutreffend informiert sind. Diese Annäherung spricht den Betreffenden nicht jegliche intellektuelle Kapazität ab, während die herkömmlichen, medial gern verbreiteten Erklärungsmuster sie oft als dumme, rein emotional reagierende Wesen zeichnen, die in persönlichen Lebenskrisen fast mechanisch nach Verschwörungstheorien greifen; Automaten eher als denkfähige Subjekte, die vom Schulpsychologen seziert und „erklärt“ werden können.

Natürlich gibt es unter Verschwörungsgläubigen unerträgliche Individuen, echte Rassisten und Antisemiten, zudem Menschen, die ihre Verschwörungs-“Theorie“ als Ausrede für narzißtisches Verhalten benutzen, u.v.m. Wenn überhaupt etwas, so belegt auch das allerdings nur, daß es „die“ Verschwörungsgläubigen nicht gibt; daß sie eher ein Konstrukt derer sind, die sich durch die Konstruktion ihrer Erklärungsmodelle von ihnen abgrenzen, oder sich als ihnen überlegen darstellen und wahrnehmen möchten. Das, so einer von Herrn Sathoms Kritikpunkten, scheint überhaupt viel eher das „Ziel“ üblicher Erklärungsmuster, als eine empirisch haltbare Analyse anzubieten. (Daß man Rassisten, Antisemiten und andere, aggressive Verschwörungsanhänger meist rechtslastiger Provenienz deswegen nicht mit Nachsicht behandeln, sondern ihre Ideologien bekämpfen muß, bleibt davon unberührt.)

Daher finde ich Doctorows Ansatz interessant, zumindest besser als die gängigen Erklärungsmodelle; diese scheinen mir oft doch eher der Selbstvergewisserung derer zu dienen, die sie äußern, der Abgrenzung, ggf. auch der Abwertung der Verschwörungsgläubigen; der Erklärung „Wir sind besser als die da“. Selbst der Umstand, daß diese Erklärungsmodelle bei der Bekämpfung der Verschwörungsmythen bisher stets erfolglos blieben, wird nicht als Hinweis auf ihre mögliche Unzulänglichkeit erkannt, sondern zum Mangel der betrachteten Menschen umgedeutet – sie sind eben „zu dumm“, um sich über sich aufklären zu lassen. Insofern wirken auch neuerdings aufkommende Vorschläge, auf Verschwörungsgläubige „empathisch“ zuzugehen, eher scheinheilig herablassend – denn auch sie gehen quasi von einer emotionalen Fehlfunktion der Betreffenden aus, nach dem Motto, „sie glauben an UFOs, weil sie ihre Scheidung nicht verknusen können“. So betrachtet ist Doctorows Ansatz weit emphatischer als der, den seit kurzer Zeit manche Psychologen vorschlagen.

Ich will hier in Doctorows wenige Äußerungen keine komplette Theorie hineinphantasieren, sie nur als interessanten Ausgangspunkt für weitere Überlegungen vorschlagen; eben auch, weil eine ausführlichere Behandlung meiner Ansichten zum Thema, wie auch deren Begründung – vermutlich in einer Reihe von Artikeln, nicht nur in einem einzigen – noch wird warten müssen. Immerhin – soviel vorab – ähnelt Doctorows Auffassung meiner, daß die Wahrnehmungen, die Verschwörungsgläubige auf den Irrweg locken, nicht ganz falsch sind. Der Umstand, daß gängige Erklärungsmodelle diese Möglichkeit nicht einmal in Erwägung ziehen, den Betreffenden also quasi jede noch so geringe Auffassungsgabe absprechen, gibt ihnen ein abwertendes Gepräge; das von Projektionen, die den Angehörigen einer privilegierten Schicht, die sich für intellektuell überlegen halten, plausibel scheinen – weil die ihren eigenen Vorurteilen entsprechen.

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