:: Der Dieter mal wieder (Part II: Dieter Nuhr vs. Alice Hasters)

Die bürgerliche Mittelschicht – als deren Sprecher Nuhr auftritt – betrachtet ihren Herrschaftsanspruch als legitim, weil sie ihn durch ihren aufgeklärten, rationalen Geist gerechtfertigt sieht. Sie erhebt allerdings keinen direkten, sondern einen mittelbareren Machtanspruch; das Bürgertum verlangt, von den Herrschenden, den Politikern und Parteien, bevorzugt behandelt zu werden – unter besonderer Berücksichtigung der bürgerlichen Lebensweise, die es zu schützen gilt. Man befindet sich finanziell und materiell in der Mitte der Gesellschaft, und die Politik hat dafür zu sorgen, daß das so bleibt, auch, indem sie andere Gesellschaftsschichten ggf. vernachlässigt, oder sogar zu deren Schaden handelt (z.B. soll das Bildungsbürgerkind bessere Schulchancen haben als das Proletenbalg, damit die Hierarchie gewahrt bleibt); der bürgerliche Way of Life (Kernfamilie, Hund, Auto) soll als Norm gelten, und normsetzend für alle anderen sein. Verläßt die Politik diesen Pfad – etwa, wenn Merkels CDU die „Ehe für alle“ erlaubt – empfindet das Bürgertum dies als „Linksruck“ (der keiner ist; die CDU war und bleibt wirtschaftsliberal) und wandert ob soviel gesellschaftlicher Liberalität zur AfD ab. Es geht also weniger darum, selbst aktiv herrschen zu wollen (man läßt sich vielmehr recht gern beherrschen, ganz gleich, von wem); sondern um die Forderung, von den Mächtigen bevorzugt zu werden. Die behauptete Rationalität des eigenen Denkens erfüllt hierbei eine Doppelfunktion: Einerseits legitimiert es den beschriebenen Anspruch; andererseits wird die bestehende Herrschaftsordnung selbst als rational begründet aufgefaßt. Das wiederum qualifiziert beurteilen zu können, meinen ausgerechnet die Bevorzugten, da sie ja die Vernunft als ihr Eigentum reklamieren.

Dieter Nuhr geriert sich – stellvertretend für sein Publikum, als Identifikationsfigur sozusagen – als Inbegriff des idealen, durch den Prozeß der Aufklärung entstandenen Bürgers, der solche Ansprüche rechtens stellen kann. Tatsächlich aber demonstriert er hier, wie dieses bürgerliche Denken wirklich funktioniert: geprägt von Vorurteilen und Stereotypen, kommt es zu vorschnellen Schlüssen, weil es ohne empirische Prüfung immer schon „weiß“, was es vorfinden wird. Auf eine Wahrnehmung (Buchtitel, umweltaktive Greta, demonstrierende Rotzlöffel) reagiert es reflexartig mit einer Deutung, die bereits vorgefaßten Klischeevorstellungen entspricht. Der/die Bürger*innen halten sich für rational, weil sie ihre Vorurteile als empirisch gesichertes Wissen betrachten; da sie vorab beschlossen haben, Vernunftmenschen zu sein, kommt ihnen niemals die Idee, das eigene Denken könnte unvernünftig werden. Das konservative Bürgertum verwechselt sozialen Status mit Bildung, bzw. hält das eine für den Garanten des anderen; inhaltlich hat diese Bildung oft keinerlei Substanz, besteht nur aus einem Kanon von Fertigkeiten, die ermöglichen, gebildet zu wirken (elaborierter Code etc.).

Nuhrs Reaktion auf das Hasters-Buch folgt – wie auch viele andere seiner Nummern – exakt diesem Schema. Man könnte dergleichen dennoch als intellektuellen Schluckauf abtun, der alle mal treffen kann; nu(h)r (ha, ha) daß es bei ihm eben System hat.

Dieter Nuhr findet Andersdenkende komisch. Emanzen, Fridays-for-Future-Kinder, lauter so Weltverbesserungs-Spinner*innen, belustigen ihn und sein Publikum. Menschen anderer Kultur findet er auch schon mal witzig, und der Tiervergleich („Uh-uh-uh!“) lauert stets um die Ecke. Aber das ist noch nicht einmal das größte Problem; das besteht in Nuhrs Agenda.

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