:: Der Dieter mal wieder (Part III: Nimmt das denn gar kein Ende?!?)

Lassen wir die Frage, ob die Aufklärung selbst eine rassistische Altlast mitschleppt, mal beiseite (Kant selbst stritt ja manchen Völkern ab, zur Aufklärung überhaupt imstande zu sein). Das wäre eine Aufgabe für Historiker und Philosophiegeschichtler. Hier und jetzt ist das Problem an sich nicht Dieter Nuhr; es ist die konservative, bürgerliche Mittelschicht, die sich für aufgeklärt, rational, und objektiv hält, ohne daß diesem Anspruch irgendeine Substanz entspräche. Aus diesem verzerrten Selbstbild jedoch leitet diese Schicht ihren Vormachtanspruch ab, den Dieter Nuhr für sie formuliert.

Und das ist Dieter Nuhrs eigentliches Programm – die Klammer, die all seine einzelnen Showprogramme zusammenhält. Es geht gar nicht darum, gegen wen er sich im Einzelnen wendet, wen er gerade als dumm, irrational oder hysterisch verleumdet; sondern um die Inszenierung, die regelmäßige Aktualisierung eines bürgerlichen Mythos. Dieter Nuhr wiederholt und verstärkt die Vorstellung, die das konservative Bürgertum von sich selbst hegt; die, daß die eigene Lebenseinstellung Ausdruck aufgeklärter Vernunft, und deshalb der eigene Anspruch auf herrschende Stellung in der Gesellschaft gerechtfertigt sei. Daß die besonnene, abwägende Ratio des politisch gemitteten „Bürgertums“ lediglich Opportunismus sei, ist eine Ebene der Reflektion, zu der weder er noch sein Publikum jemals durchgedrungen sind. Nie käme es auf die Idee, seine „ausgewogene“ Betrachtung aller Standpunkte (die z.B. die Äußerungen sogenannter „Querdenker*innen“ und die echter Expert*innen als gleichwertig behandelt) könnte nur Ausrede dafür sein, stets in Passivität zu verharren (Man weiß ja nicht, wer nun recht hat). Tatsächlich gilt es bei dieser „ausgewogenen“ Passivität des reinen Beobachters nur um die Erhaltung des status quo eigener Privilegien; was sich gesellschaftlich, politisch oder ökonomisch ändern soll, ist genau: Nichts.

Es ist dies der rote Faden, der sich durch Nuhrs Gesamtwerk zieht. Es geht um die Bestätigung des Anspruchs auf Vormachtstellung des Bürgertums. Die Gegner*innen sind austauschbar – ob sie Greta Thunberg heißen oder Alice Hasters, ob sie sich gegen den Klimawandel, gegen Rassismus, Homophobie oder was auch immer engagieren; wer bestehende Verhältnisse kritisiert oder Veränderung fordert, ist ein lächerliches Äffchen, bestenfalls närrisch, schlimmstenfalls gefährlich extremistisch.

Sich allein an Nuhr abzuarbeiten, geht daher eigentlich am Problem vorbei. Ein Stellvertreterkampf, der nicht an die Sache rührt. Nuhr ist dafür allerdings ein geeigneter Aufhänger, da sich so viele Mechanismen bürgerlichen Machterhalts, mythischer Selbststilisierung, und verzerrter Wahrnehmung/Darstellung sozialer, ökonomischer und wissenschaftlicher Fakten an ihm demonstrieren lassen; man darf nur nicht den Fehler begehen, an der Personalie Nuhr hängen zu bleiben. Ich hoffe, daß mir das in diesen Artikeln gelungen ist – Nuhr als Exempel zu zeigen für eine gesellschaftliche Schicht, als deren Vertreter er sich inszeniert.

Noch ein paar Nachgedanken:

Wie schon erwähnt, sieht sich Dieter Nuhr gern mal als Opfer einer Hexenjagd, vergleicht Kritik neuerdings sogar mit „Pogromen“. Soweit er das auch auf sich bezieht, wäre das dann allerdings das erste und einzige Mal, daß ein Pogrom je einer Einzelperson galt – eine historische Premiere, was für eine ausgesprochene Größenphantasie Dieter Nuhrs sprechen mag, oder für den Versuch, seine Kritiker*innen besonders diabolisch aussehen zu lassen. Eine Überzeichnung bloßer Kritik, die möglicherweise auch nur zeigt, daß der Dieter an Widerrede einfach nicht gewöhnt ist (wie eingangs gesagt, ist sie in dieser Breite einigermaßen neu). Oder eben an ihm geübte Kritik zum monströsen Extremistenangriff umdeuten möchte.

Zweitens, Nuhrs „Erklärung“ für den Fuck-Up beim Buch von Alice Hasters wirft die Frage auf, ob er seine Recherche eigentlich überhaupt noch selbst macht. Zappelt der Mann, der sich dem Ideal der Aufklärung verpflichtet sieht, vielleicht an den Marionettenfäden irgendwelcher Spinner, denen er ungeprüft alles glaubt? Das wäre dann allerdings auch ein Armutszeugnis.

Und a propos Alice Hasters: Nuhr wirft Anderen gern „Hysterie“ vor. Wenn ihm aber der bloße Anblick des Buchs einer schwarzen Autorin ausreicht, einen solchen Film im Kopf abzuspulen, stellt sich die Frage, wer hier eigentlich hysterisch ist. Und es ist ja nicht so, daß die Reize, die Nuhrsche Reaktionen triggern, sonst weniger oberflächlich von ihm wahrgenommen würden. (Gerade dieses Reiz-Reaktions-Verhalten ist aber eben auch wieder typisch für das bürgerliche Denken an sich: Jede Wahrnehmung wird sofort ins schon „Gewußte“ wegsortiert – und eben nicht durchreflektiert.)

Und dann gibt es da noch eines, das Dieter Nuhr trotz seiner vermeintlichen Bildung offenbar nicht mehr weiß – oder sich davon keine Rechenschaft gibt. Daß sein Sendeplatz bei der ARD nämlich den des alten „Scheibenwischer“ füllt, den ein anderer Dieter, nämlich Hildebrandt, lange so vortrefflich besetzte. Der, vermutlich, angesichts solcher Nachfolge im Grab rotiert wie ein Schlagbohrer. Oder vielleicht weiß Nuhr das ja nur zu genau; ahnt zumindest, was für ein intellektueller Wicht er im Vergleich zu jenem Dieter ist. Und höhnt und hechelt deshalb gegen alles an, wofür jener stand.

Mehr zum Thema:

Dieter Nuhr und die Wissenschaft (MaiLab, YouTube)
Homophobie und Rassismus: Die ARD ist Dieter Nuhrs perfekte Bühne (Nollendorf-Blog)
Das Problem des bürgerlichen Kabaretts (volksverpetzer)


P.S.: Geister-Bob frißt Zwiebeln roh und spült den Geschmack mit kochendem Kaffee runter. Das macht ihm keiner nach, nicht einmal Dieter Nuhr.

2 Kommentare zu „:: Der Dieter mal wieder (Part III: Nimmt das denn gar kein Ende?!?)“

  1. Interessant diese Kontroverse um Nuhr wenn man ihn schon länger kennt. Ich habe noch Dieter Nuhr CDs aus den 90ern, wie auch viele andere Comedy-Programme aus der Zeit. Damals mochte ich das ironische „alter Mann versteht die moderne Welt nicht“ Thema. Wenn er z.B. beschreibt wie er versucht bloß einen Laufschuh zu kaufen (z.B. die ihn überfordernde Frage „Was wollen Sie denn damit machen“).
    Eigentlich macht er wohl noch immer das gleiche Programm aber statt harmlose Themen über die man leicht schmunzeln konnte, hat sich das im Laufe der Zeit anscheinend immer mehr politisiert.
    Hab sein Programm später allerdings nur noch am Rande mitbekommen, evtl mal zufällig im TV reingezappt oder so. Eher mehr über ihn gesehen als ihn selber.
    Anscheinend sucht er aus Marketinggründen die Kontroverse, das hält seinen Namen bekannt. Aber ob das der richtige Weg ist…
    Mittlerweile schüttele ich meist nur noch traurig den Kopf und denke mir „Ach Dieter…“

    1. Geht mir auch so. An sich war ich früher, na ja, nicht direkt ein Riesenfan, aber die Nummern und der Humor haben mir schon gefallen. Wenn in irgendeiner Sendung Dieter Nuhr dabei war, hab ich mich immer gefreut und mich dann meistens auch gut amüsiert.
      Irgendwann kam dann langsam und schleichend so ein Umschwung; ich kann gar nicht wirklich den Finger auf einen konkreten Zeitpunkt legen (die erwähnte Weltreisennummer hat mich zunächst bloß etwas irritiert), aber nach und nach kam er mir immer verbissener und irgendwie auch giftiger vor.
      Und bei mir war es auch so, daß ich zuletzt eher nur noch zufällig in seine Programme gezappt habe, absichtlich hab ich mir das gar nicht mehr angetan. Weshalb es auch eine Quälerei war, das jetzt ganz bewußt zu machen, um meine mit der Zeit gesammelten Eindrücke noch einmal zu überprüfen.
      Ob das Marketing ist oder Ideologie, oder eine Mischung aus beidem? Keine Ahnung. Es wär mal interessant, bei solchen Entwicklungen mehr über die Biographie der Leute zu wissen, ob es konkrete Anlässe gab, die sie in diese oder jene Richtung lenkten, oder ob das als Tendenz schon immer da war, etc. Aber man steckt da halt nicht drin, und so bleibt mir auch nur ein trauriges Kopfschütteln …

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