:: Der Dieter mal wieder (Part III: Nimmt das denn gar kein Ende?!?)

Erklären läßt es sich nur aus einer Bereitschaft seines Publikums, an den Vernunftmenschen Dieter Nuhr zu glauben. So, wie Nuhr zu sein vorgibt, möchte es sich auch selbst gern sehen; indem es ihm zustimmt, gelingt diese Identifikation. Sie ermöglicht seinen Anhänger*innen, sich ebenfalls für rein vernunftgesteuerte, einer „wissenschaftlich“ fundierten Wahrheit teilhaftige, Individuen zu halten. Tatsächlich teilen beide lediglich die Vorurteile, Denkklischees und Stereotypen, denen das privilegierte Bürgertum anhängt und diese regelmäßig mit den Ergebnissen rationaler, aufgeklärter Denkprozesse verwechselt. Der Garant für die eigene Aufgeklärtheit ist die Schichtzugehörigkeit, nebst irgendwann gemachtem Abitur, die diesen Leuten als „Beweis“ der eigenen, erfolgreich abgeschlossenen Aufklärung dient. Anders ausgedrückt: Sie müssen aufgeklärte, rationale Menschen sein, weil sie einer bestimmten Gesellschaftsschicht angehören; alles, was ihnen aus dem hohlen Bauch heraus einfällt, gilt ihnen daher als Ausdruck gebildeter Rationalität, ohne die Bedingungen und Kontexte der Entstehung ihrer Ideen und Vorstellungen je wieder hinterfragen zu müssen. Das einmal irgendwo gehörte, halbverdaute „Wissen“ gilt ihnen als gesichert, weil es ihr Wissen ist – weil ihr sozialer Status ihnen die Qualität dieses Wissens garantiert (statt umgekehrt). Daraus, daß sie es besitzen, leiten sie ihren Anspruch ab, beurteilen zu können, daß die bestehenden Herrschaftsverhältnisse gut sind.

Man könnte es auch so formulieren: Einer wie Dieter Nuhr glaubt, daß er gebildet, vernünftig und aufgeklärt sei – und aus diesem Glauben heraus erscheint ihm jeder hanebüchene Einfall, jede oberflächliche Überlegung als Ergebnis sachlichen, analytischen Denkens. Daß ihm seine Eingebungen nur deshalb realistisch erscheinen – oder wenigstens plausibel – weil sie seinen tiefsitzenden, unreflektierten Vorurteilen entsprechen, bemerkt er nicht. Darin gleicht ihm sein Publikum.

Der vermeintliche Beweis ihrer Bildung und ihres aufgeklärten Geistes ist diesen Bürger*innen also ihre soziale und ökonomische Position; diese paart sich mit der Fähigkeit, Bildung durch sozialen Gestus zu simulieren, sich etwa im elaborierten Code auszudrücken, und einige Brocken halbvergessenen Wissens, das sie noch aus der Schulzeit mitschleppen, zu reproduzieren (beliebter Vergleich in bürgerlichen Medien: Jeanne D’Arc war ein Mädchen, Greta Thunberg ist ein Mädchen, die Fridays For Future-Bewegung sei also eine Form religiöser Hysterie; eine Schlußfolgerung, die nicht auf konkreten Zusammenhängen, sondern auf Ähnlichkeit aufgeschnappter Wissensbrocken, also auf Assoziation beruht).

Daß sich die im zweiten Artikel behandelte Debatte an Dieter Nuhrs möglichem – von ihm selbst abgestrittenen – Rassismus entzündete, ist übrigens kurios. Ich erwähnte eingangs, daß ich Nuhr schon lange negativ sehe; und eigentümlicherweise ging es in dem Augenblick, in dem er mir zum ersten Mal suspekt wurde, genau um dieses Thema. Das ist sehr lange her; so lange tatsächlich, daß ich mich weder an den Titel des Programms erinnere noch sagen könnte, wann genau es ausgestrahlt wurde, oder ob sich davon noch Szenen im Internet finden ließen. Es ging, so weit ich mich erinnere, um eine Reise, die Dieter Nuhr an verschiedene Orte der Welt unternommen hatte, um nun von den Kulturen und Völkern zu berichten, die ihm dabei begegneten. (Und irgendwas, glaube ich, mit Pinguinen. Das kann aber auch eine Fehlerinnerung sein. Eckart von Hirschhausen hatte auch mal was mit Pinguinen. Das war aber nicht rassistisch, sondern, wie all seine Glückscoaching-Weisheiten, einfach nur blöd.)

Was an der damaligen Sendung auffiel: Nuhr fand all diese Leute und ihre Sitten komisch. Nicht komisch im Sinne von seltsam oder merkwürdig, sondern komisch, wie man die Affen im Zoo („Uh! Uh! Uh!“) komisch finden kann. Und gerade so stellte er sie dar. Damals fragte ich mich zum ersten Mal – zweifelnd, ungläubig – ob Dieter Nuhr, den ich bis dahin selbst eher für einen Vertreter der Aufklärung hielt, ein Rassist sein könnte. Nun ja.

Dieses Schema jedenfalls zeigt sich in Nuhrs Äußerungen über alle Menschen, die nicht dem Standardmodell des deutschen Mittelschichtbürgers entsprechen. Leute, deren Sitten und Gebräuche (und ich rede hier nicht von Islamismus o.ä., sondern von alltäglichen Verhaltensweisen), sexuelle Orientierung, Lebensstil oder Ansichten von denen des konservativen Abiturdeutschen abweichen, findet er belustigend; und bringt dies, stellvertretend für sein Publikum, zum Vortrag. Dabei stilisiert er sich zum Inbegriff des gebildeten Mitteleuropäers (wie einer meiner Gymnasiallehrer das zu nennen pflegte), der vom Gipfel sicherer Überlegenheit, kultureller wie intellektueller, amüsiert auf das Getümmel einer verblödeten Welt voller kurioser Gestalten herabblicken kann.

2 Kommentare zu „:: Der Dieter mal wieder (Part III: Nimmt das denn gar kein Ende?!?)“

  1. Interessant diese Kontroverse um Nuhr wenn man ihn schon länger kennt. Ich habe noch Dieter Nuhr CDs aus den 90ern, wie auch viele andere Comedy-Programme aus der Zeit. Damals mochte ich das ironische „alter Mann versteht die moderne Welt nicht“ Thema. Wenn er z.B. beschreibt wie er versucht bloß einen Laufschuh zu kaufen (z.B. die ihn überfordernde Frage „Was wollen Sie denn damit machen“).
    Eigentlich macht er wohl noch immer das gleiche Programm aber statt harmlose Themen über die man leicht schmunzeln konnte, hat sich das im Laufe der Zeit anscheinend immer mehr politisiert.
    Hab sein Programm später allerdings nur noch am Rande mitbekommen, evtl mal zufällig im TV reingezappt oder so. Eher mehr über ihn gesehen als ihn selber.
    Anscheinend sucht er aus Marketinggründen die Kontroverse, das hält seinen Namen bekannt. Aber ob das der richtige Weg ist…
    Mittlerweile schüttele ich meist nur noch traurig den Kopf und denke mir „Ach Dieter…“

    1. Geht mir auch so. An sich war ich früher, na ja, nicht direkt ein Riesenfan, aber die Nummern und der Humor haben mir schon gefallen. Wenn in irgendeiner Sendung Dieter Nuhr dabei war, hab ich mich immer gefreut und mich dann meistens auch gut amüsiert.
      Irgendwann kam dann langsam und schleichend so ein Umschwung; ich kann gar nicht wirklich den Finger auf einen konkreten Zeitpunkt legen (die erwähnte Weltreisennummer hat mich zunächst bloß etwas irritiert), aber nach und nach kam er mir immer verbissener und irgendwie auch giftiger vor.
      Und bei mir war es auch so, daß ich zuletzt eher nur noch zufällig in seine Programme gezappt habe, absichtlich hab ich mir das gar nicht mehr angetan. Weshalb es auch eine Quälerei war, das jetzt ganz bewußt zu machen, um meine mit der Zeit gesammelten Eindrücke noch einmal zu überprüfen.
      Ob das Marketing ist oder Ideologie, oder eine Mischung aus beidem? Keine Ahnung. Es wär mal interessant, bei solchen Entwicklungen mehr über die Biographie der Leute zu wissen, ob es konkrete Anlässe gab, die sie in diese oder jene Richtung lenkten, oder ob das als Tendenz schon immer da war, etc. Aber man steckt da halt nicht drin, und so bleibt mir auch nur ein trauriges Kopfschütteln …

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