:: Liebe Junge Weiße Männer

Nun will ich mich hier nicht allein als Gegenbeispiel anführen, auch wenn ich als 53jähriger, alter Knacker in diesem Blog schon lange Patriarchats- und Rassismuskritik über, Sexismus oder soziale Ungerechtigkeit thematisiere; seid also versichert, daß es viele solche alte, weiße Männer und Frauen gibt, daß wir „Boomer*innen“ überhaupt eine politisch und biographisch sehr diverse Generation sind, zu der, stellt euch vor, z.B. auch immer schon Homosexuelle gehörten, oder Frauen, oder Angehörige diskriminierter Randgruppen.

Und wohlgemerkt: Begriffe wie „Alter Weißer Mann“ oder „Boomer“ ergeben in bestimmten Kontexten durchaus Sinn. Der Begriff der „Boomer*in“ z.B. faßt durchaus richtig eine Generation zusammen, die gegenüber dem Klimawandel eine merkwürdige, schon suizidale Passivität oder Gleichgültigkeit an den Tag zu legen scheint (ein psychologisches Problem, das einmal einer eigenen Analyse bedürfte, jedoch keines, dem mit derogativen oder moralischen Angriffen beizukommen wäre). In Bezug auf die Genderdebatte ist er dagegen vollkommen sinnlos, bedenkt man, daß zu den Boomer*innen eben auch die Feministinnen der 1900er Jahre gehören, und daß die Genderforschung gerade von dieser Generation entwickelt bzw. vorangebracht wurde.

Geht es um patriarchale Privilegien, kann man wiederum durchaus die alten Weißen Männer kritisieren (nur, die jungen dann eben auch; ebenso die dunkelhäutigen; kurz, eben Männer). Weiße alte Männer stehen hier sicherlich an der Spitze der Privilegienhierachie. Darunter tummeln sich aber genug andere Paschatypen, und umgekehrt sind nicht alle weißen Greise patriarchale Überzeugungstäter. Der ständige Verweis männlich-weißer Meinungsmacher auf ihre Jugend ist nichts als ein billiger Versuch, sich aus den beiden anderen Zusammenhängen – denen des weißen Privilegs und der Männlichkeit – heraus zu subtrahieren. Wir sind jung, also auch in Fragen des Rassismus, des Ökobewußtseins, der Wokeness über jeden Verdacht erhaben.

Daß Ihr jungen weißen Männer beinahe jedes Thema – von Genderdebatte bis Klimawandel – in euren Texten beinahe vergessen, das Ganze in eine Selbstdarstellung à la „Wir sind jung und gut, ihr seid alt und böse“ wenden könnt, ist verräterisch; legt nahe, daß diese Themen für euch auswechselbar sind, beliebige Aufhänger, euch selbst zu inszenieren. Das Ziel: Vor allem, die alten Männer eurer eigenen Branche vom Thron zu jagen – um irgendwann selbst welche zu werden.

Denn das nun ist eure Masche. Wann immer unterprivilegierte oder diskriminierte Menschen aufstehen, werdet Ihr munter (von allein dagegen nie); drängt euch an den Betroffenen vorbei, nehmt ihnen das Wort, und führt es von da an statt ihrer. Redet für sie, die doch für sich selbst sprechen wollten. Das allerdings ist, was sonst „alte weiße Männer“ (und Privilegierte überhaupt) tun – sie reden über andere gesellschaftliche Gruppen, für sie oder gegen sie, oder verschweigen sie ganz (daß sich irgendwer, alte/r oder junge/r Aktivist*in, schon einmal für die U-Bahn-Bettler*innen oder die in Mülleimern nach Flaschen wühlenden Armutsrentner*innen einsetzte, habe ich jedenfalls noch nicht bemerkt). Sie entscheiden, über wen gesprochen wird, und über wen nicht, wer negiert, vergessen wird; und eben diese Position, wenn Ihr ehrlich seid, strebt Ihr an. Denn so erklären sich eure Attacken auf eine Altersgruppe, diene es der Sache oder nicht, eure ewige Betonung eurer Jugend, als stelle diese allein schon ein sachliches Argument dar. Eines mit Verfallsdatum allerdings – wie wollt Ihr euch eigentlich später einmal legitimieren, wenn Ihr alt geworden seid, saturiert, und etabliert? (Feist und selbstzufrieden müßt Ihr nicht mehr werden, denn seid Ihr ja schon.)

Es gibt genug Sibel Schicks, Samira El Ouassils, Greta Thunbergs und andere, die sich, meine ich, schon deutlich zu artikulieren wissen; sie kämen auch ohne euch aus. (Texte von Feministinnen z.B. les ich ganz gern. Sie sind i.d.R. clever, hochintelligent, witzig und durchdacht (Ausnahmen gibt’s immer). Manche Provokation kann – und muß – man(n) aushalten. Von euch dagegen seh ich immer nur „meh meh meh die sind alt wird sind jung meh meh meh.“ Das ist plump, und auch viel zu leicht durchschaubar.

Ich will nun Männern nicht verbieten, sich für Gleichberechtigung, oder die Interessen von Transgender-Menschen, oder gegen Rassismus zu äußern – dann müßte ich ja auch selbst die Klappe halten. Ihr jedoch bedient euch solcher Anliegen nur als Mittel der Selbstinszenierung. Wollt euch gegen eine Clique arrivierter Deutungshoheiten in Szene zu setzen, um diese zu beerben. Was ja nicht einmal falsch oder unverständlich wäre, würdet Ihr zu diesem Zweck nicht pauschal eine ganze Generation verleumden, auch die ihrerseits unterprivilegierten, ohnmächtigen, benachteiligten Angehörigen derselben. Sie der Diskriminierung preisgeben, weil man ja, um sich selbst zu erhöhen, immer jemandem braucht, auf den man herabsehen kann.

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