:: Der Dieter mal wieder (Part II: Dieter Nuhr vs. Alice Hasters)

Hallo Leute, willkommen zu Teil 2 unseres lustigen Dieter-Bashings (#LaßsteckenichhabkeinTwitter). Lektüre des vorangehenden Artikels wird dringend empfohlen (da geht’s mehr ums Prinzipielle als um einen Einzelfall, und die Leute sollen ja wissen, warum ich mich so echauffiere; außerdem beziehe ich mich immer wieder auf das dort Gesagte).

Nun aber zum jüngsten Aufreger um den Dieter.

Der hat sich nämlich selbst aufgeregt über ein Buch, das er am Bahnhofskiosk gesehen haben will. Es heißt „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen – aber wissen sollten“ und stammt von einer Frau Alice Hasters. Das Buch sei in den USA ein „Riesenrenner“, weiß Dieter, und: Der Titel sei „reißerisch“ und selbst rassistisch, weil er Weißen „aufgrund ihrer Hautfarbe automatisch Rassismus unterstelle.“

Ähm … ja. Lassen wir mal beiseite, daß Dieter das Buch nicht gelesen hat (und es auch gar nicht behauptet); denn es geht noch blöder. Frau Hasters ist nämlich eine deutsche Journalistin, deren Schmöker in den USA nie erschienen, bisher noch nicht einmal ins Englische übersetzt worden ist. Das ficht den Dieter nicht an, zu behaupten, daß solch linke Scheinintellektualität und Arroganz maßgeblich zum Aufstieg Donald Trumps beigetragen hätten. Weil, Alice Hasters, das klingt ja irgendwie englisch, das kann ja wohl keine Deutsche sein (schwarz ist sie auch noch), das muß ja dann ein amerikanisches Buch sein und deshalb. So ungefähr dürfte sich der intellektuelle Prozeß in Dieters Zwiebel abgespielt haben. Soviel, nochmals, zu seiner Selbstinszenierung als der Aufklärung verpflichteter Vernunftmensch (siehe vorangegangener Artikel). Wirklich ein besonnener Faktenchecker, der Dieter: Schwarze Autorin = bestimmt ein US-Bestseller = irgendwas mit Rassismus gegen Weiße weil kommt mir plausibel vor. So geht rationales Denken.

Auf seinen geistigen Schiffbruch angesprochen, erklärt er, der „formale Fehler“ und dessen „Nebensächlichkeit“ wären im Fact-Checking unbemerkt geblieben.

WIRKLICH, DIETER? Weißt Du als abiturbestätigter Bildungsmensch tatsächlich nicht, daß man über die These einer Autorin nichts wissen kann, wenn man das verdammte Buch eingestandenermaßen NICHT MAL GELESEN HAT? Oder daß nicht jede(r) Deutsche SCHLOHWEISS IST WIE GEISTER-BOB, UND NICHT JEDE FRAU MIT SCHWARZER HAUTFARBE AUTOMATISCH US-BÜRGERIN? Mal ganz abgesehen davon, DASS SCHLUSSFOLGERUNGEN IN FORM WILDER GEDANKENSPRÜNGE, BASIEREND AUF UNGEPRÜFTEN VORANNAHMEN, gerade so IRRATIONAL sind, wie du es anderen ständig vorwirfst? Und WER ZUM TEUFEL IST GEISTER-BOB, WARUM KOMMT UNS HERR SATHOM HIER MIT VERWEISEN AUF IRGENDWELCHE ALTEN FILME MIT PAUL NEWMAN?!?

Und das von Dir, der sich stets als bodenständiger Bildungsbürger gibt; und sich so stolz auf den Geist der Aufklärung beruft, als würde der Kerl neben Dir stehen und jedes deiner Worte abnicken? Also wirklich, Dieter. Manchmal machst du mich so wütend, daß ich direkt in Großbuchstaben schreibe.

Nun ist gerade der Gedankensprung in Nuhrs Aussagen zum Hasters-Buch nicht unwichtig. Um zu erklären, weshalb, muß ich etwas ausholen.

:: Der Dieter mal wieder (Part I: Dieter Nuhr vs. … SCIENCE!)

Ich sag’s ja ungern, weil’s so großkotzig klingt: Aber ich hab Nieter Dieter Nuhr schon vor Jahren durchschaut. Inzwischen haben’s ja, von einer nibelungentreuen Hardcore-Fangemeinde mal abgesehen, anscheinend fast alle kapiert. Und sich auf den Guten eingeschossen, der sich, getreu seinem Selbstbild als Inkarnation des Gesunden Menschenverstandes, mißverstanden und zum Gegenstand einer Hexenjagd gemacht fühlt, ach was, eines regelrechten Pogroms gar. Der geifernde Mob hat nichts Geringeres als als die „soziale Vernichtung“ des armen Dieter im Sinn; mit Fackeln und Mistgabeln sucht er ihn auf den Scheiterhaufen zu zerren, der sich mit eigenem Sendeplatz und auch sonstigen Fernsehauftritten sonder Zahl gesegnet, dennoch mundtot gemacht sieht.

Bloß na ja, eigentlich macht Dieter Nuhr nichts anderes als das, was er schon seit Jahren tut – nur, daß es zunehmend mehr Leuten auffällt, nicht nur wenigen, die ihn, wie Christine Prayon, schon früher kritisiert haben.

Daß ich mich zu Dieter Nuhr trotz langjähriger Abneigung bisher nie ausführlich äußerte, höchstens randständig vielleicht, hat vor Allem zwei Gründe. Der erste ist schlicht arbeitsbedingter Zeitmangel. Denn es geht bei alledem nicht lediglich um die Person Dieter Nuhrs; sondern um seine Agenda, um eine bestimmte Ideologie, die er verbreitet, und deren Verankerung im Denken einer bestimmten sozialen Schicht – der bürgerlichen nämlich – mit all den Konsequenzen, die dies für Angehörige anderer Schichten, für sogenannte „Randgruppen“, kurz, für Nuhrs beliebteste Angriffsziele im ganz realen, gesellschaftlichen Alltag hat. Eine Erörterung muß daher entsprechend komplex ausfallen und kann sich nicht am Mann Dieter Nuhr aufhängen, sondern ihn lediglich als Beispiel heranziehen; muß aber, um das zu tun, umfangreiche Beispiele für seine irreführende Agitation in Fragen sozialer Gerechtigkeit, Gendergerechtigkeit, Rassismus usw. liefern. Eine ganze Menge Aufwand.

Die auch erklärt, weshalb das Ganze nun als Artikelserie daherkommt; es ist zu viel, es in einen Text zu packen. Was wiederum dazu führt, daß ich dem eigentlichen Anlaß, das Thema endlich aufzugreifen, bereits wieder hinterherhinke (er wird im zweiten Artikel behandelt werden).

Der andere Grund besteht darin, daß ich die Auseinandersetzung mit ihm als ausgesprochen unangenehm empfinde. Das Phänomen Nuhr so eingehend zu erörtern, wie mir erforderlich scheint, zwingt mich, im Laufe der Jahre gesehene Auftritte, Programme, gelesene Interviews, kurz, alles, was mir aufstieß, noch einmal aufzusuchen – um Belege für meine These zu sammeln, mich zu vergewissern, daß ich Äußerungen nicht falsch erinnere, zitierfähige Quellen zu finden, usw. Die Aussicht, das tun zu müssen, hat auch aktuell dazu geführt, die Arbeit an diesem Artikel vor mir herzuschieben; die bloße Vorstellung, sich manche von Nuhrs Einlassungen ein zweites Mal anhören zu müssen, bereitete mir fast körperliches Unbehagen. Daß eines seiner Programme aktuell online nicht mehr auffindbar ist und ich mich da auf meine Erinnerung verlassen mußte, ließ mich regelrecht erleichtert. Und so gestaltete sich die Arbeit an diesem Text vor allem – quälend.

Der Grund für dieses Verhältnis zum Thema besteht vielleicht eben darin, daß es nicht nur um die Person Dieter Nuhr geht. Tatsächlich greift das, was er tut, weit über ihn hinaus; und ich hoffe in der folgenden, längeren Analyse zu zeigen, weshalb er lediglich ein Symptom eines größeres gesellschaftlichen Problems ist (vorgreifend: der Selbstinszenierung des konservativen Bürgertums als herrschaftstragende Schicht, die ihren Hoheitsanspruch auf eine ständig behauptete, tatsächlich jedoch nicht gelebte, aufgeklärte Vernunft gründet). Eines Phänomens, das allerdings anhand Dieter Nuhrs gut illustriert werden kann, denn was er sagt und tut, ist eben – symptomatisch. Die Heuchelei, derer er sich dabei befleißigt (und die zugleich die seiner Anhänger ist), das Ausmaß, in dem diese die gesamtgesellschaftliche Debatte von bürgerlicher Seite prägt, bereiten mir einen schwer zu ertragenden Widerwillen, der mich – um ganz ehrlich zu sein – bisher vor der Aufgabe zurückschrecken ließ.

So, what’s the deal with Dieter? Zwei kürzliche Aufregungen um den Kabarettisten eignen sich recht gut, zu illustrieren, was einem an Dieter Nuhr auf den Wecker gehen sollte, und eben nicht erst seit gestern. Die eine betrifft Nuhrs Verhältnis zur Wissenschaft; die jüngere seine Aussagen zum Buch von Alice Hasters.